Marina Abramović

Marina Abramović – The Artist Is Present

Performance "The Artist is present" von Marina Abramović im MoMA. Foto: © NFP

(Kinostart: 29.11.) Auge in Auge mit der Performance-Künstlerin: Drei Monate lang ließ sich Abramović im MoMA von Besuchern anblicken. Matthew Akers dokumentiert ihre Arbeit als Aktionen einer großen Publikums-Verführerin.

Die Beziehung von Marina und Ulay ist eine der großen Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts. Marina Abramović aus Belgrad und Frank Uwe Laysiepen alias Ulay aus Solingen waren von 1976 bis 1988 als Lebens- und Künstler-Paar zu einer Einheit verschmolzen, die es in dieser Form vorher nicht gab.

 

Info

Marina Abramović –
The Artist Is Present

 

Regie: Matthew Akers,
106 min., USA 2012;
mit: Marina Abramovic, Ulay, David Blaine

 

Englische Website zum Film

Sie zogen fünf Jahre lang als Nomaden in einem alten Lieferwagen durch Europa und widmeten ihre ganze Kraft körperbezogenen Performances: einer damals noch sehr avantgardistischen Kunst, die aufwühlte und kaum akzeptiert oder gar respektiert wurde.

 

Langer Abschieds-Marsch über Mauer

 

Ihre Verbindung besiegelte eine letzte gemeinsame Aktion. 1988 starteten sie einen langen Marsch über die Chinesische Mauer: Ulay von Westen, Marina von Osten. Nach jeweils 2500 Kilometern zu Fuß trafen sie sich auf halber Strecke, umarmten sich und sagten für immer «Good-bye».


Offizieller Filmtrailer


 

Liebe als zentrales Thema

 

Matthew Akers’ Dokumentarfilm über Marina Abramović handelt von der Liebe – obwohl ihre Beziehung mit Ulay nur eine Nebenrolle spielt. Die Liebe ist das zentrale Thema ihrer Arbeiten: vordergründig als Verhältnis von Mann und Frau sowie Ritual der Sexualität. Dahinter steht jedoch universelle Liebe als Wesen menschlicher Interaktion.

 

Der Film konzentriert sich auf Vorbereitung und Durchführung von Abramovićs Dauer-Performance «The Artist Is Present» im New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) von Februar bis Mai 2010. Akers begleitet die Künstlerin mit der Kamera, lässt sie ausführlich zu Wort kommen und reichert das mit vielen O-Tönen ihrer Mitstreiter, Galeristen und Kuratoren an.

 

Riskante Spontan-Beziehung

 

So präsent war wohl noch nie eine Künstlerin in ihrer eigenen Ausstellung: Drei Monate lang saß Abramović jeden Tag von morgens bis spätnachmittags auf einem Stuhl in einem Museums-Saal. Auf dem freien Stuhl gegenüber durften Besucher Platz nehmen – und so lange ihren Blick erwidern, wie sie es aushielten.

 

Was nach harmlosem Blinzelspiel klingt, ging ans Eingemachte: In der Gegenüberstellung baute sich eine spontane Beziehung zwischen zwei Individuen auf. MoMA-Kurator Klaus Biesenbach ging damit ein großes Risiko ein: Was würde diese archaische Situation auslösen? Wie reagieren die Menschen im Tête-à-tête mit der Künstlerin?

 

Küssen bis zur Bewusstlosigkeit

 

Risiken ist Abramović in ihren Performances immer eingegangen: Sie präsentierte sich nackt, ritzte sich mit Messern blutig, lud ihr Publikum ein, sie mit Gegenständen zu traktieren, inhalierte minutenlang den Atem ihres Kuss-Partners, bis beide vom Kohlendioxid benebelt bewusstlos zu Boden fielen, oder säuberte tagelang auf der Biennale von Venedig einen Berg von Rinder-Knochen und sang dabei Trauerlieder.

 

Die Performance «The Artist Is Present» ist jedoch radikaler als ihre frühen Arbeiten mit Ulay – und weitaus konsequenter als ihre oft theatralisch und pathetisch anmutenden späteren Projekte. Am Anfang des Films wird Abramović von einem Journalisten mit bemüht klugen Fragen interviewt. Sie wundert sich nur belustigt, man wolle seit zehn Jahren gar nicht mehr von ihr wissen, warum das, was sie mache, Kunst sei.

 

Abramović performt nie nicht

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Beitrag zur Ausstellung
Künstlerinnen-Räume“ über weibliche Wunder-Kammern in K21, Düsseldorf

 

und hier eine Rezension des Film-Porträts „Jean Tinguely“ von Thomas Thümena über den archetypischen Groß-Künstler

 

sowie eine Besprechung der Ausstellung  „Move – Kunst und Tanz seit den 60ern„, in der Kunstsammlung NRW, Düsseldorf.

 

Das beantwortet Akers’ Dokumentation sehr anschaulich; dabei wird deutlich, warum Performance eine wichtige Gattung der Gegenwarts-Kunst ist. Der Kunstkritiker Arthur Danto erklärt es formal: «Das neue Medium war der Körper, und Marina benutzte den menschlichen Leib, um damit fundamentale Standpunkte zu setzen.»

 

Entscheidend an Performances ist, dass der Betrachter selbst zum Beteiligten der Aktion wird. «Abramović verändert ihr Publikum so direkt wie offensichtlich», sagt der Choreograf Richard Move: «Das Herz ihrer Kunst besteht darin, dass sie etwas mit den Zuschauern teilt.» Klaus Biesenbach beschreibt ihre Arbeiten als wirkliche Interventionen und warnt zugleich vor ihrem doppelten Spiel mit dem Publikum: «Sie ist niemals nicht dabei, zu performen!».

 

Tränen mit dem Ex-Geliebten

 

«The Artist Is Present» rührt an, weil diese Performance in ihrer Einfachheit eine existenzielle Situation heraufbeschwört. Dem Film gelingt es, diese Stimmung aufzunehmen, ohne rührselig zu werden. «Marina sehnt sich danach, geliebt zu werden – und sie braucht ihr Publikum wie die Luft zum Atmen. Sie verführt jeden, der sie sieht», erzählt Biesenbach: «Als ich sie das erste Mal traf, brauchte ich eine Weile, bis ich verstand, dass sie in die ganze Welt verliebt ist.»

 

Sich ihrer Liebe im Blickaustausch im MoMA zu erwehren, gelingt auch Ulay nicht. Als der Ex-Geliebte unvermittelt als Gegenüber auftaucht, fließen bei Abramović Tränen. «Diese Arbeit geht an die Grenze», bekennt sie freimütig: «Selbst für jemanden wie mich.»


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