Paolo + Vittorio Taviani

Cäsar muss sterben

Häftlinge in Theater-Kostümen auf der Bühne der Haftanstalt. Foto: Camino Filmverleih
(Kinostart: 27.12.) Berlinale-Sieger 2012: Die Brüder Taviani, Altmeister des Autorenkinos, lassen Gefängnis-Insassen ein Shakespeare-Stück einstudieren. Das ihre eigenen Lebens-Dramen zur Sprache bringt – nüchternes Pathos mit Sogwirkung.

Alles ist vorbei: Nach dem Mord an Cäsar (Giovanni Arcuri) haben die Verschwörer um Brutus (Salvatore Striano) die Entscheidungs-Schlacht gegen das Heer von Marcus Antonius (Antonio Frasca) verloren. Brutus trägt seinen Schluss-Monolog vor und stürzt sich in sein Schwert. Licht aus, begeisterter Premieren-Applaus und glückliche Schauspieler auf der Bühne.

 

Info

Cäsar muss sterben

 

Regie: Paolo + Vittorio Taviani, 76 min., Italien 2011; 
mit: Salvatore Striano, 
Giovanni Arcuri, 
Antonio Frasca

 

Website zum Film

Dann werden die Darsteller abgeführt und in ihre Zellen eingeschlossen: Sie sind Insassen des Hochsicherheits-Gefängnisses Rebibbia am Stadtrand von Rom. Alle wurden als Schwerverbrecher zu lebenslänglicher oder langjähriger Haft verurteilt. Was eben noch eine gelungene Inszenierung der Tragödie «Julius Cäsar» von Shakespeare war, wird beklemmende Realität.

 

Zurück zu Neorealismus-Anfängen

 

Mit diesem Drehort kehren Paolo und Vittorio Taviani, beide über 80 Jahre alt, zu ihren neorealistischen Anfängen zurück. Das neben den Belgiern Jean-Pierre und Luc Dardenne bekannteste Brüder-Paar des europäischen Autorenkinos begann in den 1960er Jahren mit sozialkritischen Filmen über Italiens Wirklichkeit.


Offizieller Filmtrailer, englisch untertitelt


 

Casting im Knast

 

Ihr Cannes-Gewinner «Padre Padrone» über die Emanzipation eines sardischen Schafhirten trug ihnen 1977 internationale Anerkennung ein. Danach verfilmten die Taviani-Brüder vor allem Weltliteratur von Luigi Pirandello, Tolstoi und Goethe. Nun verknüpfen sie beide rote Fäden ihres Schaffens: mit der Verfilmung eines klassischen Theater-Stücks, das zugleich die Lebens-Dramen seiner Akteure widerspiegelt.

 

Das wird schon sechs Monate vor der Premiere anschaulich: beim Casting im Knast. In strengem Schwarz-Weiß treten die Aspiranten vor die Kamera und nennen ihre Personalien; ein Defilee gescheiterter Existenzen. Danach studieren sie mit Regisseur Fabio Cavalli, der das Gefängnis-Theater leitet, ihre Rollen ein: Jeder spricht seinen Text in seinem regionalen Idiom.

 

Haftanstalt als antikes Rom

 

Auch wenn Nicht-Italiener nur die Untertitel verstehen: Der heimatliche Dialekt bringt Shakespeares Poesie diesen Männern nahe, was ihnen deutlich anzumerken ist. Es geht um Freundschaft, Loyalität, Macht, Intrigen und Verrat – all das prägte auch ihren eigenen Werdegang, der in die Isolation von Weggesperrten führte. Das dämmert ihnen, während sie sich ihre Figuren erarbeiten.

 

Der Film begleitet sie in jeden Winkel der engen Welt ihrer Haftanstalt. Zellen, düstere Flure und der Hof für Freigänge werden zu antiken Villen, Katakomben und dem Forum in Rom: Hier deklamieren sie ihre Verse und feilen an ihrem Vortrag. Oft scheint ungewiss, ob Shakespeare diese Zeilen formulierte oder sie soeben der Eingebung der Akteure entspringen.

 

Roms Ruhm-Kult als eigener Ehren-Kodex

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Ludwig II." von Peter Sehr + Marie Noëlle, ein Märchenkönig-Biopic in TV-Manier

 

sowie hier eine Kritik des französischen FilmsLeb wohl, meine Königin!von Benoît Jacquot mit Diane Kruger als Marie Antoinette.

Das fragen sich offenkundig auch die Mitspieler selbst: Manchmal kochen ihre Emotionen hoch, weil das Stück unter ihnen schwelende Konflikte zur Sprache bringt. Für seine Aufführung ist kaum ein passenderer Schauplatz denkbar. Er liegt nicht nur in derselben Stadt, in der vor zwei Jahrtausenden der Imperator herrschte und zu Fall kam – auch die Darsteller hätten damals ideale Gefolgsleute und Feinde Cäsars abgegeben.

 

Diese Kraftkerle mit markanten Charakterköpfen verkörpern blendend die Häscher und Schmeichler, Feldherren und Führernaturen, die das Stück bevölkern. Der Kult um Stärke und Ruhm in der römischen Republik ist auch ihr eigener Ehren-Kodex. Den bringen sie am Ende bei der Premiere mit einer authentischen Wucht auf die Bühne, die Gänsehaut auslöst.

 

Mit 76 Minuten recht kurz

 

So kreuzen die Brüder Taviani Kunst und Leben mit nüchternem Pathos, an dem man sich kaum satt sehen kann. Mit 76 Minuten Laufzeit ist der Film recht kurz geraten, doch seine intensive Sogwirkung lässt keine Sekunde nach. Für eine halbdokumentarische Gefängnis-Inszenierung mit Laien-Schauspielern ist das außerordentlich – und die Auszeichnung als Sieger im Berlinale-Wettbewerb 2012 hoch verdient.


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