Günter Rössler

Die Genialität des Augenblicks – Der Fotograf Günter Rössler

Sofa-Schönheit: Akt-Foto von Günter Rössler. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

(Kinostart: 13.12.) Günter Rössler war der wichtigste Akt-Fotograf der DDR: Er pflegte eine völlig eigene Ästhetik. Das Doku-Porträt von Regisseur Willitzkat verplaudert sich; über den Menschen oder Ost-West-Differenzen erfährt man wenig.

Günter Rössler war der wichtigste Akt- und Mode-Fotograf in der DDR: Als Haus-Fotograf der Frauenzeitschrift «Modische Maschen» belieferte er auch andere Illustrierte mit Bilder-Strecken und Titelmotiven, etwa die viel gelesene «Sybille» oder «Das Magazin».

 

Info

Die Genialität des Augenblicks –
Der Fotograf Günter Rössler

 

Regie: Fred R. Willitzkat,
93 min., Deutschland 2012;
mit: Günter Rössler, Kirsten Schlegel, Eva Mahn

 

Weitere Informationen

1926 in Leipzig geboren, verlor Rössler im Zweiten Weltkrieg fast sein Augenlicht. Dennoch machte er sich 1951 als Fotograf für Mode, Werbung und Reportagen selbstständig; in den 1970er Jahren wandte er sich Akt-Aufnahmen zu. Dieser Leidenschaft ist er bis heute treu: Rössler liebt die ästhetische Fotografie junger Frauenkörper.

 

Poesie vergänglicher Schönheit

 

Er zeigt ihre Poesie der vergänglichen Schönheit: die leichte, weibliche, beschwingte, tänzelnde Ausdrucksform des Lebens. Weder überschminkt noch überdreht, doch gerne nackt und naturbelassen als zeitlose Vergänglichkeit. Das bietet Stoff zum Nachdenken über die Beziehung zwischen Frau und Mann, Model und Fotograf, Objekt und Betrachter.


Offizieller Filmtrailer


 

Interview-Durcheinander

 

Viel versprechend beginnt Fred R. Willitzkats Film-Porträt von Günter Rössler mit klugen Anmerkungen des Kunsthistorikers Volker Rodekamp über Werk und Wesen des Foto-Künstlers und dessen besonderen Blick. Der Zuschauer darf kurz einen Blick auf dieses Besondere werfen: Eine Art Dia-Schau liefert einen Überblick über einige von Rösslers Akt-Aufnahmen.

 

Dann aber folgt ein ambitioniertes, aber leider heilloses Durcheinander von Interviews mit ehemaligen Models; darunter auch Rösslers Ehefrau Kirsten Schlegel, die Mutter der jungen Tochter Filia des mittlerweile greisen Fotografen ist. Das wird verschnitten mit reportagehaften Impressionen der Vorbereitung einer Ausstellung.

 

Inszenierte Gespräche mit suggerierten Inhalten

 

Rössler selbst hat eher wenig zu sagen über sein Werk. Was nicht schlimm ist: Als Fotograf ist er ein Mann des Bildes, und seine Bilder sprechen für sich. Gerne würde man mehr und intensiver in die fotografischen Arbeiten eindringen.

 

Doch Regisseur Willitzkat vertraut ihrer Ausdruckskraft nicht. Fast unbeholfen inszeniert er halbdokumentarische Gespräche zwischen Kirsten Schlegel und Rössler, in denen die Ehefrau ihrem Mann stichwortartig die Inhalte suggeriert.

 

Aufreihung von Anekdoten

 

Alle Frauen und ehemaligen Modelle von Rössler mit Ausnahme von Eva Mahn, die ihre eigene Fotokunst-Karriere einschlug sprechen ausführlich über den emanzipatorischen Aspekt ostdeutscher Akt-Fotografie; der war in ihren Augen offenbar selbstverständlich und naturgegeben. So reiht sich Anekdote an Anekdote, während die Überleitungen mit Piano-Geklimper unterlegt werden.

 

Dabei verplaudert sich der Film in historischen Details. Ex-Model Barbara erinnert sich an Gagen zu Ost-Zeiten: Für ein veröffentlichtes Foto gab es zwölf, für ein «Sybille»-Titelbild den Höchstsatz von 50 DDR-Mark. Ein Auftrag des «Playboy» an Rössler wird erwähnt; doch diese Fotos, die 1984 zehn Seiten im westdeutschen Männer-Magazin füllten, sind nicht zu sehen.

 

Ungelenke Annäherungs-Versuche

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Geschlossene Gesellschaft“ über die Entwicklung der künstlerischen DDR-Fotografie in der Berlinischen Galerie

 

und hier einen Beitrag über die Doppel-Ausstellung „Gundula Schulze Endowy – Fotografien 1977 – 2009“ mit Werken des weiblichen enfant terrible der DDR-Fotografie

 

sowie eine Rezension der Ausstellung „Eva Besnyö –
Fotografin 1910-2003“ über den weiblichen Blick in der Fotografie, ebenso in der Berlinischen Galerie.

Über den Menschen Günter Rössler erfährt man wenig. Stattdessen sucht Regisseur Willitzkat mit ihm ehemalige Set-Orte in Landschaften auf, die immer noch nicht erblühen wollen, filmt Katzen und Kinder sowie den unvermeidlichen alten Künstler-Freund.

 

Nie gelingt es dem Film auch nur ansatzweise, die Qualitäten und den Anspruch von Rösslers Werk zu erhellen oder zu betonen. Alle Versuche, sich Rössler privat wie künstlerisch anzunähern, wirken seltsam distanziert oder ungelenk und in intimeren Momenten nahezu obszön.

 

Nackte Schöne an der Wäscheleine

 

Damit wird eine Chance vertan, nicht nur einen interessanten Fotografen zu porträtieren, sondern auch die Differenz zwischen Akt-Fotografie und Pornografie oder Unterschiede im sexuellen Erleben in Ost und West anzusprechen.

 

Nur am Ende streift der Film für wenige Momente die Idee der Rösslerschen Poesie. In seinem Garten wässert der betagte Herr Bilder in einer alten Foto-Wanne; dann hängt er seine nackten Schönen zum Trocknen an die Wäscheleine: Früchte in Adams Garten.


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