Ralph Fiennes

Große Erwartungen

Abgewiesener Antrag: Estella (Holliday Grainger) kämpft mit ihren Gefühlen für Pip (Jeremy Irvine). Foto: © 2012 Senator Film

(Kinostart: 13.12.) Solide Literatur-Verfilmung des Klassikers von Charles Dickens. Doch trotz guter Darsteller und üppigem Zeitkolorit kann Regisseur Mike Newells kaum fesseln: Dem angestaubten Plot hätte eine Aktualisierung gut getan.

Wer große Erwartungen an sein Leben hegt, strebt heutzutage am ehesten nach fetten Boni im investment banking oder – als schlichteres Gemüt – dem Sieg in irgendeinem TV-Superstar-Wettbewerb. Anders im 19. Jahrhundert: Da war sehr ambitioniert, wer eherne Klassen-Schranken durchbrechen wollte.

 

Info

Große Erwartungen

 

Regie: Mike Newell, 128 min., Großbritannien 2012; 
mit: Jeremy Irvine, Ralph Fiennes, Holliday Grainger

 

Website zum Film

Wie Philip Pirrip, genannt Pip, die Hauptfigur von Charles Dickens‘ Roman: Er wächst als Waisenjunge in ärmlichen Verhältnissen bei der strengen Schwester und ihrem gutherzigen Mann auf. Eines Tages überfällt ihn auf dem Friedhof der entlaufene Sträfling Abel Magwitch (Ralph Fiennes): Er presst ihm Essen und Werkzeug ab, um seine Ketten loszuwerden. Pip liefert bereitwillig, doch umsonst; Magwitch wird wieder gefasst.

 

Als Damen-Gesellschafter im Spuk-Schloss verliebt

 

Später bestellt ihn die wohlhabende Miss Havisham (Helena Bonham Carter) zu sich, die isoliert von der Außenwelt in einem düsteren Landsitz residiert: Pip soll ihrer Pflegetochter Estella (Holliday Grainger) Gesellschaft leisten. Er verliebt sich in die Gleichaltrige, doch vergeblich: Sie wurde zu abweisendem Hochmut erzogen.


Offizieller Filmtrailer


 

Als reiches Landei nach London

 

Jahre darauf überrascht der Rechtsanwalt Mr. Jaggers (Robbie Coltrane) Pip als jungen Mann (Jeremy Irvine): Ein anonymer Wohltäter hat ihm ein stattliches Vermögen vermacht. Flugs zieht er nach London um und führt das Leben eines Müßiggängers – doch die hauptstädtischen Snobs verachten ihn als Landei. Pip will aber ein wahrer Gentleman werden, um Estellas Herz zu erobern. Was ihm nicht gelingt: Sie heiratet einen Arroganzling.

 

Plötzlich taucht Magwitch in London auf: Er war in Australien inkognito reich geworden. Nun entpuppt er sich als edler Spender, der Pip sein Luxus-Dasein ermöglichte – und als Drahtzieher der gescheiterten Hochzeit von Miss Havisham, was sie traumatisierte. Doch seine Strafe ist nicht verjährt. Als Pip ihm zur Flucht verhilft, geht alles schief: Magwitch stirbt, sein Vermögen wird beschlagnahmt. Der ernüchterte Held kehrt aufs Land zurück und findet dort ein bescheidenes Glück.

 

Gesellschafts-Panorama in üppigem Zeitkolorit

 

Dieser Bildungsroman, ein Klassiker der englischen Literatur, zählt zu Dickens‘ meistgelesenen Werken. Er schrieb «Große Erwartungen» 1860/61 als Fortsetzungs-Geschichte, was man der Handlung anmerkt: Sie verwickelt die Figuren in derart viele geheime Verflechtungen, überraschende Wendungen und plötzliche Enthüllungen, wie es sich heute nur noch Soaps und Fantasy-Schmöker erlauben.

 

Der große realistische Romancier würzt jedoch seine epische Moral- und Sozial-Kritik sehr geschickt mit gothic novel- und Krimi-Elementen. Die übernimmt das Drehbuch von David Nicholls; Regisseur Mike Newell («Vier Hochzeiten und ein Todesfall») setzt es als üppiges Gesellschafts-Panorama der viktorianischen Ära in Szene.

 

London als Kalkutta oder Lagos

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine lobende Rezension des Films „Anna Karenina“ mit einer nicht ganz so lobenswerten Keira Knightley

 

und hier eine Besprechung der gelungenen Roman-Verfilmung „Jane Eyre“ von Cary Fukunaga nach dem Klassiker von Charlotte Brontë

 

sowie einen Beitrag zum Film „In guten Händen – Hysteria“ von Tanya Wexler über die britische Erfindung des Vibrators im 19. Jahrhundert.

Ihr präzises Zeitkolorit ist die Stärke dieser Neuverfilmung: Standes-Dünkel, muffige Enge und  schreiende Gegensätze von Arm und Reich während der Industrialisierung werden in jeder Einstellung sichtbar. Der kleine Pip haust mit Schwester und Schwager in einer Kate wie Drittwelt-Tagelöhner; Londons verdreckte Straßen voller Getümmel erinnern mehr an Slums von Kalkutta oder Lagos als an die Kapitale des British Empire.

 

Auch die Nebendarsteller machen ihre Sache gut: Ralph Fiennes als raubeiniger Gönner ebenso wie Helena Bonham Carter als schwindsüchtige Exzentrikerin oder Robbie Coltrane als gerissener Advokat, wobei Jeremy Irvine in der Hauptrolle etwas blass bleibt. Dass der Film dennoch kaum fesselt, liegt an seiner allzu werkgetreuen Inszenierung: Regisseur Newell lässt den Roman Kapitel für Kapitel nachspielen – solide, aber uninspiriert.

 

Saus und Braus im gentleman’s club

 

Doch Pips scheiternder Traum von Saus und Braus im gentleman’s club und der Gunst einer unnahbar Schönen im Rüschenkleid wirkt arg angestaubt. So leicht Aktualisierungen klassischer Stoffe scheitern können, hier hätte ein Versuch gelohnt: etwa den Plot im Milieu profitgieriger Börsen-Makler oder magersüchtiger Nachwuchs-Models anzusiedeln.


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