Fatih Akin

Ich war schon immer sentimental

Fatih Akin demonstriert mit den Dorf-Bewohnern gegen die Müll-Deponie. Foto: © corazón international / Bünyamin Seyrekbasan / Pandora Film.

Für «Müll im Garten Eden» hat Regisseur Fatih Akin sechs Jahre lang den Kampf von Dorf-Bewohnern gegen eine Müll-Deponie dokumentiert. Im Interview spricht er über Demokratie alla turca, Film als Waffe der Beherrschten und Asterix als Vorbild.

Herr Akin, Ihr Film «Müll im Garten Eden» zeigt, wie eine Müll-Deponie an der türkischen Schwarzmeer-Küste das pittoreske Dorf Çamburnu verschandelt – obwohl dessen Bewohner ausdauernd gegen Behörden-Willkür protestieren. Ein Anlass zur Hoffnung oder eher zur Sorge?

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die ganze menschliche Existenz besteht aus Warten und Hoffen; das wusste schon der Graf von Monte Christo. Viele meiner Filme enden zweideutig: Ein Auge lacht, das andere Auge weint. Im Fall von Çamburnu gab es kein happy end: Die Behörden haben sich durchgesetzt.

 

Müll dorthin schieben, wo ihn Wenige sehen

 

Info

Müll im Garten Eden

 

Regie: Fatih Akin, 85 min., Deutschland 2012;
mit: Hüseyin Alioğlu + den Bewohnern von Çamburnu

 

Website zum Film

Was sagt der Film über türkische Politik aus?

 

Dass die Regierung vieles sehr kurzfristig löst: Es gibt ein Müll-Problem, und Ministerpräsident Erdogan ist bekannt für schnelle Lösungen. Also nimmt er den Müll da weg, wo ihn jeder sieht, und schiebt ihn dorthin, wo ihn nur wenige Menschen sehen. Die opfert er, um sich Wähler-Stimmen von Millionen zu sichern. So funktioniert dort Politik. 

 

Ungesunde demokratische Entscheidungen

 

Çamburnus Bürgermeister sagt im Film, dass die Behörden den Bau der Deponie gegen seinen Willen durchgedrückt haben. Was wissen Sie über die Hintergründe?

 

Es gibt ein allgemeines Interesse, das die Mehrheit durchsetzt. Dabei geht es nicht um Geld oder Korruption; niemand wird dadurch reich. Es geht um Politik: Die Mehrheit findet eine Deponie dort richtig gut, und sie entscheidet in einer Demokratie. Die islamische Revolution im Iran 1979 wurde von der Mehrheit getragen; Hitler ist in einer Demokratie an die Macht gekommen. Demokratische Entscheidungen sind nicht immer die gesündesten.

 

Druck auf Verantwortliche gelang nicht

 

Sie beziehen eindeutig Stellung mit Ihrem Film: warum?

 

Ich kenne keinen Dokumentarfilm, der keine Haltung hat. Dieses Dorf ist die Heimat meiner Großeltern und nun bedroht. Wie kann ich helfen? Ich mache, was ich am besten kann: einen Film. Damit wollte ich die Verantwortlichen unter Druck setzen, was mir nicht gelungen ist; trotzdem musste ich ihn fertig stellen. Ich habe mich bemüht, dass Polemik nicht aufdringlich wird, und lasse auch die Gegenseite zu Wort kommen. Damit will ich Zuschauern genügend Raum geben, um selbst zu reflektieren.

 

Zehnjährige als Hoffnungs-Trägerin

 

Sie kontrastieren Aufnahmen von idyllischer Natur mit Bildern ihrer raschen Zerstörung. Sind Sie überzeugter Umweltschützer?

 

Als Filmemacher bin ich ein Grüner; nicht parteipolitisch, sondern einfach umweltbewusst. Ich fahre Auto, fliege viel, aber Umwelt ist ein Thema, das mich wie Millionen andere beschäftigt. Ich kann darüber Filme machen und Leute zum Nachdenken anregen, aber keine Lösungen bieten: Ich bin kein Experte und jetzt nicht schlauer als vor dem Film. Hoffnung macht mir das zehnjährige Mädchen im Film, das den Ingenieur aufklärt.  

 

Mit Protest Staaten zum Einsturz bringen

 

Er weicht aus und behauptet, dass die Natur das wieder einrenken werde…

 

Achten Sie auf die Szene. Man sieht ihm die Lüge an: Seine Nase wächst. Der Film ist eine Kritik. Kritik ist die einzige Waffe der Beherrschten. Das habe ich in der Türkei gelernt. Dort oder in China nehmen die Herrschenden diese Waffe den Beherrschten weg. Schlauere Gesellschaften schützen sie. Wer laut genug protestiert, kann Staaten zum Einsturz bringen. Siehe die Montagsdemonstrationen in Leipzig 1989 oder den arabischen Frühling.

 


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