Stefan Haupt

Sagrada – Das Wunder der Schöpfung

Architektonische Stil-Mixtur aus 130 Jahren Bau-Geschichte. Foto: ARSENAL Filmverleih
(Kinostart: 20.12.) Wir bauen eine Kathedrale: 130 Jahre nach der Grundsteinlegung in Barcelona ist die Sagrada Família von Antoni Gaudí noch längst nicht fertig. Regisseur Haupt dokumentiert das populärste Langzeit-Projekt der Welt.

Eine Baustelle zu besichtigen, reizt meist nur Architekten und Ingenieure. Anders bei der Sagrada Família: Bis zu drei Millionen Menschen jährlich drängen sich durch ihre Gemäuer. Damit ist die unvollendete Kathedrale das meistbesuchte Gebäude Spaniens – deutlich vor dem Prado-Museum in Madrid und der Alhambra.

 

Info

Sagrada - Das Wunder der Schöpfung

 

Regie: Stefan Haupt, 
90 min., Schweiz 2012; 
mit: Joan Bassegoda, Etsuro Sotoo, Josep Maria Subirachs

 

Website zum Film

Diesen Ansturm kann die Sagrada Família gut gebrauchen: Ihr Weiterbau, für den eine Stiftung zuständig ist, wird ausschließlich durch Eintritts-Gelder und Spenden finanziert. Je mehr Schaulustige kommen, desto eher haben sie die Chance, noch zu Lebzeiten die gesamte Kirche bewundern zu können.

 

Höchster Kirchturm der Welt

 

Bislang sind nur Teile öffentlich zugänglich: zwei Seiten-Fassaden, das Kirchenschiff und die Apsis. Viel bleibt verhüllt, weil dort gearbeitet wird; auf dem Dach stehen Baukräne. Sie sollen zu den acht vorhandenen noch zehn weitere Türme errichten; der zentrale wäre mit 170 Metern der höchste Kirchturm der Welt. Dann wird die Sagrada Família einen Anblick bieten, von dem die jetzige Silhouette nur eine vage Ahnung vermittelt.


Offizieller Filmtrailer


 

Architekt Gaudí lebte auf Baustelle

 

Das war 1882 bei Baubeginn der «Sühnekirche der Heiligen Familie», wie sie offiziell heißt, nicht beabsichtigt. Dem Initiator, einem gläubigen Buchhändler, schwebte eine neogotische Basilika im Geschmack der Zeit vor. In diesem Stil legte der erste Architekt die Krypta an, doch nach einem Jahr überwarf er sich mit der Bauleitung. Sie übertrug das Vorhaben einem kaum bekannten Nachwuchs-Architekten: Antoni Gaudí.

 

Für den damals 31-Jährigen sollte die Kathedrale sein Haupt- und Lebenswerk werden. An ihr arbeitete er 43 Jahre; die letzten Jahre lebte er sogar bedürfnislos auf der Baustelle. Indem Gaudí sich an Natur-Formen orientierte, wurde er einer der genialsten Baumeister aller Zeiten.

 

Gaudís Modelle im Bürgerkrieg zerstört

 

Seine kühnen Konstruktionen aus organisch wuchernden Formen sind einzigartig: etwa schräge Stützen oder Pfeiler, die oben wie Baumkronen auseinanderkragen. Ein Dutzend höchst origineller Gebäude von ihm schmückt Barcelona, aber keines ist so beispiellos wie die Sagrada Família.

 

Als Gaudí 1926 bei einem Unfall starb, führte sein Assistent das Monumental-Werk weiter und stellte neun Jahre später die östliche Geburts-Fassade fertig. Der Meister hatte kaum entworfen, sondern meist praktisch experimentiert: Anstelle von Zeichnungen hinterließ er vor allem Gips-Modelle. Die wurden bei Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zerstört; erst 1954 nahm man die Arbeiten wieder auf.

 

Papst weihte Kirchenschiff 2010

 

Ein halbes Jahrhundert später sind sie gut vorangekommen: Das Kirchenschiff ist benutzbar und wurde vom Papst bei einem Besuch 2010 geweiht. Auch die westliche Passions-Fassade mit strengen Skulpturen zum Leidensweg Christi ist praktisch fertig. Dennoch werkeln täglich Dutzende von Handwerkern an vielen Stellen weiter.

 

Für sie und ihre Motivation interessiert sich Regisseur Stefan Haupt besonders. In seiner Dokumentation handelt er die Entstehungs-Geschichte des Baus zu Gaudís Lebzeiten relativ knapp ab. Stattdessen lässt er ausführlich seine Nachfolger zu Wort kommen: Wie sie mühsam versuchen, aus Fragmenten die Ideen und Visionen des Meister-Architekten zu rekonstruieren – und warum sie sich dem teils jahrzehntelang verschreiben.

 

Haupt-Fassade noch nicht begonnen

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine kultiversum-Kritik des Barcelona-Films "Biutiful" von Alejandro González Iñárittu mit Javier Bardem

 

und hier eine Besprechung der Doku "Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen" von Hajo Schomerus über die Grabes-Kirche in Jerusalem.

Der Film ersetzt keinen Kirchen-Rundgang: Er zeigt wenig Innen-Ansichten, dafür ausgiebig Außen- und Luft-Aufnahmen. Viel Raum nehmen Baustellen-Alltag, Wechselfälle und Rückschläge ein. Damit ähnelt das Langzeit-Projekt einer menschlichen Biographie, mit der es der Schweizer Filmemacher vergleicht; seine Vollendung ist nicht abzusehen.

 

Die Gestaltung der Haupt-Fassade hat noch gar nicht begonnen. Damit sie dereinst voll zur Geltung käme, müsste man einen ganzen Häuserblock abreißen  – was die Barcelonaer bei aller Liebe zu ihrem Wahrzeichen wohl kaum tun werden.

 

Vollendung für 2026 geplant

 

Nach jetziger Planung sollen die Bauarbeiten 2026 abgeschlossen werden, um Gaudís 100. Todestag zu feiern. Doch für den Architektur-Professor und Gaudí-Experten Joan Bassegoda ist keine Eile geboten: «Wichtig ist nicht, die Sagrada Família zu vollenden, sondern sie zu bauen».


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