Berlin

Visions of Modernity – Impressionismus und Klassische Moderne

Amedeo Modigliani: Nude, 1917. Foto: Deutsche Guggenheim

Scheiden tut weh: Die Guggenheim Stiftung verabschiedet sich aus Berlin mit einer Ausstellung von Meisterwerken der Moderne aus ihrer Sammlung. Künftig führt die Deutsche Bank ihre Kunsthalle Unter den Linden in Eigenregie weiter.

Klassisch modern: Das Deutsche Guggenheim verabschiedet sich von der Bildfläche in Berlin, wie es vor 15 Jahren aufgetaucht war. Als das Joint Venture von Deutscher Bank und Solomon R. Guggenheim Foundation 1997 einen großen Ausstellungssaal im frisch renovierten Bank-Finanzcenter Unter den Linden eröffnete, gab es einige enttäuschte Stimmen.

 

Info

Visions of Modernity – Impressionismus und Klassische Moderne in den Sammlungen der Guggenheim Foundation

 

15.11.2012 – 17.02.2013
täglich 10-20 Uhr
im Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, Berlin

 

Weitere Informationen

Statt architektonischem Protz à la Museo Guggenheim in Bilbao ein sachlich-schmaler Zweckbau. Statt neuester Gegenwarts-Kunst zum Auftakt ein französischer Expressionist aus der zweiten Reihe: Robert Delaunay prägte mit zersplitternden Eiffeltürmen und geometrischen Farbräuschen den Orphismus-Stil.

 

Stolzer Blick auf eigene Geschichte

 

Delaunay ist nun mit einer Innenansicht der gotischen Kirche St. Séverin in Paris und einem geometrischen Fensterbild auch auf der letzten Ausstellung im Deutsche Guggenheim vertreten. Mit Meisterwerken von Impressionismus bis abstrakter Moderne will die einflussreiche Kunststiftung mit Stammhaus in New York zeigen, welchen Partner Berlin verliert; dabei blickt sie stolz auf ihre eigene Geschichte.


Impressionen der Austellung


 

Fünf Privat-Sammlungen als Basis

 

Die heute wohl größte Kollektion einer privaten Stiftung basiert auf fünf Sammlungen: Hans Nierendorf war vor dem Zweiten Weltkrieg einer der wichtigsten Galeristen in Berlin und sammelte Expressionisten. Peggy Guggenheim, lange mit Max Ernst verheiratet, verlegte das zweite Standbein der Stiftung nach Venedig und sammelte Surrealisten.

 

Justin K. Thannhauser war Kunsthändler in München und trug (Post-)Impressionisten zusammen. Katherine Sophie Dreier gründete mit Man Ray und Marcel Duchamp den Künstlerklub «Sociéte Anonyme» und sammelte Dadaisten. Hilla von Rebay malte selbst, sammelte vor allem die Abstrakten und wurde erste Leiterin des Guggenheim-Museums.

 

Bergbau-Industrieller trifft auf exaltierte Intellektuelle

 

Der Guggenheim-Ruhm gründet sich auf Meisterwerke aus dem Besitz oder Nachlass dieser fünf visionären Privatsammler. In dieser Hinsicht ist «Visions of Modernity» auch eine Provenienz-Geschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Europa und Amerika, zwischen Deutschland und den USA.

 

Wäre Solomon Guggenheim, Bergbau-Industrieller im Ruhestand, nicht auf die exaltierte deutschstämmige Intellektuelle Hilla Rebay getroffen, sähe die Sammlung wohl anders aus. Guggenheim interessierte sich zunächst eher für Alte Meister, US-Landschaftsmalerei und die französische «Schule von Barbizon» im 19. Jahrhundert.

 

Idealisierung eines Lebens mit Kunst

 

Rebay änderte seinen Geschmack: Bald wohnte er unter Gemälden von Amedeo Modigliani und Henri Rousseau. Später kamen Werke von Pablo Picasso, Paul Klee und vielen anderen Avantgardisten hinzu.

 

Vor diesem Hintergrund erscheint die enge Hängung der Ausstellung im Deutsche Guggenheim auch als Idealisierung eines Lebens mit Kunst, wie es die Privatsammler propagierten. Bestes Beispiel ist die «Peggy Guggenheim Collection» im venezianischen Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande: obwohl ein stark frequentiertes Museum, ist noch zu spüren, dass es sich um das einstige Privathaus einer frenetischen Sammlerin handelt.

 

Wege in die geometrische Abstraktion

 

Diese Lust am Sammeln führt die Guggenheim Foundation nun ein letztes Mal in Berlin vor. Gezeigt werden etwa pointillistische Studien von Georges Seurat, ein klassisch kubistisches Stilleben von Picasso, zwei kleine Bronzen von Edgar Degas oder ein erstklassiges Obstbildnis von Cézanne, dessen dunkler Hintergrund mit fast schon abstrakten Schemen irritiert.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung “Fernand Léger und Henri Laurens: Tête-à-tête” im Museum Frieder Burda, Baden-Baden

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Traumanatomie” mit Werken von Hans Arp + Hugo Ball im Arp Museum, Remagen

 

und hier eine kultiversum-Beitrag über die Ausstellung “Miró – Die Farben der Poesie” zur katalanischen Spielart der Moderne im Museum Frieder Burda, Baden-Baden.

Ungewöhnlich ist auch eine Schnee-Landschaft von Van Gogh, die neben einer Venedig-Szene mit Markusplatz von Claude Monet hängt, gefolgt von Picassos berühmter Menschenmenge vor der «Moulin de la Galette». Wege in die geometrische Abstraktion beschreiten ein filigranes Stand-Mobile von Alexander Calder, ein Wandrelief von Hans Arp oder ein Mondrian-Gemälde, dass noch vage Reste von Figuration aufweist.

 

Weltgrößte Unternehmens-Sammlung

 

Guggenheim sagt Adieu mit bekannt-bewährten Klassikern. Der Bank-Vorstand hat bereits angekündigt, die Räume als Ort für Kunst bewahren zu wollen: Im Frühjahr wird Imran Qureshi aus Pakistan als «Künstler des Jahres 2013» vorgestellt. Weitere Ausstellungen sollen aus der hauseigenen Kollektion bestückt werden; sie ist mit 56.000 Werken die weltweit größte Unternehmens-Sammlung.

 

Der Abschiedsbrief an Guggenheim-Direktor Richard Armstrong liest sich aber auch wie ein Akquisitions-Schreiben für neue Partner: Ein «noch internationaleres, jüngeres und facettenreicheres Programm» sei nur in Zusammenarbeit mit anderen Museen und Sammlungen möglich. Den Auftrag zur Weiterentwicklung ihrer Kunsthalle scheint die Bank erkannt zu haben, jetzt muss sie ihn nur noch wahrnehmen.


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