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Underground-Diva Tina L'Hotsky. Foto: Rapid Eye Movies

Blank City


(Kinostart: 24.1.) Ende der 1970er Jahre entstand in New York eine vitale Film- und Musik-Szene: No Wave. Die gelungene Doku von Céline Danhier illustriert Zeitzeugen-Interviews mit Original-Aufnahmen von damals.


«Nimm dir eine Super-8-Kamera, steck ein paar Freunde in ein Kostüm und fang an zu drehen»: Nach diesem Motto entstand Ende der 1970er Jahre in den heruntergekommenen Vierteln von Downtown Manhattan eine kleine, vitale Amateur-Filmszene. 

 

Info

Blank City

 

Regie: Céline Danhier
94 min., USA 2010; 

mit: Jim Jarmusch, 
Lydia Lunch, Steve Buscemi

 

Englische Website zum Film

Ihre bekanntesten Vertreter wie die Regisseure Jim Jarmusch oder Richard Kern und Schauspieler wie John Lurie, Steve Buscemi, Lydia Lunch oder Debbie Harry haben darauf ihre Karriere aufgebaut. Andere blieben – sofern sie nicht früh starben – obskur. Der Film «Blank City» von Céline Danhier holt sie noch einmal vor die Kamera.

 

Körnige Handkamera-Bilder

 

Im Gegenschnitt zu den verschiedenen gut gealterten Veteranen sieht man sie in körnigen Handkamera-Aufnahmen aus Filmen wie «The Stranger», «Blank Generation» oder «Permanent Vacation»: oft schwarz-weiß oder ohne Ton, in leeren Straßenschluchten, kargen Wohnungen oder ausgebrannten Ruinen.


Offizieller Filmtrailer


 

New York als gemeinsamer Protagonist

 

Inspiriert von Fassbinder, Nouvelle Vague, dem Existentialismus der Beatniks und der Traditionslinie des New Yorker Underground-Films von Maya Deren über Jonas Mekas bis Andy Warhol wurden Dokus oder Dramen oder Mischungen aus beidem gedreht. So divers die Filme auch waren, sie alle hatten einen gemeinsamen Protagonisten, dem sie Gesicht, Gestalt und den kreativen Grundpuls verdankten: New York Ende der 1970er.

 

Die heute durchgentrifizierte Lower East Side – die Gegend zwischen Houston Street, Bowery, Chinatown und Little Italy – glich einem Kriegsgebiet, als hätte Vietnam nicht Tausende von Meilen entfernt stattgefunden: von den Besitzern abgefackelte Häuser und Leerstand, soweit das Auge reichte. 

 

Setting am Rande des Abgrunds

 

In Straßenzügen, in denen man um sein Leben fürchtete, gab es billige Lofts oder winzige Wohneinheiten, die man sich mit Ratten und Kakerlaken teilte: das perfekte existentialistische Setting am Rande des Abgrunds, ergänzt durch Selbstmedikation und unermüdliche Arbeit. 

 

Den Soundtrack lieferten Bands wie Richard Hell and The Voidoids, Teenage Jesus & the Jerks, Television, Talking Heads und Patti Smith. Man traf sich im CBGBs und filmte die Musiker, die tagsüber als Schauspieler dienten: Vincent Gallo, Debbie Harry, John Lurie.

 

Do it yourself im Hier und Jetzt

 

Sie alle wechselten munter zwischen den Medien hin- und her, wie es ihnen passte: Bildende Kunst, Film, Poesie, Musik – jeder machte das, was er nicht konnte, aber das mit 150-prozentigem Einsatz. Do it yourself im Hier und Jetzt, als gäbe es keine Vergangenheit: So der Tenor der Interviewten aus der goldenen Zeit der Bewegung, für die man sich schnell auf das griffige Label «No Wave» einigte.

 

Die Dokumentation erforscht diese untergegangene Ära, die nur 30 Jahre zurückliegt, mit einem simplen, aber suggestiven Stil: Ruhige Gesprächspartner blicken mit der Abgeklärtheit von Überlebenden auf ihre Sturm- und Drangzeit zurück, während ziemlich rasant eingeschnittene Film-Szenen das Gesagte illustrieren. 

 

Darsteller des eigenen Lebens

 

Dabei ist es nicht immer leicht, die Übersicht zu behalten: Hier kommen viele Zeitzeugen zu Wort –und ihre 30 Jahre jüngeren Versionen, die eben vielleicht auf einer Party ins Bild stolpern, schreiten im nächsten mit anderer Frisur auf irgendeinem improvisierten Filmset wieder hinaus.

 

Es leuchtet ein, dass die Filmemacher beim Casting auf Leute aus dem eigenen Freundeskreis zurückgriffen: Die waren ja sowieso schon Darsteller ihres eigenen, selbst geschriebenen Lebens. Dieses Lebensgefühl kitzelt der Film dank intelligenter Gesprächspartner und der Aussagekraft des Original-Materials mit Leichtigkeit heraus. 

 

Weites thematisches Spektrum

 

So bleibt er auch schlüssig und griffig, wenn er die verschiedenen Ansätze und Schulen ausdifferenziert: Thematisch waren die Filme weit über das Spektrum verteilt. Einige dokumentierten schlicht das Leben in der Szene, andere griffen inner- und außenpolitische Kriegszustände auf. Beispielsweise erschließt «The Box» einen minimalen Raum  – eine verspiegelte Kiste, in die gerade eine Mensch passt  – als einen Ort maximaler Wirkung: der eines Folterinstruments.

 

Als Reaktion auf den Hinauswurf durch seinen Vermieter dokumentierte ein Filmemacher eindrucksvoll die Zerstörung seines kompletten Mobiliars. Dagegen verlieh Jim Jarmusch der ruinösen Lower East Side in seinen ersten beiden Filmen «Permanent Vacation» und «Stranger Than Paradise» eine schwebende, poetische Ästhetik mit Charakteren zum Liebhaben. 

 

Reise durch die Extreme

 

Es gab mit «Rome 78» von James Nare sogar den Versuch eines historischen Kostümfilms, in dem man den hochamüsanten Konzept-Saxophonisten James Chance im Gewand eines Zenturios bewundern kann. Was daran erinnert, dass immer auch viel Spaß im Spiel war.

 

Das gilt wohl ebenso für jenen Teil der Szene, der – samt Manifest – das «Cinema of Transgression» ausrief. Es überlagerte Elemente von Trash-Genres wie Horror und Porn auf minimalistisch-ironische Weise mit eigener Filmsprache: eine schonungslos ehrliche, von Drogen, Witz und Durchblick geprägte Reise durch die Extreme.

 

Kreatives Epizentrum

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.


Lesen Sie hier einen Beitrag zum Film  “On The Road” von Walter Salles, der einfühlsamen ersten Verfilmung des Kult-Romans von Jack Kerouac


sowie hier eine Rezension des Films “The Rum Diary” von Bruce Robinson, mit  Johnny Depp in der Rolle des Gonzo-Journalisten
Hunter S. Thompson

 

und hier einen Beitrag über die Dokumentation
William S. Burroughs:
A Man Within
” von Yony Leyser über den Prototyp aller schriftstellernden Freaks

Das Ende des «Highs» kam in dreifaltiger Gestalt. AIDS und Drogen-Dramen schlugen Breschen in die Leichtigkeit des Seins. Der Abgrund, an dem getanzt wurde, schluckte die ersten Opfer. Und: das Geld, das etwa der in vielen Filmen präsente Jean-Michel Basquiat als Künstler plötzlich verdiente oder das Filme wie «Beat Street» von 1984 über Breakdance einspielten, wiesen einen Weg aus dem Elend. Einige Filmemacher schlugen ihn erfolgreich ein, andere verschmähten ihn aus Prinzip und wandten sich anderen Gebieten zu. Die Gentrifizierung der Lower East Side leistete ihr Übriges.

 

«Blank City» ist ein inspirierter und inspirierender Streifzug durch einen dieser Momente, in der ein bestimmter Ort unter bestimmten Voraussetzungen für eine knappe Dekade zu einem kreativen Epizentrum werden kann, das seine Markierung in der Kulturgeschichte setzt. Damals hat New York als Geburtsstadt des amerikanischen Films und Gegenpol zur Illusionswelt von Hollywood noch einmal diesen Moment erlebt – zum letzten Mal vor der digitalen Revolution. 

 

Die Parallelen zur Westberliner Szene in dieser Zeit sind unübersehbar: Aus den Ruinen einer Stadt, in der kein vernünftiger Mensch mehr leben will, entsteht das kreative Chaos eines alles negierenden Gegenmodells. In ihm fallen Kunst und Leben in eins; es bringt Kunstwerke und Lebensläufe hervor, die – hoffentlich – alle 30 Jahre eine neue Generation inspirieren.

 


Von Eric Mandel, veröffentlicht am 23.01.2013





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