Irene Langemann

Das Lied des Lebens

Freude am gemeinsamen Gesang: der Experimental-Chor "Alte Stimmen". Foto: Lichtfilm

(Kinostart: 17.1.) Biographien alter Menschen werden zu Musik: Der Dokumentarfilm von Regisseurin Langemann porträtiert den Komponisten Bernhard König bei der Arbeit mit Senioren jenseits der 70 – und rückt ihn sehr ins Zentrum.

«Macht das Spaß!», ruft die alte Dame aus, nachdem sie zusammen mit dem Komponisten Bernhard König einen Walzer am Klavier improvisiert hat. Sigrid Thost ist blind. Die ehemalige Psychologin lebt im Stuttgarter Generationenzentrum Sonnenberg.

 

Info

Das Lied des Lebens

 

Regie: Irene Langemann
90 min., Deutschland 2012; 

mit: Bernhard König, 
Magdalena Reisinger, 
Sigrid Thost

 

Website zum Film

König besucht das Altenheim regelmäßig, um mit den Bewohnern Interviews über ihr Leben zu führen und aus zentralen Elementen der Biographien Kompositionen zu erarbeiten – ihr «Lied des Lebens». Das Stück, das er mit Frau Thost entwickelt, nennt er «Der leere Himmel»: Die früher religiöse Frau hat als Folge der Erblindung auch ihren Glauben verloren. 

 

Schwärze der Unterwelt

 

Wie dieser leere Himmel wohl klinge, fragt König, der neben ihr am Klavier sitzt. «Sehr melancholisch, sehr langsam, sehr getragen», antwortet sie prompt. Dann improvisieren beide gemeinsam ein Stück, in dem dieser Himmel, aus seiner langsamen Leere heraus, allmählich abgleitet in «die Schwärze der Tiefe, der Unterwelt», wie Sigrid Thost es programmatisch angeregt hatte.


Offizieller Filmtrailer


 

Mehrjähriges Forschungs-Projekt

 

Bernhard König nennt sich selbst einen «Überzeugungstäter». Schon in seiner Hochschul- Abschlussarbeit, erzählt er zu Beginn im einzigen Off-Kommentar, habe er sich mit dem Potenzial alter Stimmen befasst. Der Film zeigt, ohne es ausdrücklich anzugeben, Königs Arbeit an einem mehrjährigen Forschungs-Projekt, das ihm durch eine private Stiftung ermöglicht wurde.

 

Ein Teil des Projektes besteht in der Arbeit mit den musikalischen Biographien im Haus Sonnenberg. Ein anderer ist der Experimental-Chor «Alte Stimmen» in Köln, den König eigens aus diesem Anlass gegründet hat; in ihn wird nur aufgenommen, wer mindestens 70 Jahre alt ist.

 

Abgesang auf das Grubenwesen

 

Diesem Chor hört man an, dass die meisten, wenn nicht alle Mitglieder über langjährige Gesangs-Erfahrung verfügen. Auch hier greift König, unterstützt von zwei Kolleginnen, biographische Elemente auf, die teilweise in Gruppen-Choreographien verarbeitet werden. Da man sich auf ein großes Abschluss-Konzert in der Essener Philharmonie vorbereitet, wird der Untergang des Bergbaus im Ruhrgebiet zum Anlass für einen chorisch-choreographischen Abgesang auf das Grubenwesen.

 

In einer anderen Gruppen-Improvisation sollen die Chormitglieder sich an Kriegs-Erlebnisse aus der Kindheit erinnern und gestisch «Angst haben» spielen. Die Sängerinnen und Sänger machen zunächst sehr offen alles mit. Anschließend äußern sie aber entschiedenen Protest: Übereinstimmend erklären sie, das hätten sie alles längst hinter sich gelassen; Angst sei in ihrem jetzigen Alter überhaupt kein Thema mehr.

 

Wie ein Heiliger durch den Film

 

Es ist schön, dass Regisseurin Irene Langemann auch diese Szene aufnimmt. Darin zeigt sich, dass es bei allem Respekt und aller Zuwendung nicht leicht ist, zu verstehen, wie Altsein sich wirklich anfühlt, wenn man es noch nicht ist. Selbst für jemanden wie Bernhard König nicht, der durch den Film ein bisschen wie ein Heiliger geht und insgesamt leicht überrepräsentiert ist.

 

Sicher ist es großartig zu sehen, wie einfühlsam und achtsam dieser Musikprofi mit Menschen umgeht, die manchmal eine eigene musikalische Vergangenheit haben, manchmal nicht, und für alle einen passenden Ansatz im Umgang mit Musik findet. Doch dadurch, dass der Film abgesehen vom Anfang kommentarlos bleibt und König alle Interviews selbst übernimmt, dominiert er im Ganzen sehr.

 

Kathartische Wirkung

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.


Lesen Sie hier einen Beitrag zur Doku “Im Garten der Klänge” von Nicola Bellucci über den blinden Musik-Therapeuten Wolfgang Fasser


sowie hier eine Besprechung des Dokumentarfilms “Die Thomaner” zum 800-jährigen Bestehen des Knaben-Chors.

Natürlich leistet er tolle Arbeit; aber ihn so dominant ins Zentrum zu stellen, scheint dem ja auch sozialen Ansatz des Projektes nicht völlig angemessen. Das hängt auch damit zusammen, dass König eine recht merkwürdige Schnittstelle besetzt. Vieles an seiner Tätigkeit ist musiktherapeutisch, doch mischt sich die Therapie kreativ mit einem durchaus ernsthaften künstlerischen Anspruch.

 

Das ist ein gemeinschaftlich unternommener Arbeitsprozess, den der Komponist sehr gezielt steuert. Er nimmt die Biographien und Anregungen seiner Interviewpartner ernst; die musikalische Umsetzung von Schlüssel-Situationen aus ihren Lebensläufen hat oft kathartische Wirkung, wie man ein ums andere Mal beobachten kann. 

 

Diesen sehr emotionalen Vorgang vor der Kamera öffentlich zu machen, erfordert von den Beteiligten besonderes Vertrauen: nicht nur in die Musiker, sondern auch in das anwesende Filmteam. Denn häufig ist man so dicht dran, als wäre man selbst dabei.


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