Jacques Audiard

Der Geschmack von Rost und Knochen

Ex-Boxer Ali (Matthias Schoenaerts). Foto: Wild Bunch Germany

(Kinostart: 10.1.) Gemeinsam sind wir stark: Ein Ex-Boxer und eine Rollstuhl-Fahrerin knüpfen zarte Bande. Mit intensiven Körper-Bildern seiner Anti-Helden gelingt Regisseur Audiard ein Melodram, das trotz Pathos nie an Bodenhaftung verliert.

Ein leicht irreführender Titel: «Der Geschmack von Rost und Knochen» hört sich martialisch an – wie B-Movie-Action-Kino alter Schule, in dem Kleinganoven die Fäuste sprechen lassen. Zwar schlagen auch in diesem Film zwielichtige Typen gnadenlos zu. Doch ihr schäbiges Milieu dient als Kontrastfolie für eine so spröde wie anrührende Liebesgeschichte.
 

Info

Der Geschmack
von Rost und Knochen

 

Regie: Jacques Audiard
120 min., Frankreich 2012; 

mit: Marion Cotillard,
Matthias Schoenaerts,
Corinne Masiero

 

Website zum Film

Ali (Matthias Schoenaerts) ist arbeitsloser Ex-Boxer und ziemlich weit unten. Mit seinem fünfjährigen Sohn Sam, den er kaum kennt, trampt er von Nordfrankreich an die Côte d’Azur, um bei seiner Schwester Anna (Corinne Masiero) unterzukommen. Die Kassiererin nimmt sich des Jungen an, um den sich Ali wenig kümmert.

 

Als Türsteher durchschlagen
 

Wenn er sich nicht in Annas Garage verkriecht, schlägt er sich als Wachmann und Türsteher durch. Eines Abends im Club haut er Stéphanie (Marion Cotillard) aus einer Schlägerei heraus und gibt ihr seine Telefon-Nummer – für alle Fälle.


Offizieller Filmtrailer


 

Quickies als Reha-Maßnahme
 

Ihr Job liegt auf der Sonnenseite des Badeorts: Im Ozean-Park trainiert sie Killer-Wale und unterhält Touristen mit Shows. Als sie ein Orca anfällt, verliert sie beide Unterschenkel; die Tragödie reißt sie aus ihrem bisherigen Dasein. In ihrer Isolation erinnert sich die Rollstuhl-Fahrerin an Alis Angebot.

 

Der hat keine Berührungsängste und hilft ihr mit lakonischem Pragmatismus: Wenn sie im Meer baden will, trägt er sie huckepack ins Wasser. Damit sie wieder erfährt, wie sich Sex anfühlt, steht er für spontane Quickies bereit. Und er nimmt sie ohne Scheu zu illegalen Kickbox-Kämpfen mit, bei denen sich harte Kerle um hohe Wetteinsätze prügeln.
 

Quasi dokumentarische Bilder
 

Sie werden von seinem Boss Martial organisiert. Er macht außerdem Kasse mit verbotenen Überwachungs-Kameras zur Angestellten-Kontrolle in Supermärkten, wofür sich Ali einspannen lässt. Als das auffliegt, muss er aus Annas Quartier verschwinden – und ebenso aus Stéphanies Leben. Er wird sie erst wieder sehen, nachdem sein Sohn bei einem Unfall fast gestorben ist.
 

Zwei Versehrte – der eine emotional, die andere physisch – finden durch allerlei Schicksals-Schläge Gefallen aneinander und knüpfen zarte Bande: Was wie das Rezept für ein überzuckertes Melodram klingt, kommt unterkühlt in quasi dokumentarischen Bildern daher.

 

Digital erzeugte Beinstümpfe

 

Die Kamera weicht den Hauptfiguren nicht von der Seite; sie sitzt ihnen quasi im Nacken, wandert ihre Körper entlang und registriert aufmerksam jedes Handicap. Wenn sie zusieht, wie Stéphanie beim Beischlaf Ali zwischen ihre (digital erzeugten) Beinstümpfe presst, erscheint das nicht voyeuristisch, sondern unschuldig wie eine Entjungferung – die Wiedergeburt ihres Begehrens.
 

Konventionellen Szenen und Genre-Elementen neue An- und Einsichten abzuluchsen, ist das Markenzeichen von Regisseur Jacques Audiard. Seine Neo-Noir-Thriller wie «Lippenbekenntnisse» (2001) und «Der wilde Schlag meines Herzens» (2005) fanden in Frankreich ein Millionen-Publikum und wurden mit Césars überschüttet, den französischen Oscars.

 

Analphabet als Mafia-Pate

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.


Lesen Sie hier eine Kritik des Krimis “Bullhead” von Michaël R. Roskam 
mit Matthias Schoenaerts


und hier die Besprechung des Vater-Tochter-Dramas “For Ellen” von So Yong Kim


sowie hier eine Rezension der dänischen Tragik-Komödie “Die Wahrheit über Männer” von Erfolgs-Regisseur Nikolaj Arcel.

International bekannt machte ihn «Ein Prophet», der 2009 in Cannes den Großen Preis der Jury gewann: Ein analphabetischer Häftling spielt im Gefängnis zwei Mafia-Clans gegeneinander aus, bis er zum Paten aufsteigt. Das konstruierte Szenario wirkte absolut plausibel, weil Audiard sich viel Zeit nimmt, die Charaktere seiner Anti-Helden zu entwickeln.
 

Inklusive ihrer Statur: Matthias Schoenaerts brillierte schon 2011 im belgischen Rinderzüchter-Krimi «Bullhead» als hochgezüchtetes Kraftpaket mit angeknackstem Ego. Diesmal tritt er als Ex-Athlet anfangs so abgeschlafft wie unzugänglich auf; bis er fürs Kickboxen trainiert und seine starken Schultern Marion Cotillard leiht.
 

Wobei sie aufblüht: Bald hält sie auf Edelstahl-Prothesen mühelos mit und managt seine Kampf-Auftritte. Ein ungemein physischer Film, der jede Wendung mit Muskel-Spannung und zitternder Haut beglaubigt – was sein hochfliegendes Pathos mit intensiver Bodenhaftung erdet. 


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