Dresden

geteilt | ungeteilt: Kunst in Deutschland 1945 bis 2010

Stefan Plenkers: Spiegelbilder, 1984. Foto: Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Im geteilten Deutschland näherten sich Formensprachen der Kunst rascher einander an als die Politik: Das zeigt das Albertinum mit einer großen Überblicks-Schau, die Künstlern abseits des offiziellen Betriebs viel Platz einräumt.

Deutsch-deutsche Kunst-Geschichte seit der Nachkriegszeit zeichnet das Albertinum anhand von rund 120 Werken nach: vorwiegend aus eigenem Bestand und mit Schwerpunkt auf Künstlern aus Dresden. Dieses Konzept ähnelt der aktuellen Sammlungspräsentation der Neuen Nationalgalerie in Berlin:
«Der geteilte Himmel» zeigt Werke der hauseigenen Kollektion, die zwischen 1945 und 1968 entstanden.

 

Info

geteilt | ungeteilt: Kunst in Deutschland 1945 bis 2010 

07.02.2012 – 25.08.2013
täglich außer montags
10-18 Uhr in der Galerie
Neue Meister im Albertinum, Georg-Treu-Platz + Brühlsche Terrasse, Dresden 

 

Weitere Informationen

Doch die Dresdner Ausstellung ist politischer. Während die Berliner Schau den formalen Gegensatz von Figuration und Abstraktion ins Zentrum der Betrachtung rückt, steht im Albertinum der Ost-West-Gegensatz im Mittelpunkt. Das kann in diesem Haus kaum anders sein: Hier zog 1965 die zwei Jahre zuvor gegründete «Abteilung Sozialistische Gegenwartskunst» der Dresdner Gemäldegalerie ein.

 

Kunst als politischer Zankapfel

 

An Kunst als Zankapfel der politischen Systeme erinnern Schautafeln im Vorraum. 1946 hatte der Kritiker Willi Grohmann in Dresden die «Erste Allgemeine Deutsche Kunstausstellung» initiiert; sie sollte in Ostdeutschland die von den Nazis als «entartet» verfemten Vorkriegs- Avantgarden rehabilitieren. Die Verpflichtung der Künste auf den «Sozialistischen Realismus» war jedoch bereits im Gang; im Folgejahr setzte sich Grohmann nach West- Berlin ab.


Impressionen der Ausstellung


«Tod von Dresden» unter Formalismus-Verdacht

 

1953 setzte die SED ihr Dogma mit der «Dritten Deutschen Kunstausstellung» im Albertinum unter der Losung «Die Kunst gehört dem Volk» endgültig durch – was in Dresden besonders spürbar wurde. Die Stadt hatte im Krieg ihre völlige Zerstörung erlebt; diese tabula rasa prägte auch die Kunstproduktion.

 

Doch ein expressives Gemälde wie Wilhelm Lachnits «Tod von Dresden» von 1945, auf dem eine Mutter mit Kind die in grelles Rot getauchte Trümmerwüste beweint, stand bei DDR-Kritikern unter Formalismus-Verdacht; es wurde erst 1957 von den Staatlichen Kunstsammlungen angekauft.

 

Zweigeteilte Ausstellungs-Architektur

 

Die Zweiteilung der Welt im Kalten Krieg stellt die Ausstellungs-Architektur kongenial nach: mit einer Doppelreihe aus Kojen, die im Laufe des Parcours nach und nach öffnet – in dem Maße, wie auch der Eiserne Vorhang durchlässiger wurde. Die Formensprachen der Künste in Ost und West näherten sich rascher einander an als die politischen Diskurse.

 

Kurator Ulrich Bischoff hat vor allem Werke ausgewählt, die lange im offiziellen Kunstgeschehen wenig beachtet wurden; teils sind sie erstmals seit Jahrzehnten zu sehen. Schon in den unmittelbaren Nachkriegsjahren malte Hans Heinrich Palitzsch in Dresden menschenleere Landschaften, die von Picasso und De Chirico beeinflusst waren – mit Flugzeugen, die wie von Bildern des Westdeutschen Franz Radziwill übernommen scheinen.

 

DDR-Abstraktion im Verborgenen

 

Auf der anderen Seite der Mauer widersetzten sich Richard Oelze und Eugen Schönebeck der herrschenden Tendenz zur Abstraktion. Ihre surrealen oder grotesk figurativen Motive stechen zwischen dem Informel eines Karl Otto Götz und Ernst Wilhelm Nay oder der Farbfeld-Malerei von Joseph Albers deutlich hervor.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Geschlossene Gesellschaft“ zur Entwicklung der Fotokunst in der DDR in der Berlinischen Galerie, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Der geteilte Himmel: Die Sammlung 1945–1968” mit Kunst aus der Nachkriegszeit in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

 

sowie hier einen Beitrag über die Ausstellung “Bernhard Heisig: Das große Welttheater” zum Werk des Doyens der «Leipziger Schule» im Kunst-Raum des Bundestags, Berlin.

Ungegenständliche Kunst entstand im Osten eher im Verborgenen. Der kühne Konstruktivismus des Dresdners Hermann Glöckner wurde nur geduldet; Willy Wolff konnte seine an Max Ernst erinnernden Skulpturen nur in Kleinformaten anfertigen. Nun räumt ihnen die Ausstellung ebenso gebührenden Platz ein wie nonkonformistischen DDR-Malern: etwa Peter Graf, Siegfried Klotz oder dem Frühwerk von A.R. Penck, der 1980 in den Westen übersiedelte.

 

Neue Themen nach dem Mauerfall

 

Mit dem Mauerfall erledigte sich System-Opposition in den Künsten endgültig; stattdessen traten neue Themen in den Vordergrund. Katharina Sieverding kopierte 1992 die Schlagzeile «Deutschland wird deutscher» auf ein großformatiges Foto-Porträt: Ihr Kopf ist mit Schleiern verhüllt und von Wurfmessern umringt. Cornelia Schleime malte nach der Lektüre ihrer Stasi-Akte einen «Verräter», dem ein schwarzes Rinnsal ins Ohr und aus dem Mund quillt.

 

Doch auch im ungeteilten Deutschland lassen sich noch spezifisch ostdeutsche Mal-Traditionen ausmachen: etwa in den schrundig deformierten Gestalten von Ralf Kerbach oder im flächigen Ausschnitt-Realismus seines Dresdner Meisterschülers Eberhard Havekost. Ihre Werke führt die Ausstellung im Kopf-Saal mit denen westdeutscher Zeitgenossen zusammen: als Bilder-Geschichte einer Nation, die das Albertinum umfassend dokumentiert.


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