Berlin

Olafur Eliasson: Volcanoes and Shelters

Detail aus: The volcano series, 2012, 63 C-prints; Maße insgesamt: 331,8 x 600,6 cm. Foto: © Olafur Eliasson 2012, courtesy neugerriemschneider, Berlin

Rundreise durch Island mit dessen berühmtesten Künstler: Seine Foto-Serien erheben die einzigartigen Landschaften der Insel zu Kunstwerken. Die Galerie neugerriemschneider zeigt sie als streng angeordnete Wand-Installationen.

In seinem ehemaligen Berliner Atelier hatte Olafur Eliasson vor einigen Jahren eine kleine begehbare Kammer installiert. Über ein elektronisches Steuerpult konnte er Farbe und Intensität des Lichts beeinflussen, das durch die Stoffdecke strahlte, und so eine beeindruckende Simulation der Varianten isländischen Tageslichts steuern.

 

Info

Olafur Eliasson:
Volcanoes and Shelters

 

30.10.2012 – 19.01.2013
dienstags bis samstags
11 – 18 Uhr in der Galerie neugerriemschneider, Linienstraße 15, Berlin

Im Unterschied zu den sublimen Farblicht-Räumen des US-Künstlers James Turrell fühlte man sich in Eliassons Experimental-Raum wie in einem Laboratorium. Trotz der klinischen Installation fühlte sich die Erfahrung des in vielen Farbtönen scheinenden Lichts keineswegs künstlich an, sondern so real, als ob sich wirklich der Himmel Islands über einem auftäte.

 

Landschaften aufs Neue erreisen

 

Das Licht kann Eliasson gut nachahmen, die Landschaften der Insel muss er sich immer aufs Neue erreisen. Seit 1994 lebt er in Berlin. Als Kind isländischer Eltern 1967 in Dänemark geboren, verbrachte Eliasson seine Kindheit aber hauptsächlich in Island. Die einzigartige Natur der Insel thematisiert er nun in seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie neugerriemschneider: Zu sehen sind neue Fotografien, Wandobjekte und Skulpturen.

 

Variationen einer Urplastik

 

Für die Reihe «The Volcano Series» als Wand-Installation bedient sich Eliasson bei der Landschaft wie aus einem Fundus natürlicher Archetypen. Auf seinen Fotos präsentieren sich Felsformationen, die Vulkanausbrüche zerklüftet haben, wie Variationen einer Urplastik. Zunächst betätigte sich die Geologie als Bildhauer; sie hat Schalen, Trichter und Kegelstümpfe aus dem Boden gestampft.

 

Dann bemächtigte sich die Botanik des öden Landes und mimte den Maler. Grelle Gräser und fahle Flechten überziehen die Vulkane mit einem ungeahnten Farbreichtum. Blau oder Grau des Himmels spiegeln sich in den Kraterseen; für harte Kontraste sorgen schwarzer Basalt und weiße Schneefelder.

 

Wie Readymades ausgewählt

 

Eliasson geht über die Dokumentation von Natur hinaus. Weder benennt er seine Krater, noch ordnet er sie in kartografische oder naturräumliche Zusammenhänge ein. Er erhebt Formen der Landschaft zu Kunstwerken, indem er sie wie Readymades auswählt, ordnet und ästhetisiert. Das erinnert sowohl an die Typologien der Fotografen Bernd und Hilla Becher, als auch an die Herangehensweise des Land-Art-Künstlers Robert Smithson.

 

«The Hut Series» ist eine weitere Wand-Installation von 56 etwas kleinformatigeren C-Prints. Im Mittelpunkt der Fotos steht nun jeweils eine bunt lackierte Holzhütte. Die kleinen Behausungen wurden ursprünglich für Schäfer gebaut und werden mittlerweile als Notunterkünfte und Zufluchtsorte für Wanderer genutzt.

 

Visuelles Netz von Ähnlichkeiten

 

Eliasson hat sie in den entlegensten Winkeln Islands aufgespürt. Statt aus der Vogelperspektive blickt der Fotograf nun in Augenhöhe auf diese Zweck-Architektur. Der Künstler integriert so den menschlichen Maßstab in seine Bilder und stellt der Weite des Landes die räumlichen Ansprüche derjenigen gegenüber, die es bereisen. Fotografisch fixiert und streng geometrisch angeordnet, lösen sich die konkreten Orte in einem visuellen Netz von Ähnlichkeiten auf.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Abbas Kiarostami: Stille und bewegte Bilder“ mit Landschafts-Fotografie des iranischen Star-Regisseurs in Bochum, Wiesbaden + Chemnitz

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung
Die Geometrie des Augenblicks” zur Landschafts-Fotografie von Henri Cartier-Bresson im Kunstmuseum Wolfsburg

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Wir sind alle Astronauten“ über den Visionär Buckminster Fuller im Spiegel zeitgenössischer Kunst mit Werken von Olafur Eliasson.

Keine Ausstellung von Olafur Eliasson, auf der er nicht auch die Grenze zum Kitsch überschreitet. Das demonstrierte er 2010 im Berliner Martin-Gropius-Bau und zuletzt auf der Architektur-Biennale von Venedig, auf der er eine Solarlampe für die Dritte Welt im naiven Sonnenblumen-Design vorstellte.

 

Ansprechende Ambiente-Kunst

 

Eliassons spekulative Raum-Experimente sind immer effektvoll und dekorativ. Wie hier die Reproduktionen alter Seekarten, die in tiefen Räuchereichen-Rahmen hängen: Diese so genannten bathymetrischen Karten zeigen die Topographie des Meeresbodens. Verblendet werden sie von farbigen Gläsern, deren Farbverlauf das in den Karten angedeutete Relief der Höhenunterschiede konterkariert.

 

Mit seinem Eingriff in die Farb-Trickkiste transformiert Eliasson das wissenschaftliche Karten-Material nur in ansprechende Ambiente-Kunst – während er in den Fotoserien mit deutlicher Ästhetisierung das ambivalente Verhältnis von Natur und künstlerischer Auswahl gekonnt auslotet.

 

Tiefere Wahrnehmungs-Ebene

 

Bei seinen Kontemplationen über Landschaft versucht Eliasson dennoch, eine tiefere Wahrnehmungs-Ebene zu erreichen. Als Betrachter sind wir aufgefordert, uns von seinen ästhetischen Grenz-Überschreitungen weder blenden noch abschrecken zu lassen. Wir müssen mehr als sehen – es gilt, die den Dingen eingeschriebenen Geschichten freizulegen.


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