Ludwigshafen

Schwestern der Revolution – Künstlerinnen der Russischen Avantgarde

Warwara Fjodorowna Stepanowa: Tanzende Figuren vor weißem Hintergrund, 1920. Foto: wilhelmhack. museum

Sozialistischen Realismus als Staatsdoktrin

 

Stepanowa ist in Ludwigshafen mit konstruktivistischen Tafelbildern vertreten, vor allem aber mit betont linearen Textilentwürfen für die neuen Bedingungen der Massenproduktion. Die junge Sowjetunion wollte ihre Genossen durchaus ästhetisch anspruchsvoll kleiden. Dabei war die Künstlerin in zahlreichen Bildungs- und Kunst-Institutionen aktiv.
 

Nachdem Stalin 1934 den Sozialistischen Realismus zur Staatsdoktrin erklärt hatte, waren die Anliegen des Konstruktivismus erledigt. Aus der Idee der Wirklichkeits-Konstruktion durch Kunst und Kultur war die Totalität der politischen Herrschaft geworden. Stepanowa, zuvor eine exponierte Vertreterin des Konstruktivismus, konnte dennoch als Gestalterin staatlicher Publikationen weiterarbeiten. Davon zeigt die Ausstellung nichts; sie endet mit Stalins Zäsur.

 

Spannungsfeld der Avantgarde

 

Gontscharowa und Stepanowa bewegten sich im Spannungsfeld, in dem die gesamte russische Avantgarde unter den Vorzeichen von Revolution und beginnendem Stalinismus stand: zwischen ästhetischem und sozialem Anspruch, West-Orientierung und Eigenständigkeit, künstlerischer Freiheit und politischer Wirklichkeit. Welcher Gestaltungs-Reichtum sich dabei entfaltete, wird bei drei weiteren Künstlerinnen deutlich: Alexandra Exter (1882-1949), Ljubow Popowa (1889-1924) und Nadeschda Udalzowa (1886-1961).
 

Von Exter sind kubofuturistische Kompositionen aus den Jahren 1914-18 zu sehen, deren Farbkraft atemberaubend ist. Popowa starb mit nur 35 Jahren an Scharlach. Sie ist mit 32 Arbeiten vertreten, deren Spektrum vom Kubismus über Suprematismus und Kubofuturismus bis zum Konstruktivismus reicht. Mit ihr studierte Udalzowa in Paris; von ihr werden neben kubistischen Anfängen suprematistische Kompositionen von 1916-20 gezeigt.

 

Enzyklopädischer Anspruch

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung "Baumeister der Revolution" über Avantgarde-Architektur in der frühen Sowjetunion im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Bericht über den Vortrag der Publizistin Ekaterina Degot über Kunst-Debatten im revolutionären Russland im Rahmen der “Künstler-Kongresse” auf der documenta (13), Kassel

 

sowie hier eine Rezension der Ausstellung
Stiller Widerstand” über Fotografien des Russischen Piktorialismus 1900 – 1930 im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

Eine besondere Stellung nimmt Anna Leporskaja als Vertraute von Kasimir Malewitsch ein, dem Begründer des Suprematismus: Er ist ebenfalls mit zwei figurativen Arbeiten vertreten. Mit diesen korrespondieren Leporskajas etwa zeitgleiche Bilder von 1932-34, die an Werke von Oskar Schlemmer erinnern: Gesichtslose Figuren reflektieren auch, was sich politisch unter Stalin ereignete.

 

Den enzyklopädischen Anspruch der Schau unterstreicht die Präsenz von sechs weiteren Künstlerinnen: Sofia Dymschiz-Tolstaja, Marija Ender, Anna Kagan, Elena Liessner-Blomberg, Olga Rosanowa und Antonina Sofronowa. Viele von ihnen haben für die Textilproduktion gearbeitet; ihre Entwürfe und nach diesen Mustern angefertigte Stoffbahnen sind ebenfalls zu sehen.

 

Gleichberechtigung in der Kunst

 

Einige Künstlerinnen arbeiteten auch für das Theater und das neu entstehende Medium Film. So gestaltete Alexandra Exter Kostüme für den Stummfilm «Aelita» von 1924, dessen Science-Fiction-Szenen die Filmgeschichte maßgeblich beeinflusst haben: Er wird in einer hervorragend rekonstruierten Fassung vorgeführt.
 

Dieser umfassende Überblick zeigt, dass der Ausstellungs-Titel nicht primär auf die politische, sondern auf die ästhetische Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts zielt. Und auf eine soziokulturelle Revolution: Erstmals spielten Frauen eine gleichberechtigte Rolle in der Kunst – am Schnittpunkt von bürgerlicher Liberalität und sowjetischer Emanzipation.


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