Julia Loktev

The Loneliest Planet

Nica (Hani Furstenberg) mokiert sich für einen Schnappschuss über den Bart von Alex (Gael Garcia Bernal). Foto: Camino Filmverleih

(Kinostart: 3.1.) Globetrotter-Drama in Georgien: Auf einer Trekking-Tour mit Bergführer gerät ein Liebespaar in Rollen-Konflikt. Die Spannung des psychologischen Kammerspiels lässt Regisseurin Loktev unaufgelöst ins Leere laufen.

Was für Kultur-Touristen früher der «Baedeker» war, ist für Globetrotter heute «The Lonely Planet»: ein Standard-Reiseführer, der in etlichen Bänden jeden Winkel der Welt abdeckt. Millionen Leser orientieren sich an seinen Tipps, wodurch sie rasch zu Massen-Anlaufstellen werden. Man sollte sie ignorieren, um echte Entdeckungen in der Fremde zu machen – auch an sich selbst.

 

Info

The Loneliest Planet

 

Regie: Julia Loktev, 113 min., USA/Deutschland 2011; 

mit: Gael García Bernal, 
Hani Furstenberg, Bidzina Gujabidze

 

Website zum Film

Das widerfährt Nica (Hani Furstenberg) und Alex (Gael García Bernal). Die beiden sind ein verliebtes Paar um die 30, wollen bald heiraten und zuvor noch eine Trekking-Tour durch den Kaukasus unternehmen. In einem georgischen Städtchen heuern sie Dato (Bidzina Gujabidze) als Bergführer an.

 

Leben in verschiedenen Welten

 

Mit ihm starten sie zu einem mehrtägigen Fußmarsch durch unbewohnte Gebirgstäler. Das Wetter ist herrlich, die Landschaft atemberaubend, und Dato unterhält sie in leidlichem Englisch mit Anekdoten und lokalen Mythen. Ihr Traveller-Glück scheint perfekt – obwohl bald klar wird, dass die Touristen und ihr Guide in verschiedenen Welten leben, deren kulturelle Grenzen trotz aller Toleranz und Entgegenkommen unüberwindlich sind.


Offizieller Filmtrailer


 

Vertrauensbruch in Sekunden

 

Dann reagiert Alex in einer Gefahren-Situation alles andere als mannhaft; er korrigiert sich sofort, kann es aber nicht ungeschehen machen. Diese wenigen Momente erschüttern Ninas Vertrauen in ihren Partner. Die Unbeschwertheit ist dahin; schweigend stapft die Gruppe weiter.

 

Ihre Kommunikation beschränkt sich aufs Nötigste; kleine Gesten der Annäherung verpuffen unerwidert. Bis sich Nina von Dato am Abend dieses Tages zu einem Ausrutscher verführen lässt: Sie nimmt quasi Revanche, was die Lage weiter verkompliziert.

 

Klaustrophobie in Gebirgslandschaft

 

Für ihr psychologisches Kammerspiel über Geschlechter-Rollen in modernen Beziehungen hat Julia Loktev eine grandiose Kulisse gewählt: Der georgische Teil des Kaukasus zählt zu den schönsten Gebirgslandschaften der Welt. Auf unbewaldeten Hängen wächst dichtes Gras; es überzieht die Berg-Flanken wie ein samtig grüner Teppich. Bäche und Rinnsale schlängeln sich wie Pfade durch unberührte Täler.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Stille Seelen“ von Alexej Fedorchenko, ein russisches Road-Movie zur Fluss-Bestattung

 

sowie hier eine Rezension zu Und dann der Regen – También la Lluvia” von Icíar Bollaín mit Gael García Bernal

 

und hier eine Besprechung des Backpacker-Dramas Turistas” von Alicia Scherson aus Chile.

Doch die Regisseurin verweigert jede Panorama-Ansicht dieser Naturschönheiten: kein Himmel, nirgends. Die Kamera schwenkt nie zu den Gipfeln empor, sondern bleibt dem wandernden Trio dicht auf den Fersen. Damit beschwört Loktev nach dem Bruch im Geschehen eine klaustrophobische Atmosphäre herauf. Ebenso wenig wie ihre isolierten Protagonisten kann der Zuschauer der lastenden Spannung entkommen.

 

Stummes Seelen-Drama

 

Die sich weder entlädt noch entkrampft: Nina und Alex reden nicht über den Vorfall. Gleichviel, ob es ihnen im Beisein ihres Begleiters peinlich wäre, oder sie unschlüssig sind, wie sie ihn ansprechen könnten: Ihr Konflikt soll sich als stummes Seelen-Drama nur in Blicken und Gesten abspielen. Das bürdet beiden zuviel auf – Autorenfilm-Star Gael García Bernal ebenso wie der israelischen Schauspielerin Hani Furstenberg.

 

Gefangen in der Weite des Natur-Paradieses und abhängig vom Guide, wird ihre Berg-Tour zur Tortur – auch beim Zusehen. Aus der verfahrenen Konstellation zieht Dato diskreten Nutzen. Er kann es sich leisten: Darsteller Bidzina Gujabidze ist Georgiens bester Bergsteiger und ließ sich zu diesem Film-Auftritt überreden. Ihm darf es egal sein, was aus dem Paar wird – und ob Regisseurin Loktev für ihr nächstes Drehbuch eine Auflösung findet, die den Plot nicht frustrierend ins Leere laufen lässt.


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