Dieter Kosslick

Krisen-Situationen können fruchtbar sein

Festival-Direktor Dieter Kosslick. Foto: Amelie Losier, copyright Berlinale

Heute beginnt die 63. Berlinale. Im Interview spricht Berlinale-Leiter Dieter Kosslick über Filme von Frauen, Gründe für das Wiedererstarken des Kinos in Osteuropa und das Filmfestival als Forum für hochwertige TV-Serien.

Herr Kosslick, bei der Pressekonferenz zur Berlinale haben Sie von «Filmen über Frauen und von Frauen» gesprochen. Ist das eine Anspielung auf das Programm von Cannes, wo alle 22 Wettbewerbs-Beiträge unter der Regie von Männern entstanden? In Cannes gab es Protest unter dem Motto «Frauen zeigen in Cannes ihr Gesicht, Männer ihre Filme» nach sich. Auch in Berlin sind nur drei von 19 Wettbewerbs-Beiträgen von Regisseurinnen.

 

Info

63. Berlinale

 

07. – 17.02.2013
in diversen Spielstätten, Berlin

 

Website des Festivals

Keinerlei Anspielungen – drei von 19 Filmen, die von Frauen sind, ist ein relativ großer Anteil, wenn man bedenkt, dass das Regiefach nach wie vor ein sehr von Männern dominiertes Terrain ist. Mit Susanne Bier, Ellen Kuras, Shirin Neshat und Athina Rachel Tsangari haben wir zudem Top-Regisseurinnen aus der Filmbranche in unserer Wettbewerbs-Jury.

 

Plattform für deutschen Film

 

Im Wettbewerb finden sich mit dem Western «Gold» von Thomas Arslan und «Layla Fourie» von Pia Marais zwei deutsche Beiträge, dazu ein ‚halber‘ mit «Harmony Lessons» von Emir Baigazin, der in Kasachstan spielt. Wie steht es im internationalen Vergleich um den deutschen Film 2013?

 

Natürlich gut. Die Berliner Schule macht Furore, z.B. mit spannenden Filmen wie «Barbara» von Christian Petzold, der 2012 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Die Berlinale ist und bleibt ein internationales Festival. Dessen ungeachtet haben wir nach wie vor großes Interesse daran, dem deutschen Film und auch neuen Regie-Talenten im Wettbewerb weiterhin eine wichtige Plattform zu geben.

 

Erster Film aus Kasachstan im Wettbewerb

 

Mit dem World Cinema Fund (WCF) unterstützt die Berlinale Filmprojekte in Ländern, in denen es keine oder nur eine kaum funktionierende Filmindustrie gibt. Nun ist der WCF-geförderte Film «Harmony Lessons» von Emir Baigazin in den Wettbewerb gekommen. Was wünschen Sie diesem Kind der Berlinale?

 

Grundsätzlich freuen wir uns natürlich sehr, dass zum ersten Mal ein Langfilm aus Kasachstan im Wettbewerb läuft. Obendrein ist es auch noch ein Debüt-Film, der mit ins Rennen um den Preis «Bester Erstlingsfilm» geht. Der Regisseur Emir Baigazin ist auch kein Neuling, er nahm bereits im Jahr 2008 am Berlinale Talent Campus teil. Wir wünschen ihm natürlich auch weiterhin viel Sichtbarkeit für seine Arbeiten, und dass seine Filme eine Bereicherung für das Weltkino sein werden.

 

Digitale Technik ist demokratisierend

 

Das Kino aus Osteuropa scheint auf der Berlinale stärker als in den letzten Jahren vertreten. Unter anderem findet sich erstmals seit vielen Jahren ein polnischer Beitrag im Wettbewerb. Was wurde dort bisher verpasst bzw. in diesem Jahr besser gemacht?

 

Einer der Gründe für die wieder erstarkte osteuropäische Bewegung könnte die neue digitale Technik sein. Sie ist sehr demokratisierend – denn sie ermöglicht einer neuen Welle von Filmemachern, ihre Filme mit wenig Mitteln in vergleichsweise kurzer Zeit in professioneller Art und Weise herzustellen.

 

Auch neu geschaffene Strukturen und Gelder, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben, unterstützen unabhängiges Kino. Doch vor allem hat sich eine ganze Film-Generation frei gemacht von der lastenden Schwere ehemaliger politischer Systeme. Das spürt man – im Wettbewerb zeigen wir fünf Filme aus Osteuropa.

 

Festival-affine Independent-Filme

 

Das US-Kino und besonders das amerikanische Independent-Kino scheint auf der Berlinale eine Heimat zu finden. Ihr Kollege Wieland Speck, Leiter der Programm-Sektion Panorama, sagt: «Amerika hat sich von der dumpfen Bush-Zeit erholt. Die amerikanischen Independents sind stärker als in den letzten 15 Jahren.» Wie sehen Sie das?

 

Neben soeben erwähnten osteuropäischen Produktionen hatten tatsächlich auch die USA merklich mehr Independent-Filme zur Auswahl. Es lässt mich an die dänische Dogma-Bewegung der 1990er Jahre denken; Länder haben nun einmal ab und an bestimmte konzentrierte Themen-Strömungen.

 

Auch Krisensituationen können sehr fruchtbar sein für Künstler – wie die unsichere Finanzsituation, die selbst in den USA zu spüren war. Durch ihre oft schnelle, humorvolle und kecke Art sind Independents außerdem häufig sehr Festival-affin – wie früher Autorenfilme.

 

TV-Serien bereichern Kino-Szene

 

Hohe Qualität bietet nicht nur das Kino, sondern auch immer häufiger das Fernsehen. Zahlreiche Film-Fans wenden sich aufwendig produzierten TV-Serien wie «The Wire» und «Mad Men» in den USA oder auch «Im Angesicht des Verbrechens» von Dominik Graf zu.

 

Sie zeigen mit «Top of the Lake» von Jane Campion und Garth Davis erstmals eine internationale TV-Mini-Serie als «Berlinale Special». Was zeichnet diese neuen Serien aus? Gefährden sie das Kino?

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Bilanz der Berlinale 2012 mit allen Preisträgern

Ich denke, dass durch sie der audiovisuelle Bereich eher bereichert wird. Kinoregisseure und Kinoschauspieler bedienen sich mehr und mehr dieses Formats, da man über mehrere Folgen erzählen kann. Die hohe Qualität spricht für sich.

 

Letztes Jahr haben wir zudem bereits die TV-Qualitätsserie «Death Row» von Werner Herzog gezeigt und einige Jahre zuvor lief bereits die TV-Serie «Im Angesicht des Verbrechens» von Dominik Graf. Wir freuen uns sehr darauf, Jane Campions erste TV-Produktion bei uns im Special-Programm zu präsentieren.


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