Franziska Schlotterer

Ende der Schonzeit

Unheilvolle Dreisamkeit. Foto: farbfilm verleih GmbH

(Kinostart: 14.2.) Dreiecks-Beziehung 1942: Ein jüdischer Flüchtling soll einem Bauern den Stammhalter liefern. Regisseurin Franziska Schlotterer erzählt sanft und bildgewaltig vom ewigen Kampf zwischen Macht und Moral.

«Ende der Schonzeit» ist ein beachtliches Kinodebüt. Ein abgelegener Bauernhof im Schwarzwald wird zum Schauplatz einer Dreiecks-Geschichte um Macht, Liebe und alltägliche Kämpfe des Lebens um 1942. Doch zunächst führt die Rahmenhandlung ins Israel der 1970er Jahre.

 

Info

Ende der Schonzeit

 

Regie: Franziska Schlotterer
100 min.,
Deutschland/Israel 2012; 

mit: Brigitte Hobmeier,
Hans-Jochen Wagner, Christian Friedel

 

Website zum Film

Der junge Mann Bruno (Max Mauff) sucht Kontakt zu seinem Vater Avi (Rami Heuberger), dem er noch nie begegnet ist und der einst ein Deutscher war. Dieser meidet den Jungen samt Brief, den Bruno zu überbringen versucht: das letzte Zeugnis seiner verstorbenen Mutter, die den Sohn zum leiblichen Vater schickt.

 

Kinderlose Bauern-Ehe

 

Danach blendet der Film in die Haupthandlung im Jahr 1942: Das Bauernpaar Emma (sehr ausdrucksstark: Brigitte Hobmeier) und Fritz (Hans-Jochen Wagner) führt eine funktionale, wenn auch kinderlose Ehe. Eines Tages stößt Fritz beim Wildern auf den jüdischen Flüchtling Albert (Christian Friedel) und bietet ihm Unterschlupf.


Offizieller Filmtrailer


 

Flüchtling als Zuchtbulle

 

Fritz findet Gefallen an dem jungen Mann und schert sich auf bodenständige Art wenig um die gängigen Vorurteile. Er versteckt die billige Arbeitskraft gegen den Willen seiner Frau mit bäuerlichem Pragmatismus vor den dörflichen Nazis: Einsamkeit und Abgeschiedenheit des Hofes befördern die Entstehung einer Männerfreundschaft.

 

Als Bauer mit Leib und Seele trägt Fritz schwer am ungelösten Problem der Erbfolge. Da kommt ihm eines Tages eine zündende Idee: Könnte nicht der junge Jude die Bäuerin begatten – sozusagen wie ein Bulle die Kuh?

 

Aus Pflicht wird Leidenschaft

 

Anfänglich weigert sich Albert, auch Emma ist wenig begeistert. Doch Fritz insistiert; aus dem technischen Beischlaf wird im Laufe der Zeit eine zarte Leidenschaft. All dies erzählt Regisseurin Franziska Schlotterer sanft, beiläufig und bildgewaltig, ohne überflüssige Worte oder rosaroten Liebeskitsch.

 

Entschlackt und schlicht wirkt das Spiel der drei Hauptdarsteller. Sie werden von Kameramann Bernd Fischer achtsam und angenehm zurückhaltend in Szene gesetzt: Keine unnötige Effekt-Hascherei, keine eitlen Lichtspielereien lenken vom Kern der Sache ab. Die Darstellung von Emotionen steht im Zentrum: Kleine Gesten verleihen großen inneren Konflikten Ausdruck.

 

Flüchtling wird verraten 

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.


Lesen Sie hier eine Rezension des Films
Der deutsche Freund” von Jeanine Meerapfel über das Zusammenleben von Juden + Nazis in Argentinien


sowie hier eine Rezension des Bergbauern-Dramas 
Der Verdingbub” von Markus Imboden über Kinder als Arbeits-Sklaven in der Schweiz bis 1950.

Dann wird die Bäuerin schwanger und verheimlicht die Schwangerschaft: Emma will die erotische Erfüllung nicht missen. Fritz unterdessen zerbricht beinahe vor Eifersucht, Wut und Ohnmacht. Doch Albert bleibt loyal und verweigert der Bäuerin einen letzten Beischlaf. Wenig später wird er verraten und ins KZ deportiert. 

 

Albert überlebt und kehrt nach Kriegsende zum Bauernhof im Schwarzwald zurück: Sein Wiedersehen mit Emma endet fatal. Er wandert nach Israel aus und wird zu Avi. Erst Jahrzehnte später erfährt er aus dem Brief der toten Emma, wer ihn damals verraten hat.

 

Regisseurin Franziska Schlotterer vertraut auf klassisch anmutende Dramatik im ewigen Kampf zwischen Macht und Moral. Dabei erzählt sie fast nebenbei von politischer Geschichte und dem Verrat der Liebe aus verletztem Egoismus. Ihren Film darf sie auf der aktuellen Berlinale präsentieren – in Vorauswahl für die Nominierung zum Deutschen Filmpreis.


Diesen Artikel drucken