Bill Murray

Hyde Park am Hudson

Das britische Königs-Paar (Olivia Colman, Samuel West, li.) und Familie Roosevelt (Bill Murray, Olivia Williams, Elizabeth Wilson). Foto: Tobis Film

Freizeit-Politiker auf Landsitz

 

Drittens: Auch Roosevelt hat eigentlich andere Sorgen. Aus der Enge Washingtons und des Weißen Hauses hat sich der Präsident, der seit einer Polio-Infektion gelähmt ist, auf das Familien-Anwesen «Hyde Park am Hudson» in Upstate New York zurückgezogen. Dort führt er das Leben eines Freizeit-Politikers, der am Gängelband seiner Mutter und an der langen Leine seiner Ehefrau Eleanor (Olivia Williams) gehalten wird.

 

Dabei will er sich eher um seine Liebschaften kümmern als um das Weltgeschehen. Viertens: Seine aktuelle Geliebte Daisy Suckley (Laura Linney), Roosevelts Cousine fünften Grades, hadert mit der nachrangigen Rolle, die der Präsident seinen Liebhaberinnen zuweist, wie sie im Laufe der Zeit erkennen muss. 

 

Im Cabrio durch Blumen-Wiesen

 

Von Landlust und dem Drang getrieben, den Verpflichtungen seines Amtes entgehen zu können, heizt Roosevelt trotz Krücken, protofeministischer Gattin und weltpolitischer Gemengelage mit seinen Gespielinnen im Cabriolet durch Blumen-Wiesen. Doch auch hier holt ihn das Tagesgeschäft ein: Am 11. Juni 1939 soll auf dem Landsitz anlässlich des Treffens von König und Präsident ein Picknick stattfinden. 

 

Der Brite Roger Michell hat als Theaterregisseur begonnen und dann mit einer Jane-Austen-Verfilmung 1995 auf der Leinwand debütiert. Seinen zehnten Spielfilm inszeniert er als psychologisches Verwicklungs-Stück, dessen pittoreskes Neuengland-Idyll auch in den Hügeln von Yorkshire liegen könnte. 

 

Mentalitäts-Unterschiede zwischen alter + neuer Welt

 

Dekorativ verpackt als munteres Sommer-Dramolett in der Provinz, kann sich der Film nicht recht entscheiden: Will er Roosevelt als promisken Lebemann zeigen oder als erfahrenen Politiker, der besonders das Zwischenmenschliche kultiviert?

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “W.E.” von Pop-Ikone Madonna um die Love-Story des britischen Thronfolgers Edward VIII.
und der Bürgerin Wallis Simpson


sowie hier eine Rezension des Nachkriegs-Dramas
The Deep Blue Sea
von Terence Davies mit 
Rachel Weisz

 

und hier eine kultiversum-Lobeshymne auf  den
Oscar-prämierten Film
The King’s Speech -
Die Rede des Königs
” 
von Tom Hooper mit 
Colin Firth als George VI..

Interessant wird «Hyde Park am Hudson» immer dann, wenn es um Mentalitäts-Unterschiede zwischen König und Präsident geht, zwischen altem Europa und neuer Welt, englischer Hemmung und amerikanischer Leichtigkeit: etwa bei der Frage, ob ein (facettenreich gespieltes) Monarchen-Paar Hotdogs essen darf. Bei der Beantwortung lernt Georg VI. wohl mehr über die Repräsentation seines Landes als je zuvor. 

 

Aufwendiges  Ausstattungs-Geplänkel

 

Drehbuchautor Richard Nelson begnügt sich nicht damit, solche Diskrepanzen auszugestalten; er versteht dem Film auch als persönliche Geschichte über sich selbst. Er lebt in Rhinebeck, der Heimatstadt von Roosevelts Geliebter Daisy Suckley: Sie wurde 100 Jahre alt und starb 1991. Der Hochbetagten ist Nelson noch in ihrem Haus begegnet; zudem hatte er Zugriff auf private Briefe und Tagebücher. 

 

Die Details dieser Affäre des nach Abraham Lincoln wohl einflussreichsten US-Präsidenten mit seiner entfernten Cousine hätten wohl genug Stoff für einen eigenen Film abgegeben. Doch an der Verschränkung beider Geschichten scheitert der Film leider; er bleibt kaum mehr als amüsantes und aufwendig ausgestattetes Geplänkel.


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