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Die Roosevelts (Bill Murray, Elizabeth Wilson, li.) bewirten das britische Königs-Paar (Olivia Colman, Samuel West) mit Picknick nach amerikanischer Manier. Foto: Tobis Film

Hyde Park am Hudson


(Kinostart: 28.2.) Weltgeschichte beim Picknick: 1939 besuchte King George VI. den US-Präsidenten Roosevelt auf dessen Landsitz. Aus der historisch zugespitzten Lage kurz vor dem Krieg macht Regisseur Roger Michell nur amüsantes Geplänkel.


Am letzten Sonntag ging Steven Spielbergs Film «Lincoln» mit zwölf Nominierungen als Favorit ins Rennen um die Academy Awards 2013. Am Ende war er einer der großen Verlierer: Neben dem Preis für das beste Szenenbild gewann lediglich Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis den erwarteten Oscar.

 

Info

Hyde Park am Hudson

 

Regie: Roger Michell
95 min., Großbritannien 2012; 

mit: Bill Murray, 
Laura Linney, Samuel West

 

Website zum Film

Ein weiterer Film über einen US-amerikanischen Präsidenten wurde nicht einmal nominiert: «Hyde Park am Hudson» von Roger Michell. Beide Filme sind keine klassischen Biopics, sondern konzentrieren sich auf einen kürzeren Zeitabschnitt.

 

Einige Tage im Leben von FDR

 

Spielberg beschränkt sich auf Abraham Lincolns Vorbereitungen zur Abschaffung der Sklaverei, die dafür nötige Verfassungs-Änderung und die parallele Beendigung des Bürgerkriegs. Dagegen erscheint Michells Spielfilm über einige Tage im Juni 1939 im Leben von Franklin Delano Roosevelt zunächst eher privat als politisch, obwohl es um eine enorm wichtige Entscheidung geht.


Offizieller Filmtrailer


 

Amtszeit-Ende vor Weltkrieg

 

Roosevelt (Bill Murray kann sein komödiantisches Talent leider kaum ausspielen) hatte mithilfe des New Deal die «Große Depression» der 1930er Jahre überwunden; er steht am Ende seiner zweiten Amtszeit. Aus dem Krieg, der sich in Europa anbahnt, will der Präsident entgegen seiner persönlichen Einschätzung die Vereinigten Staaten eigentlich heraushalten: Die US-Bürger sind nach der ökonomischen Malaise eher auf innere Konsolidierung geeicht als auf Weltpolizistentum.

 

In Großbritannien ist die Stimmungslage anders: England wird auf Bedrohungen vor der Haustür reagieren müssen. Der junge King George VI. (Samuel West) und seine Gemahlin Elizabeth (Olivia Colman) wurden von ihrer Regierung genötigt, Roosevelt zu besuchen und um Unterstützung zu bitten. Dieses Aufeinandertreffen birgt vielerlei Probleme. 

 

Erster Königs-Staatsbesuch in den USA

 

Erstens: Georg ist eher schüchtern, stottert – wie wir spätestens seit Tom Hoopers «The King’s Speech» mit Colin Firth wissen – und hatte überhaupt nicht damit gerechnet, Monarch des Vereinigten Königreichs zu werden. Doch die Abdankung seines Bruders Eduard VIII. katapultierte ihn aus seinem unpolitischen Privatleben unversehens auf den Thron. 

 

Zweitens: Noch nie hatte ein britischer König einen Staatsbesuch in der ehemaligen Kronkolonie in Nordamerika absolviert, obwohl die Unabhängigkeitserklärung der USA schon mehr als 150 Jahre zurücklag. Vorurteile und daraus resultierende Selbstdarstellungs-Versuche sind vorprogrammiert. 

 

Freizeit-Politiker auf Landsitz

 

Drittens: Auch Roosevelt hat eigentlich andere Sorgen. Aus der Enge Washingtons und des Weißen Hauses hat sich der Präsident, der seit einer Polio-Infektion gelähmt ist, auf das Familien-Anwesen «Hyde Park am Hudson» in Upstate New York zurückgezogen. Dort führt er das Leben eines Freizeit-Politikers, der am Gängelband seiner Mutter und an der langen Leine seiner Ehefrau Eleanor (Olivia Williams) gehalten wird.

 

Dabei will er sich eher um seine Liebschaften kümmern als um das Weltgeschehen. Viertens: Seine aktuelle Geliebte Daisy Suckley (Laura Linney), Roosevelts Cousine fünften Grades, hadert mit der nachrangigen Rolle, die der Präsident seinen Liebhaberinnen zuweist, wie sie im Laufe der Zeit erkennen muss. 

 

Im Cabrio durch Blumen-Wiesen

 

Von Landlust und dem Drang getrieben, den Verpflichtungen seines Amtes entgehen zu können, heizt Roosevelt trotz Krücken, protofeministischer Gattin und weltpolitischer Gemengelage mit seinen Gespielinnen im Cabriolet durch Blumen-Wiesen. Doch auch hier holt ihn das Tagesgeschäft ein: Am 11. Juni 1939 soll auf dem Landsitz anlässlich des Treffens von König und Präsident ein Picknick stattfinden. 

 

Der Brite Roger Michell hat als Theaterregisseur begonnen und dann mit einer Jane-Austen-Verfilmung 1995 auf der Leinwand debütiert. Seinen zehnten Spielfilm inszeniert er als psychologisches Verwicklungs-Stück, dessen pittoreskes Neuengland-Idyll auch in den Hügeln von Yorkshire liegen könnte. 

 

Mentalitäts-Unterschiede zwischen alter + neuer Welt

 

Dekorativ verpackt als munteres Sommer-Dramolett in der Provinz, kann sich der Film nicht recht entscheiden: Will er Roosevelt als promisken Lebemann zeigen oder als erfahrenen Politiker, der besonders das Zwischenmenschliche kultiviert?

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “W.E.” von Pop-Ikone Madonna um die Love-Story des britischen Thronfolgers Edward VIII.
und der Bürgerin Wallis Simpson


sowie hier eine Rezension des Nachkriegs-Dramas
The Deep Blue Sea
von Terence Davies mit 
Rachel Weisz

 

und hier eine kultiversum-Lobeshymne auf  den
Oscar-prämierten Film
The King’s Speech -
Die Rede des Königs
” 
von Tom Hooper mit 
Colin Firth als George VI..

Interessant wird «Hyde Park am Hudson» immer dann, wenn es um Mentalitäts-Unterschiede zwischen König und Präsident geht, zwischen altem Europa und neuer Welt, englischer Hemmung und amerikanischer Leichtigkeit: etwa bei der Frage, ob ein (facettenreich gespieltes) Monarchen-Paar Hotdogs essen darf. Bei der Beantwortung lernt Georg VI. wohl mehr über die Repräsentation seines Landes als je zuvor. 

 

Aufwendiges  Ausstattungs-Geplänkel

 

Drehbuchautor Richard Nelson begnügt sich nicht damit, solche Diskrepanzen auszugestalten; er versteht dem Film auch als persönliche Geschichte über sich selbst. Er lebt in Rhinebeck, der Heimatstadt von Roosevelts Geliebter Daisy Suckley: Sie wurde 100 Jahre alt und starb 1991. Der Hochbetagten ist Nelson noch in ihrem Haus begegnet; zudem hatte er Zugriff auf private Briefe und Tagebücher. 

 

Die Details dieser Affäre des nach Abraham Lincoln wohl einflussreichsten US-Präsidenten mit seiner entfernten Cousine hätten wohl genug Stoff für einen eigenen Film abgegeben. Doch an der Verschränkung beider Geschichten scheitert der Film leider; er bleibt kaum mehr als amüsantes und aufwendig ausgestattetes Geplänkel.



Von Marcus Woeller, veröffentlicht am 27.02.2013





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