Tom Hooper

Les Misérables

Republikanisch gesinnte Studenten schwenken Fahnen beim Begräbnis eines ihnen nahe stehenden Politikers. Foto: Universal

(Kinostart: 21.2.) Revolutions-Romantik im XXL-Format: Regisseur Tom Hooper verfilmt die Musical-Fassung des Roman-Klassikers von Victor Hugo – als opulent ausgestattetes Überwältigungs-Kino der großen Gesten und Gefühle.

Revolutions-Romantik im XXL-Format: Mit seinem Riesenroman «Die Elenden» von 1861 hat Victor Hugo den Klassenkämpfen im frühen 19. Jahrhundert ein monumentales literarisches Denkmal gesetzt – in der deutschen Ausgabe drei Bände mit rund 1500 Seiten.

 

Info

Les Misérables

 

Regie: Tom Hooper, 158 min., Großbritannien 2012;
mit: Hugh Jackman, Anne Hathaway, Russell Crowe

 

Website zum Film

Aus dem Stoff machten die französischen Komponisten Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg 1980 ein Musical, das fünf Jahre später in London uraufgeführt und zum Welthit wurde: Mit mehr als 60 Millionen Zuschauern in 42 Ländern ist «Les Misérables» eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten.

 

Hunderte von Statisten

 

Nun bringt es der britische Regisseur Tom Hooper, seit seinem Oscar-Gewinner «The King’s Speech» 2010 Garant für anspruchsvolle Kassenschlager, auf die Leinwand – das Singspiel, nicht den Roman. Aber mit einem Aufwand, der einer ambitionierten Literatur-Verfilmung würdig wäre: mit großem Star-Aufgebot und Hunderten von Statisten an originalen oder naturgetreu imitierten Schauplätzen.


Offizieller Film-Trailer, deutsch untertitelt


 

19 Jahre Haft für Brot-Diebstahl

 

In der Eingangsszene wird das Trockendock von Portsmouth zum historischen Hafen, in dem Jean Valjean (Hugh Jackman) mit Dutzenden anderer Sträflinge ein Segelschiff an Land ziehen muss. Für den Pariser Juni-Aufstand von 1832 ließ Hooper ganze Straßenzüge der französischen Hauptstadt nachbauen. Und raffiniert computersimulierte Kamerafahrten bieten Panorama-Blicke auf das alte Stadtzentrum, das es längst nicht mehr gibt.

 

Die Fabel ist in Grundzügen – trotz vieler Stationen und Nebenfiguren – rasch erzählt. Valjean verbüßt 19 Jahre Haft, weil er ein Brot gestohlen hatte. Nach seiner Freilassung wird er von Polizei-Inspektor Javert (Russell Crowe) weiter unbarmherzig verfolgt. Verbittert klaut Valjean Kirchen-Silber, doch ein Bischof verzeiht ihm und läutert ihn damit.

 

Liebe in den Zeiten des Barrikaden-Kampfs

 

Jahre später ist Valjean unter falschem Namen ein angesehener Fabrik-Besitzer in der Provinz. Er trifft auf Fantine (Anne Hathaway): Sie arbeitete früher für ihn, wurde entlassen und muss nun ihren Körper verkaufen, um ihre Tochter Cosette durchzubringen. Erschüttert gelobt Valjean, sich um ihr Kind zu kümmern, während Fantine ihr Leben aushaucht.

 

Er zieht Cosette inkognito in Paris groß; als junge Frau (Amanda Seyfried) verliebt sie sich in den Bürgersohn Marius (Eddie Redmayne). Der stürzt sich mit republikanischen Studenten 1832 in einen aussichtslosen Barrikaden-Kampf und wird verletzt. Valjean rettet ihn; zuvor lässt er seinen alten Widersacher Javert ziehen, den die Aufständischen gefangen hatten. Das Liebespaar findet zueinander – und kommt gerade noch rechtzeitig, um sich vom moribunden Helden zu verabschieden.

 

Schlammschlacht in der Kanalisation

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Literatur-Verfilmung „Große Erwartungen“ von Mike Newells mit Helena Bonham Carter nach dem Roman von Charles Dickens

 

und hier einen Beitrag über die Roman-Verfilmung „Anna Karenina“ von Joe Wright mit Keira Knightley nach Leo Tolstoi

 

und hier eine Rezension der gelungenen Roman-Verfilmung “Jane Eyre” von Cary Fukunaga nach dem Klassiker von Charlotte Brontë

Den hat Victor Hugo als Über-Gutmenschen angelegt: Mit unermesslichem Großmut erleichtert Valjean den Armen ihr Los. Dieses romantische Pathos spitzt die Musical-Fassung noch zu: Bei jeder Gelegenheit ringen die Figuren mit sich, prüfen ihr Herz und bringen ihre Seelenpein in anrührenden Liedern zum Ausdruck. Alle Dialoge werden gesungen; die wenigen Zeilen Sprechtext würden auf eine Seite passen. Was manchmal auf Kosten der Handlungs-Logik geht, aber nie des Wohlklangs – selbst bei einer Schlammschlacht in der Kloake der Pariser Kanalisation.

 

In der Kino-Version knödeln keine Amateure: Alle Schauspieler haben hörbar genügend Gesangserfahrung – besonders die Nebendarsteller glänzen in ihren Partien. Nur Helena Bonham Carter und Sacha Baron Cohen, die das gierige Gastwirt-Paar Thénardier mimen, treffen oft nicht den richtigen Ton; doch ihre komischen Einlagen wären ohnehin entbehrlich.

 

Ansonsten setzt der Film die himmelhoch jauchzenden Freiheits- und Erlösungs-Hoffnungen der Vorlage überzeugend um: in prachtvolle Tableaus mit schmetternden Chören, tränenseligen Soli und dramatischen Duetten – das ganze Repertoire des Überwältigungs-Kinos. Man muss das mögen: Dann wird man vom Sturm der großen Gefühle mitgerissen.


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