Berlin

Martin Kippenberger: sehr gut | very good

Martin Kippenberger: Ohne Titel (aus der Serie Lieber Maler, male mir), 1981, Acryl auf Leinwand, 200 x 300 cm. Foto: SMB © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln

Ein begnadeter Sprücheklopfer, Situations-Komiker, Wortkünstler und Kunstbildner: Martin Kippenberger war und ist eine kaum versiegende Inspirationsquelle. Zum 60. Geburtstag ehrt ihn der Hamburger Bahnhof mit einer großen Werkschau.

Herrenwitze werden heute eigentlich nur noch in der FDP erzählt. Andernorts werden sie kaum mehr geduldet: Sie gelten als Überbleibsel eines präpotenten Machismo und eigentlich durch Gender-übergreifenden Feminismus fast als ausgerottet.

 

Info

Martin Kippenberger:
sehr gut | very good

 

23.02.2013 – 18.08.2013
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Invalidenstr. 50-51, Berlin

 

Weitere Informationen

Nur einem werden sie auch heute noch zugestanden: Martin Kippenberger (1953–1997). Der Hamburger Bahnhof macht sie zu Überschriften für Motto-Räume der Ausstellung, die jetzt in den Rieck-Hallen des Berliner Museums für Gegenwartskunst zu sehen ist.

 

Immer noch über Zoten lachen

 

Kippenberger ist beliebt in Kunstkreisen. Der begnadete Sprücheklopfer hat die zeitgenössische Kunst mit einem Sinn für Humor ausgestattet, über den immer noch gelacht werden darf, auch wenn er zotig ist. Denn in Kippenbergers politisch unkorrektem Witz steckt immer auch eine beißende Anklage, das Tragikomische der eigenen Existenz und der Hohn, doch immer geistreicher als die Anderen gewesen zu sein.


Impressionen der Ausstellung


 

Mit vielen einen gehoben

 

Der in Dortmund geborene Künstler ist auch deshalb so beliebt, weil scheinbar jeder aus seiner Generation ihn gekannt (über ein bis drei Ecken) oder wenigstens mit ihm seinerzeit die gleichen Klubs, Kneipen und Restaurants besucht (SO36, Ratinger Hof, Paris Bar) haben will.

 

Rückwirkend ist Kippenberger der Typ, mit dem man gern mal einen gehoben hätte. Und er hat mit vielen einen gehoben – und viele. In keiner Beschreibung des Künstlers darf fehlen, dass er ein Trinker war, der letztlich an seiner Trunksucht zugrunde ging.

 

Eklat um gekreuzigten Frosch

 

Immer wird seine Biografie zum Kriterium seiner Kunst. Seine Reisen, seine Zeitgenossen, seine Ausschweifungen werden zu Erklärungsversuchen herangezogen und erklären doch wenig. Auch die Berliner Ausstellung überlässt Kippenberger seinem Mysterium.

 

Kippenberger ist ein Künstler, der immer mal wieder die Gemüter bewegt. Bei einer Ausstellung vor fünf Jahren in Bozen zur Wiedereröffnung des Museums für zeitgenössische Kunst «Museion» kam es zum Eklat wegen eines gekreuzigten Frosches. «Zuerst die Füße» heißt das Werk, das konservative Katholiken dagegen aufbrachte, einen Geistlichen zum Hungerstreik animierte und sogar von Papst Benedikt XVI. angeprangert wurde.

 

Unterschied zwischen Casanova + Jesus

 

Im fast völlig säkularisierten Berlin regt das niemanden mehr auf; in der Verdreifachung des Werks an einer Wand wird allerdings auch dessen Radikalität geschwächt. Eine vierte Version aus Holz hat ein Herrgottschnitzer angefertigt. Sie kommt aus der Sammlung Falckenberg und wird zusätzlich mit einem deftigen Witz betitelt: «Was ist der Unterschied zwischen Casanova und Jesus? Der Gesichtsausdruck beim Nageln.»

 

«Herrenwitze sind so wichtig wie der liebe Gott»: Kippenberger waren geschliffene Bonmots ebenso wichtig wie das ungeschliffene Bildprogramm seiner Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Plakate und Fotografien. Er war Situationist und Situations-Komiker, Wortkünstler und Kunstbildner.

 

«Berlin muss neu gestrichen werden»

 

Titel wie «Martin, ab in die Ecke und schäm dich» zu einer Skulptur in der Ausstellung oder «Drum geh’ ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald» (nicht in der Ausstellung) sind legendär. Seine Einschätzung der Stadt, in der er nur drei Jahre von 1978 bis 1981 lebte, ist zeitlos: «Berlin muss neu gestrichen werden.»

 

Sein Kommentar zur Kunst zynisch: «Malerei habe ich nunmehr auch in mein Programm aufgenommen – sogar auf Leinwand = PS = bezauberndes Werk geschaffen (grundiert) muss nur noch Öl-Farben (sauteuer) besorgen. Dann bekommt es den letzten Schliff.»

 

Weiße Schrift auf weißer Leinwand

 

Die Ausstellung «sehr gut | very good» soll weder als umfassende Retrospektive verstanden werden, noch folgt sie einem eindeutigen kuratorischen Konzept. Gleichsam als Herzstück und doch amputiert wirkt die Serie der «Weißen Bilder», die im ersten Obergeschoss des Bahnhofsgebäudes gezeigt werden: Weiß-auf-weiß-Malerei einer kaum leserlichen, kindlichen Schrift bündig eingelassen in die Wände des white cube.

 

Ein hermetischer Kunstblock, der nach Konzept aussieht und Ängste aus Kindertagen heraufzubeschwören scheint. Doch auch hier sind die Fährten, die Kippenberger legt, einfach ausgestreut und führen in alle möglichen Richtungen, von denen der Humor nur eine ist.

 

Kann kein Hakenkreuz entdecken

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung «die ganze Welt in meinem Spiegel» zum Werk von Johannes Grützke im Ephraim Palais, Berlin

 

und hier eine Rezension der Ausstellung „Rainer Fetting – Berlin“ in der Berlinischen Galerie, Berlin

 

und hier einen Beitrag zur Ausstellung „Spiel mit der Meisterschaft“ mit Werken von Horst Janssen im Museum der bildenden Künste, Leipzig.

Ein Pluspunkt der Ausstellung ist, dass sie Raum für Werk-Gruppen schafft und den überreizten Kosmos Kippenbergers nicht durch zusätzliche Chaotisierung ausufern lässt. Interessant sind etwa die konzentrierten Kabinette von kleinen Zeichnungen, die Kippenberger auf Schreibpapier oder Quittungsblöcken von Hotels hinterließ, in denen er abstieg.

 

Oder die Serien von Ausstellungs-Plakaten und Einladungs-Karten, die auch seine Qualität als Kommunikations-Designer zeigen. Oder die heftige Malerei, die ihn in den Kontext der «Neuen Wilden» stellt. Oder auch Einzelstücke, die in seinem ausufernden Oeuvre als solitäre Meisterwerke Bestand haben werden, weil sie mit unnachahmlicher Geistesschärfe und lapidarstem Gestus den Finger auf die Wunde legen: «Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken.»

 

Mythos Kippenberger lebt

 

Zum 60. Geburtstag des Künstlers war eine Ausstellung in Berlin überfällig; schon weil er für die hier lebenden, jungen Künstler eine kaum versiegende Quelle der Inspiration ist. Martin Kippenberger ist nun schon seit mehr als 15 Jahren tot. Sein Mythos lebt. Ihn zu erklären, wird aber wohl noch einige weitere Ausstellungen nötig machen.


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