Oskar Roehler

Quellen des Lebens

Literatur-Diva mit Kleopatra-Frisur: Robert (Leonard Scheicher) und Freundin Laura (Lisa Smit) besuchen seine Mutter Gisela (Lavinia Wilson). Foto: X-Verleih

(Kinostart: 14.2.) Radikale Selbstentblößung: Mit großem Star-Aufgebot verfilmt Regisseur Oskar Roehler seine Familiengeschichte – als Zeitgeist-Panorama der 1950er bis 1970er Jahre, in dem er ausgiebig mit seinen 68er-Eltern abrechnet.

«Autobiographisch ist’s immer», meinte schon Goethe über Kunst: Kaum ein Regisseur zeigt das so ungeschminkt wie Oskar Roehler. In fast allen Filmen frönt er seinen beiden Obsessionen: dem Hang zu prätentiöser Sexualpsychologie, gern als greller Trash drapiert, und seiner Familiengeschichte.

 

Info

Quellen des Lebens

 

Regie: Oskar Roehler, 173 min., Deutschland 2012;
mit: Moritz Bleibtreu, Meret Becker, Jürgen Vogel

 

Website zum Film

Mal gelingt ihm ein Meisterwerk wie «Die Unberührbare» (2000): das einfühlsam-dichte und zugleich karge Porträt seiner Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner, kurz vor ihrem Selbstmord. Mal nur behäbiges Erzählkino wie «Elementarteilchen» (2006): der zynische Kulturpessimismus von Michel Houellebecqs Roman-Vorlage verflacht zur banalen Befindlichkeits-Schau der Protagonisten.

 

Dreistündiges Familien-Epos

 

Nun hat Roehler seine Lebens-Themen zum opus magnum ausgewalzt. War «Die Unberührbare» noch eine Momentaufnahme, wird «Quellen des Lebens» zum fast dreistündigen Familien-Epos. Von der Heimkehr seines Großvaters, hier Erich Freytag (Jürgen Vogel), aus der Kriegsgefangenschaft bis zur Jugendliebe von Oskar, hier Robert (Leonard Scheicher): Roehler breitet alle Wendungen und Wirrungen im Leben von drei Generationen aus.


Offizieller Film-Trailer


 

Opa besitzt Gartenzwerg-Fabrik

 

Als üppig ausgestattetes period piece in Star-Besetzung über das erste Vierteljahrhundert der Bundesrepublik: Großvater Erich hält seine Frau Elisabeth (Meret Becker) auf Abstand und wird dank Wirtschaftswunder stolzer Besitzer einer Gartenzwerg-Fabrik. Ihr Sohn Klaus (Moritz Bleibtreu) umgarnt die überspannte Großbürger-Tochter Gisela Ellers (Lavinia Wilson) und heiratet sie aus der Neureichen-Villa ihrer eisigen Eltern heraus.

 

Beide haben schriftstellerische Ambitionen, doch Gisela ist talentierter als ihr Mann: Bald geht ihre Ehe in die Brüche – und der kleine Oskar/Robert wird zum Opfer. Mama ignoriert das Kind auf ihrem Selbstverwirklichungs-Trip als Literaturbetriebs-Liebling; Papa vernachlässigt es als Möchtegern-Bohemien in langen Nächten mit wechselnden Geliebten.

 

Wütende Abrechnung mit 68er-Eltern

 

Robert wird herumgeschubst, verwahrlost und kommt bei den Großeltern unter: erst bei den bodenständigen Freytags im Frankenland, dann im steifen Luxus-Leben der Ellers. Als er dagegen rebelliert, stecken sie ihn ins Internat; als er danach seinen ersten Schwarm Laura wiederfindet, bekommt diese schlimme Kindheit eine versöhnliche Schluss-Note.

 

Dazu hat Roehler seinen autobiographischen Roman «Herkunft» von 2011 verfilmt. Der ist im Kern eine wütende Abrechnung mit der 68er-Generation: ihrem als Idealismus kaschierten Egoismus, ihrer Verantwortungs- und Lieblosigkeit, wie er es bei seinen Eltern erlebt hat. Die Radikal-Kritik an ihnen malt er in immer neuen Episoden seiner Kindheit aus.

 

Aufgeblähter Genre-Bastard

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Kritik des Films „Pieta“ von Kim Ki-Duk über die Rache einer vermeintlichen Rabenmutter

 

und hier eine Besprechung des Films „Winterdieb“ von Ursula Meier über einen elternlosen Jungen im Wintersport-Ort.

Solche Nabelschau wäre wenig zugkräftig, würde der Regisseur sie nicht als Zeitgeist-Panorama ausstaffieren: Die 1950er bis 1970er Jahre in Westdeutschland sind längst entrückt und taugen für nostalgische Rückblicke. Sie garniert er mit allerlei schrägen Einfällen und grotesken Details.

 

So schlingert «Quellen des Lebens» alle paar Szenen zwischen Historien- und Heimatfilm, Melodram, Psychodrama und Klamotte hin und her: Ein aufgeblähter Genre-Bastard, der nicht weiß, was er will, außer die Selbstbespiegelung seines Machers irgendwie unkonventionell durchzubuchstabieren.

 

Fortsetzung folgt

 

Das wirkt nach drei Stunden so zerfasert und zusammenhanglos wie das wirkliche Leben. Damit nicht genug: Der Regisseur hat bereits eine Fortsetzung über die Zeit ab den 1980er Jahren angedroht. Es wird mehr werden, als wir über Oskar Roehler jemals wissen wollten.


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