Paul Thomas Anderson

The Master

Nahendes Zerwürfnis: Sekten-Chef Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman, re.) ist konsterniert, sein treuer Zögling Freddie (Joaquin Pheonix) wird misstrauisch.Foto: Senator Film Verleih

(Kinostart: 21.2.) Ein Film zu Scientology, der sich nicht festlegen will: Regisseur Paul T. Anderson reduziert sein Drama über die Anfänge der Bewegung auf ein Psycho-Duett zwischen Führer und Zögling, bleibt aber gegenüber der Sekten-Ideologie sehr ambivalent.

«The Master» ist keine Abrechnung mit Scientology. So viel vorweg. Und auch keine Glorifizierung von L. Ron Hubbard – selbst wenn in der Film-Figur des Lancaster Dodd viele Eigenschaften kulminieren, die der Gründer von Scientology auch in sich vereint haben mag: Charisma, Überzeugungskraft, Despotismus und Alkoholismus.

 

Info

The Master

 

Regie: Paul Thomas Anderson, 
137 min., USA 2012; 

mit: Philip Seymour Hoffman, Joaquin Phoenix, Amy Adams

 

Website zum Film

«The Master» ist auch keine fiktionalisierte Entwicklungs-Geschichte der «Scientology-Kirche» und ihrer heiligen «Dianetics»-Schrift, sondern ein Film über das Spiel mit der Macht über Menschen, über ihre Beeinflussbarkeit in Krisensituationen und die Faszination der Führerschaft. Ein Film, der sich nicht entscheiden will.

 

Weder Befürworter noch Gegner

 

Denn Regisseur Paul Thomas Anderson, der u.a. «Boogie Nights» und «There Will Be Blood» drehte, ist weder Befürworter noch Gegner der pseudoreligösen Bewegung; die hat bekanntlich viele namhafte Mitglieder aus dem US-Showbusiness. An seinem sechstem Spielfilm fällt auf, wie sehr er die Ambivalenz halten und keine großen Ausschläge in Richtung Pro oder Kontra riskieren will.


Offizieller Filmtrailer


 

Tom Cruise mag den Film nicht

 

In einem Interview mit der britischen Tageszeitung «The Guardian» betonte Anderson dieses Anliegen: «Das Letzte, was ich wollte, war, jemanden persönlich zu verletzen oder jemandes Glaubensregeln zu beleidigen. Und ich teile auch nicht die Ansicht vieler Leute, dass wenn man etwas über Scientology macht, es zwangsläufig ein Angriff sein muss.»

 

Eine privates screening für Tom Cruise, mit dem Anderson 1999 «Magnolia» gedreht hatte, wurde trotzdem zum Debakel. Andersons Versuch, in einer Art vorauseilendem Gehorsam eine falsche Auslegung seines Films durch den prominenten Scientology-Anhänger zu erwirken, ging nicht auf. 

 

Kryptisch-romantische Zweier-Beziehung

 

Cruise soll sich äußerst wütend darüber geäußert haben, dass der vermeintliche Hubbard-Epigone in «The Master» in die Nähe des Betrugs gerückt wird. «Wir sind noch Freunde», wird Anderson im US-Online-Magazin «The Huffington Post» zitiert: «Ich wollte ihm den Film zeigen, alles andere machen wir zwischen uns aus.»

 

Der Film konzentriert sich auf die kryptisch-romantische Beziehung zwischen dem charismatischen Schriftsteller Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman) und dem traumatisierten Kriegsheimkehrer Freddie Quell (Joaquin Phoenix). Lancaster ist gerade dabei, auf Grundlage seines Buches «The Cause» eine para-religiöse Bewegung zu gründen. Dafür schart er bevorzugt eine begüterte Klientel um sich, die ihn als ihren Master verehrt.

 

Spezial-Drinks gegen Erweckungs-Hysterie

 

Er sieht in dem hormongesteuerten Quell die ideale Person, um ein Exempel für seine Lehren zu statuieren: das Animalische hinter sich zu lassen und eine höhere Stufe des Menschseins zu erlangen. Dodd und Quell verfangen sich gegenseitig in der Anziehungskraft des Anderen. 

 

Der Ex-Soldat mixt dem Intellektuellen seine Spezial-Drinks aus allen Spirituosen inklusive Farbverdünner, die er finden kann, und mimt für ihn den Ausputzer. Für Dodd ist Quell dagegen so etwas wie der edle Wilde, den er mit seiner abstrusen Mischung aus Hypnose, Psychoanalyse und post-puritanischer Erweckungs-Hysterie zur Krone der Schöpfung erziehen will.

 

Kampf-Duett im overacting

 

Zusehends wird der Film zu einem Duett, in dem sich die Hauptdarsteller über ihre Rollen zu verselbständigen scheinen. Hoffman mimt den gravitätischen Choleriker mit dauerrotem Kopf. Phoenix spielt den Tiger im Käfig seiner nicht zu bändigenden Triebe. 

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.


Lesen Sie hier eine Kritik der Doku “Sagrada – Das Wunder der Schöpfung” über den Bau der Sagrada Familia in Barcelona von Stefan Haupt


sowie hier eine Rezension des Films “The First Rasta” von Hélène Lee über den Gründer der Rasta-Religion

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Geheimgesellschaften
in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt/Main.

Es scheint, als wolle Anderson den inhaltlichen Kampf zwischen Kalkül und Emotion, Glaube und Anarchie vom immer weniger präzisen Drehbuch aufs Tableau des overacting hieven. Vielleicht auch ein Hinweis auf seinen Versuch, sich von der ursprünglichen Scientology-Ausgangsidee zu lösen, um stattdessen ein eher allgemeines Drama des Menschlichen zu inszenieren. 

 

Keine Haltung zur Ideologie

 

Auch die Bildsprache folgt dieser Ambivalenz. Die Intimität der Dialog-Szenen wird immer wieder konterkariert durch die Opulenz der Bilder mit eleganten Kamerafahrten. Die Vergrößerung auf 70-mm-Material bemüht sich, die Geschichte zu einem epischen Drama zu ästhetisieren. 

 

Das ist überaus schön anzusehen. Doch führt es auch weg von einer entscheidenden Frage: Welche Haltung wird gegenüber gesellschaftlichen Ideologien vertreten, die auf Täuschung, Gehirnwäsche und Nötigung basieren? «The Master» bleibt da leider viel zu vorsichtig.


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