Berlin

«Daumier ist ungeheuer!»

Trinklied (La chanson à boire), um 1864/65, Bleistift, Feder, Aquarell, Crayon, Conté, 23,7 x 26,6 cm,Private Collection. Foto: ARTEFAKT Kulturkonzepte
Ein «totaler Künstler», der «alles konnte»: So sah Max Liebermann seinen Kollegen Honoré Daumier. Neben berühmten Karikaturen und sarkastischen Porträt-Büsten sind im Liebermann Haus kaum bekannte Gemälde zu sehen – eine grandiose Werkschau.

«Daumier ist ungeheuer!», soll Max Liebermann ausgerufen haben: «Daumier hat alles gekonnt, was er gewollt hat. Er ist das große Genie!» Sogar als größten Künstler des 19. Jahrhunderts hat Liebermann ihn bezeichnet. Bis heute gilt er als ein wichtiger Vorläufer der Moderne.

 

Info

„Daumier ist ungeheuer!“

 

02.03.2013 - 02.06.2013
täglich außer dienstags

10 bis 18 Uhr,

am Wochenende ab 11 Uhr

im Max Liebermann Haus, Pariser Platz 7, Berlin

 

Weitere Informationen

Dies will eine Ausstellung in Liebermanns ehemaligem Wohnhaus am Pariser Platz in Berlin, in dem heute die «Stiftung Brandenburger Tor» residiert, mit seinen weniger bekannten Gemälden bezeugen. Sie zeigt aber auch Lithografien und Zeichnungen, die Honoré Daumier berühmt machten – und Skulpturen, die seinen modernen Gestus am deutlichsten zeigen.

 

Sechs Monate Haft für ein Bild

 

Wirklich modern war der gefürchtete Karikaturist in seiner attitude, einer Haltung zum Leben als sozialkritischer Künstler, der sich den Schranken der Gesellschaft widersetzen wollte. Und dafür auch ins Gefängnis ging. 1832 veröffentlichte Daumier ein Porträt des so genannten «Bürgerkönigs» Louis-Philippe als birnenhäuptigem, gefräßigen «Gargantua» – und wanderte wegen Majestätsbeleidigung ein halbes Jahr in den Bau.


Impressionen der Ausstellung


 

Erfinder der Politiker-Birne

 

Daumier erfand also die Darstellung der Obrigkeit als Birne; 150 Jahre später landete Kanzler Helmut Kohl mit gleichem Konterfei im Obstkorb der politischen Satire. Die Justiz hatte allerdings seither dazugelernt und Hans Traxler, Mitbegründer des Magazins «Titanic», strafrechtlich nichts mehr zu befürchten.

 

Mit diesem Bild-Affront wurde der 23-jährige Daumier, der gerade seine journalistische Karriere als politischer Zeichner bei der Zeitschrift «La Caricature» begonnen hatte, schlagartig bekannt. Die harte Strafe war zwar ein Schock, kam aber nicht unerwartet. Als überzeugter Republikaner misstraute er der vorgeblichen Liberalität von Louis-Philippe, der nach der Juli-Revolution von 1830 auf den Thron gekommen war. Dessen Angriff auf die Pressefreiheit 1835 sah der Künstler-Journalist kommen.

 

Handgroße Porträt-Plastiken von Politikern

 

Die Haft im legendären Pariser Gefängnis Sainte-Pelagie, in dem auch Marquis de Sade eingesessen hatte, machte Daumier populär. Seine Karikaturen der Abgeordneten der Nationalversammlung machten ihn dagegen berüchtigt und verhasst. Die Ausstellung zeigt 39 kleine Plastiken, die seine Bissigkeit gegenüber dem Establishment, aber auch seine moderne Handschrift zeigen.

 

Zwischen 1832 und 1835 fertigte er handgroße, bemalte Tonmodelle von Köpfen an, die ihm als physiognomische Studien dienten. Nach diesen Plastiken schuf er die portrait-charges: eine Serie von Bronze-Büsten der einflussreichsten Politiker in der Juli-Monarchie mit dem Titel «Berühmtheiten des Juste milieu». Diese Karikatur-Skulpturen wurden aber auch zur Gefahr für ihn.

 

Kunstfigur bereichert sich skrupellos

 

Also erfand Daumier eine fiktive Figur, an der er durchspielen konnte, was die Prominenz aus Politik und Wirtschaft, Hof und Bourgeoisie vorexerzierte. Sein «Robert Macaire» war ein skrupelloser Geschäftsmann, der das Credo «Bereichert euch!» lebte und sich nicht um die Folgen scherte. Er karikierte den Prototyp einer sich massiv industrialisierenden Gesellschaft, die nach persönlicher Bereicherung strebte, ohne soziale Missstände zu erkennen.

 

Sein Gespür für feinen Sarkasmus und seine Feindseligkeit gegen die Bigotterie des Kleinbürgertums lebte Daumier als Zeichner der neu gegründeten Tageszeitung «Le Charivari» aus. Für sie war er in den 1840er Jahren überaus produktiv: Er schuf 100 bis 125 Lithografien pro Jahr. Viele davon sind in mehreren Themenkabinetten zu sehen.

 

Gemälde mit Don-Quijote-Szenen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier einen kultiversum-Beitrag über die Ausstellung "Daumier und sein Paris" über das graphische Werk im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden

 

und hier eine Rezension des Films "Les Miserables": Regisseur Tom Hooper verfilmt die Musical-Fassung des Roman-Klassikers von Victor Hugo

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Die Geburtsstunde der Fotografie - Meilensteine der Gernsheim-Collection" in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim.

Die Lithografien und Holzschnitte «sind Leistungen eines Genies, das schon die Zeitgenossen erkannt haben», erklärt Claude Keisch, Kurator der Ausstellung. Darüber hinaus wolle er Daumiers Werk in seiner Gesamtheit darstellen und «die Verflechtung der unterschiedlichen Teile erlebbar machen, also nicht den ‚öffentlichen’ gegen den ‚privaten’ Daumier ausspielen».

 

Das wird an der Vielseitigkeit dieses Œuvres deutlich: Neben seiner Grafik hat Daumier Hunderte von Gemälden geschaffen. Gezeigt werden etwa flinke Öl-Skizzen, die er zu Szenen von Cervantes’ Roman «Don Quijote» angefertigt hat, oder biblische Allegorien neben derben Genre-Bildern. Insbesondere unvollendete Studien zeugen von einem protomodernen, expressiven Strich, der in den ausgeführten Gemälden zurückgenommener erscheint.

 

Bilder der menschlichen Komödie

 

Diese Bandbreite lässt erkennen, warum Max Liebermann Honoré Daumier als «totalen Künstler» verstand. Interessant bleibt er vor allem als Bild-Erfinder der menschlichen Komödie, der Realisten wie Idealisten gleichermaßen skeptisch über die Schulter blickte – im Leben wie in der Kunst. Eine nicht nur im 19. Jahrhundert beneidenswerte Einstellung, die auch Liebermann Ehrfurcht eingeflößt hat.


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