Mads Mikkelsen

Die Jagd

Lucas (Mads Mikkelsen) und Aushilfe Nadja (Alexandra Rapaport) kommen sich näher. Foto: © Wild Bunch Germany

(Kinostart: 28.3.) Hetzjagd auf den Kinderschänder: Ein Mann wird fälschlich der Pädophilie beschuldigt. Trotz großartiger Darsteller und stimmungsvoller Bilder inszeniert Regisseur Thomas Vinterberg sein Drama etwas zu übertrieben.

Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg versteht es, tief sitzende Tabus ans Tageslicht zu bringen. Als ein Vorreiter der dänischen «Dogma»-Bewegung ließ er 1999 in «Das Fest» die Partystimmung einer Familienfeier eindrucksvoll und beklemmend in Psychohorror umkippen: Ein Sohn enthüllte, dass er als Kind vom Vater missbraucht worden war.

 

Info

Die Jagd

 

Regie: Thomas Vinterberg, 111 Min.,

Dänemark/Schweden 2012

mit: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Alexandra Rapaport

 

Website zum Film

In seinem neuen Film «Die Jagd» geht Vinterberg das Thema Kindesmissbrauch von einer ganz anderen Seite an. Dabei zeigt er mit einer Riege großartiger Darsteller, dass es gar keine handgeführte Wackelkamera braucht, um filmische Authentizität herzustellen.

 

Geschlossene Dorf-Schule

 

Lucas (Mads Mikkelsen) ist ehemaliger Lehrer. Nachdem seine Schule geschlossen wurde, arbeitet er in der Kita des kleinen Ortes, in dem er sein Leben lang gewohnt hat. Er verarbeitet noch die Trennung von seiner Exfrau und leidet darunter, seinen Sohn nur noch selten zu sehen.


Offizieller Filmtrailer


 

Böse Geschichte der kleinen Sara

 

Ansonsten scheint alles in Ordnung. Lucas‘ Freunde sind seine besten Kumpels von Kindesbeinen an. Man kennt sich in- und auswendig, feiert zusammen, geht gemeinsam auf die Jagd, und natürlich kennt und liebt man auch die Kinder der anderen. Die kleine Sara, Tochter seines besten Freundes Theo (Thomas Bo Larsen), hat Lucas besonders ins Herz geschlossen. Das beruht auf Gegenseitigkeit.

 

Doch als Sara sich einmal von Lucas zurückgewiesen fühlt, erfindet sie – aus Traurigkeit und spontaner kindlicher Rachsucht – eine böse kleine Geschichte. Vage inspiriert von etwas, das sie auf dem iPad ihres großen Bruders gesehen hat, behauptet sie, Lucas habe ihr seinen erigierten Penis gezeigt. Das setzt eine scheinbar unaufhaltsame Entwicklung in Gang.

 

Prügel im Supermarkt + Mord am Hund

 

Lucas ist zu verblüfft und gutmütig, um sich energisch gegen die Anschuldigungen zu wehren; doch er wird aus der rechtschaffenen Gemeinschaft, der er selbst bis vor kurzem angehört hat, zuerst ausgeschlossen und dann verfolgt. Auch seine neue Freundin Nadja (Alexandra Rapaport), die als Erzieherin wie er in der Dorf-Kita arbeitet, zweifelt an ihm.

 

Die Verfolgung, der Lucas nun ausgesetzt ist, nimmt teilweise arg übertriebene Züge an. Dass Lucas verprügelt wird, als er im Supermarkt einkauft; dass jemand seinen Hund tötet; dass einer seiner früheren Freunde gar auf seinen minderjährigen Sohn einschlägt – all das sind extreme Darstellungen von etwas, das in der Realität wesentlich subtiler ablaufen dürfte: die totale gesellschaftliche Isolierung eines Mannes, dem ein ultimativer Tabubruch zugetraut wird.

 

Atavistischer Jagdinstinkt im Fokus

 

In solchen Momenten schlägt Regisseur Vinterberg eindeutig über die Stränge; zum Schluss biegt er aber das Drama in ein versöhnliches Ende um. Dann begreift man diese Übertreibungen als symbolisch für etwas tiefer Liegendes, als der Film an seiner Oberfläche vorgibt.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

und hier eine Lobrede auf den Film „We need to talk about Kevin“ von Lynne Ramsay über eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung mit Tilda Swinton

 

und hier eine Besprechung des Films „Babycall“ – norwegischer Psycho-Thriller von Pål Sletaune über Kindesmissbrauch mit Noomi Rapace

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die Königin und der Leibarzt“: fesselndes Historien-Drama von Nikolaj Arcel mit Mads Mikkelsen, prämiert mit Silbernem Bären 2012.

Kindesmissbrauch – der ja nicht geschehen ist – und der gesellschaftliche Umgang mit diesem Tabu sind nicht das eigentliche Thema von «Die Jagd». Im Fokus des Films steht, wie sein Titel anzeigt, der atavistische Jagdinstinkt: Er scheint in jedem noch so friedlichen Zeitgenossen zu schlummern und bricht sich ungehemmt Bahn, sobald ein leichtes Opfer vor der Flinte auftaucht.

 

Keine unbeschwerte Reh-Jagd mehr

 

Vinterberg erhebt dabei gewissermaßen dänische Verhältnisse ins Allgemeine. Das Erlegen von Wildtieren ist in Dänemark ein Breitensport, dem die meisten Männer mit Hingabe nachgehen. Dass Lucas am Ende des Films nicht mehr so unbeschwert Rehe schießen kann wie vor der Hetzjagd, der er ausgesetzt war, kommt einem fast gerecht vor.

 

Dennoch bleibt letztlich eigenartig unklar, worum es hier eigentlich geht: sicherlich nicht nur um die Jagd als vermeintlich harmlosen Zeitvertreib. Aber auch nicht um Vorverurteilung von Menschen, für deren Vergehen man keinerlei Beweise hat. Für eine ernstgemeinte kritische Auseinandersetzung enthält dieser Film zu viele Übertreibungen und Unwahrscheinlichkeiten.


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