Inigo Westmeier

Drachenmädchen

Chen Xi in Kampfposition. Foto: © polyband Medien GmbH

(Kinostart: 28.2.) 26.000 Schüler im Gleichschritt: Neben dem Tempel, wo Kung-Fu erfunden wurde, liegt Chinas größte Kampfkunst-Schule. Regisseur Westmeier zeigt anschaulich ihren paramilitärischen Alltag, tippt aber Probleme nur an.

Die gelbe Gefahr trägt rote Trainingsjacken und dunkle Sporthosen: Tausende von Jugendlichen laufen in Formation auf einen riesigen Appellplatz. Auf alle Kommandos reagieren sie mit martialischen Posen und furchterregendem Gebrüll – absolut synchron.

 

Info

Drachenmädchen

 

Regie: Inigo Westmeier, 90 min., Deutschland 2012;
mit: Xin Chenxi, ChenXi, Huang Luolan

 

Website zum Film

Diese Kampf-Ameisen sind Eleven der «Shaolin Tagou»-Schule in der Provinz Henan. Sie wurde 1978 neben dem Shaolin-Tempel gegründet, in dem einst Kung-Fu erfunden wurde, und zählt rund 26.000 Schüler, die von etwa 9.000 Angestellten betreut werden: die größte private Kampfkunst-Schule in China.

 

Keine Heizung + schlechtes Essen

 

Ein gigantischer Gebäude-Komplex von den Ausmaßen einer Kleinstadt, abgeriegelt und scharf bewacht. Denn das Leben in der Schule ist hart: Heizung gibt es nicht, das Essen ist schlecht und der Tagesablauf für alle streng reglementiert. Aufstehen um 5:40 Uhr, Training bis 7:30 Uhr, Frühstück bis 8:50 Uhr, dann wieder Training, 20 Minuten Mittagessen, danach Schulunterricht, um 18:20 Uhr in den Schlafsaal, ab 20:30 Uhr Nachtruhe.


Offizieller Film-Trailer


 

Vater-Besuch nur bei Wettbewerbs-Sieg

 

Nicht nur die Hausordnung ähnelt der einer Kaserne, sondern auch das Erscheinungsbild. Gruppen marschieren im Gleichschritt über das Gelände, von ihren Trainern mit Befehlen dirigiert: Gehorsam ist alles. Bei mangelndem Einsatz oder kleinen Verfehlungen hagelt es Stock-Schläge. Sie hinterlassen ebenso ihre Spuren wie das harte Training: Fast alle Schüler haben Verletzungs-Narben.

 

Warum setzen Eltern ihre Kinder diesem paramilitärischen Drill aus? Entweder erhoffen sie sich sozialen Aufstieg, wie der Vater der neunjährigen Xin Chenxi. Seine Tochter soll es einmal weiter bringen als er: Dafür rund 300 Euro Schulgeld pro Jahr aufzubringen, fällt dem Melonen-Verkäufer schwer. Er verspricht Xin, sie in der Schule zu besuchen, wenn sie im jährlichen Wettbewerb den ersten Platz belegt – aber nur dann.

 

Mit zwei Jahren bei der Oma abgegeben

 

Oder sie sind auf Jobsuche aus den Dörfern in die Städte abgewandert und können sich nicht um ihre Kinder kümmern: Wie die Eltern der 15-jährigen Chen Xi, die ihre Tochter mit zwei Jahren bei der Großmutter abgaben. Chen vermisst ihre Eltern sehr. Sie fühlt sich in der Schule eingesperrt wie im Vogelkäfig, klagt über wenig Freizeit und gibt an, oft zu weinen: «Disziplin heißt, nichts zu dürfen».

 

Oder die Eltern kommen mit ihren Kindern nicht zurecht und erwarten, die Schule werde sie disziplinieren. Wie der Vater der 17-jährigen Huang Luolan aus Schanghai: Der Fleischer nahm sie als Findelkind auf, glaubt, er habe sie zu sehr verwöhnt, und ist nun ratlos. Huang hielt die Schul-«Hölle» nicht mehr aus, floh zurück nach Hause und spielt nun den ganzen Tag am Computer.

 

Diffus vieldeutige O-Töne

 

Diese drei Mädchen interviewt Inigo Westmeier ausführlich über ihr Lebensgefühl sowie den Schul- und Trainings-Alltag. In ihrer verschlossenen Welt durfte der Regisseur und Kameramann erst nach langem Bemühen drehen. Dabei wurde er ständig beobachtet und kontrolliert; das merkt man dem Film an.

 

Heikle Themen sprechen die Gesprächspartner nur in asiatisch vieldeutiger Weise an – was sie zwischen den Zeilen sagen wollen, bleibt oft diffus. Der Schuldirektor, der einem maoistischen Apparatschik gleicht, schwadroniert über «moralische und kulturelle Bildung», die den Zöglingen vermittelt werde; konkrete Einblicke in den Unterricht fehlen.

 

Star in Kung-Fu-Filmen wird keiner

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Filmzeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Glanz der Kaiser von China“ mit Meisterwerken aus der Verbotenen Stadt im Museum für Ostasiatische Kunst, Köln

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Architecture China – The 100 Contemporary Projects” über aktuelle Bau-Stile in China in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim

 

und hier eine Rezension der Foto-Ausstellung „Nadav Kander: Yangtze – The Long River“ über Alltagsleben am größten Fluss Chinas in der Galerie Camerawork, Berlin.

Der Vorsteher des benachbarten Shaolin-Klosters betont die spirituelle Dimension der dortigen Erziehung; doch die Mönche, die sie erfahren, kommen nicht zu Wort. Ebenso unklar bleibt, was die Absolventen der Kampfkunst-Schule mit ihrer Ausbildung anfangen können – kommen sie bei Polizei und Militär unter? Star in Kung-Fu-Filmen wird offenbar keiner.

 

Der Film tippt viele Probleme im heutigen China an: Landflucht, Turbo-Modernisierung, zerrissene Familien, Entfremdung zwischen Eltern und Nachwuchs, enormer Erwartungs- und Leistungsdruck, der auf Kindern lastet – und zugleich Zwang zu Konformismus gemäß konfuzianischer Tradition. Aber «Drachenmädchen» belässt es bei Andeutungen.

 

Sozialdarwinistisches Mantra

 

Stattdessen filmt Westmeier, der selbst Kung-Fu erlernt hat, ausführlich Trainings- und Wettkampf-Szenen; oder Trainer sagen ihr sozialdarwinistisches Mantra von Entsagung, Härte und Kampfbereitschaft auf. Das spricht anfangs für sich selbst, trägt aber nicht über 90 Minuten.

 

Außer für kurze Abstecher an die Heimatorte der drei Mädchen verlässt der Film das Schul-Gelände nicht. Und übernimmt damit die Illusion, die alle Kaderschmieden prägt: Dass die übrige Welt zweitrangig sei. Ob und wie repräsentativ die «Shaolin Tagou»-Schule für Chinas Erziehungs-System ist, darüber erfährt man in dieser Doku kaum etwas.


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