Deepa Mehta

Mitternachtskinder

Die Mitternachtskinder Parvati (Shriya Saran) und Saleem Sinai (Satya Bhabha) treffen sich bei der Feier zur Unabhängigkeit von Bangladesh 1971 zum ersten Mal im realen Leben. Foto: © 2013 Concorde Filmverleih GmbH

(Kinostart: 28.3.) Drei Generationen, ein Dutzend Hauptfiguren, zweieinhalb Stunden Laufzeit: Die grandiose Verfilmung von Salman Rushdies Indien-Epos ist keine Minute zu lang. Seine magische Phantastik drosselt Regisseurin Mehta auf ein realistisches Maß.

«Mitternachtskinder» war der zweite Roman von Salman Rushdie – und mit Abstand der beste, den er je geschrieben hat. Ihn ließ Regisseurin Deepa Mehta klugerweise auch das Drehbuch für die Verfilmung verfassen. Aus einem Werk von 700 Seiten jene zentralen Szenen zu extrahieren, die zweieinhalb Stunden Film ergeben sollen, ist natürlich nicht leicht.

 

Info

Mitternachtskinder

 

Regie: Deepa Mehta,

148 Min., Kanada 2012

Mit: Satya Babha, Shriya Saran, Siddarth

 

Website zum Film

In der Tat ersetzt dieser Film nicht die Lektüre des Romans, doch er setzt dessen Bilder-Welt farbig und fesselnd um – auch wenn der opulente magische Realismus, der die Vorlage kennzeichnet, in der Verfilmung an schwebender Leichtfüßigkeit verliert.

 

Ironische Lakonie zu Beginn

 

Am wenigsten gestrafft hat Rushdie dort, wo auch sein Roman am schönsten ist: zu Beginn. Wie Adam Aziz, der Großvater des Erzählers, seine Frau und dessen künftige Großmutter kennen lernt, zeigt Deepa Mehta mit betonter Lakonie; sie greift damit den ironischen Tonfall der literarischen Vorlage mit filmischen Mitteln auf.


Offizieller Filmtrailer


 

Kranken-Behandlung durch Laken-Loch

 

Romantische Bilder des Dal-Sees in Kashmir, auf dem der junge Arzt Adam Aziz mehrmals zu einer Patientin gerudert wird, die er aus Anstandsgründen niemals ganz zu sehen bekommt, wechseln ab mit Sequenzen, in denen durch ein Loch in einem Laken hindurch der jeweils erkrankte Körperteil der Patientin zu sehen ist.

 

Die junge Frau, der Adam Aziz auf diese Weise stückweise verfällt, entpuppt sich, sobald sie mit ihm verheiratet ist, als sehr durchsetzungsstarker Charakter; sie wird im Off-Kommentar gar als «Furcht erregend» beschrieben. So sind diese Anfangs-Sequenzen am Dal-See zugleich die letzten Bilder einer reinen Idylle, die es danach nie mehr geben wird.

 

Geburt um Schlag Mitternacht

 

«Mitternachtskinder» spiegelt in der Geschichte der Familie Aziz die oft blutigen Zeitläufte des unabhängigen, modernen Indiens. Als zentrale Symbolik fungiert das Schicksal zweier vertauschter Kinder: Adam Aziz und seine Frau haben drei Töchter. Eine unter ihnen, die schöne Emerald, heiratet einen Offizier, der nach Indiens Teilung 1947 eine der zentralen Macht-Positionen im neu gegründeten Pakistan besetzen wird.

 

Die zweite Tochter Mumtaz, deren Liebe zu einem politisch verfolgten Dichter unglücklich endet, heiratet den reichen Kaufmann Ahmed Sinai und zieht mit ihm nach Bombay. Hier bringt sie um Schlag Mitternacht am 15. August 1947 – dem Moment, in dem Indien unabhängig wird – ihr erstes Kind zur Welt: einen Jungen.

 

Krankenschwester vertauscht Babys

 

Gleichzeitig wird im selben Krankenhaus ein anderes Kind entbunden: der Sohn einer Hausiererin und des britischen Vorbesitzers der prachtvollen Kolonial-Villa in Bombay, das die Familie Sinai bewohnt. Die Mutter dieses Jungen stirbt bei der Geburt. In einem Akt fehlgeleiteter sozialrevolutionärer Aufwallung vertauscht die Krankenschwester beide Babys.

 

So wird das hellhäutige Kind zu Saleem, dem geliebten ersten Sohn der reichen Familie Sinai, während der dunkelhäutige Junge Shiva in der Obhut seines hausierenden Vaters zu einem wehrhaften, aggressiven Individuum heranwächst. Eines Tages entdeckt der heranwachsende Saleem, dass er mit seiner großen Nase alle Kinder herbeirufen kann, die in der ersten Mitternachtsstunde des unabhängigen Indien geboren wurden.

 

Sohn wird ins pakistanische Exil geschickt

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Bericht zur Ausstellung „Indien entdecken“  über zeitgenössische Kunst in Indien in der Zitadelle Spandau, Berlin

 

und hier eine Rezension des Films „West is West“ – vielschichtige Familien-Komödie voller Situations-Komik im ländlichen Pakistan von Andy De Emmony.

 

und hier eine Besprechung des Films „Bombay Diaries – Dhobi Ghat“ – ein beeindruckender indischer Autorenfilm von Kiran Rao

Dieses magische Moment des Romans verdeutlichen Mehta und Rushdie im Film mit einer psychologischen Erklärung: Die Runde der «Mitternachtskinder» ist für Saleem ein Trost und sozialer Rückhalt, den er dringend benötigt. Inzwischen ist der Kindertausch aufgedeckt worden; Kaufmann Ahmed Sinai weigert sich, ein «fremdes» Kind in seinem Haus zu dulden. Er schickt den Halbwüchsigen für mehrere Jahre zu seiner Tante Alia nach Pakistan.

 

Während der Roman sein magisch-phantastisches Potenzial unbekümmert ausreizt, fährt Deepa Mehta es herunter auf ein Maß, in dem das Magische zwar gerade noch erhalten bleibt, doch eher als Metapher für psychische Vorgänge eingesetzt wird. Wenn etwa Saleem die Mitternachtskinder versammelt, wünscht man sich, jemand mit der Vorstellungskraft eines Ang Lee hätte diesen Stoff verfilmt; so brav kommen die phantastischen Szenen manchmal daher.

 

Salman Rushdie als Erzähler im Off

 

Doch Mehtas Film hat andere große Qualitäten. Er ist dicht dran an Saleem Sinai und begleitet einfühlsam dessen Entwicklung vom verwöhnten Kind zum empfindsamen Teenager und verantwortungsvollen Erwachsenen durch alle dramatischen Stationen. Zudem findet Mehta grotesk beklemmende, düstere Bilder für das Inferno der drei indisch-pakistanischen Kriege und den «nationalen Notstand», den Regierungschefin Indira Ghandi 1975 bis 1977 über das Land verhängte.

 

Trotz zweieinhalb Stunden Laufzeit ist der Film keine Minute zu lang. In der Original-Fassung wirkt übrigens Salman Rushdie selbst mit: als Erzähler, der im Off die Handlung kommentiert – ein besonderer Genuss.


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