Gael García Bernal

¡No!

No! -Kampagne. Foto: Piffl Medien

(Kinostart: 7.3.) Wie man einen Diktator mit TV-Werbespots stürzt: Dem Rückblick auf Chiles Referendum 1988 gegen Pinochet gibt Regisseur Pablo Larrain einen charmanten Nostalgie-Look – mit einer Hauptfigur im zeitlos aktuellen Dilemma.

«¡No!» ist der dritte Teil einer Trilogie, die Regisseur Pablo Larrain der Militärdiktatur in seiner chilenischen Heimat und ihrer Überwindung gewidmet hat – und der erste Teil, der in Deutschland ins Kino kommt. Offenbar mussten erst einige Diktatoren in der weiteren Nachbarschaft entsorgt werden, um Revolutions-Filme wieder attraktiv zu machen.

 

Info

¡No!

 

Regie: Pablo Larrain

118 min., Chile,  2012; 

mit: Gael García Bernal, Antonia Zegers,
Alfredo Castro

 

Website zum Film

Nichts Geringeres als die Beendigung der Militärdiktatur will die Opposition im Sommer 1988 erreichen. Die Chance gibt ihnen die amtierende Regierung auf internationalen Druck hin, und sie ist denkbar schmal: Per Referendum soll das Volk entscheiden, ob Staatschef Augusto Pinochet weitere acht Jahre im Amt bleibt.

 

15 Minuten Sendezeit für jede Seite

 

Täglich 15 Minuten Fernseh-Sendezeit wird jeder Seite zugestanden, um die Wahlbürger zu einem «¡si!» oder «¡no!» zu bewegen. Wobei die staatstreuen Sender freilich noch 23,5 Stunden am Tag weiter senden und der Repressions-Apparat unermüdlich seine Arbeit fortsetzt.

Offizieller Filmtrailer


 

Versprechen von Freiheit, Freude und Fiesta

 

In dieser allen Prognosen zufolge hoffnungslosen Situation entscheidet sich der smarte Werbe-Fachmann Rene Saavedra (Gael Garcia Bernal), die Kampagne der Opposition zu betreuen. Obwohl er durchaus von den Vergünstigungen des Regimes profitiert: mit einem guten Job bei einer florierenden Werbeagentur, schnellem Auto und schönem Haus.

 

Warum also geht René das Risiko ein? Ist es beruflicher Ehrgeiz, der ihn antreibt, oder das schlechte Gewissen gegenüber seiner politisch aktiven Ex-Frau? Will er seinem regimetreuen Vorgesetzten eins auswischen? Oder glaubt er daran, dass das Versprechen von Freiheit, Freude und Fiesta, das er direkt aus einem Softdrink-Werbespot auf das Produkt Demokratie übertragen will, auch seinem privilegierten Leben neuen Schwung geben könnte?    

 

positive thinking statt Schreckensbilder

 

René macht seinen neuen Genossen klar: Schreckensbilder aus den Anfangsjahren der Militärdiktatur – Straßenschlachten, Folter, Morde und Entführungen ohne Rückkehr – werden bei den kritischen Zielgruppen der alten Frauen und jungen Leute nur Furcht vor einem Rückfall in Mangel und Ungewissheit auslösen.

 

Positive Images und eine flotte Ästhetik müssen her. Wie im Film «Wag The Dog» von Barry Levinson werden nun Erkenntnisse medialer Massen-Beeinflussung, die vor allem aus dem Konsumgüter-Sektor stammen, der politischen Kampagne aufgepfropft. Währenddessen greifen im kleinen Wahlkampf-Team der Opposition zunehmend Angst und Paranoia um sich. 

 

Opaker Charakter eines Werbers

 

Obwohl wir den Ausgang der Wahl kennen, ist damit für suspense gesorgt. Gleichzeitig entfaltet sich ein präzises Bild der gemischten Gefühle einer Bevölkerung: Misstrauen in die eigene Macht, etwas bewirken zu können, Scheu vor Selbstverantwortung und Angst vor der Rache des Regimes. 

 

Die Aufbruchsstimmung der Opposition ist allzu gedämpft, die Herrschenden geraten allmählich in Panik. Nur Renés Motivation und damit auch sein Charakter bleiben, obwohl er im Zentrum des Ganzen steht, weitgehend opak und seine Persönlichkeit oberflächlich – nun ja, er ist eben Werber. 

 

Retro-Look analoger Video-Kameras

 

Manche Kritiker befanden, Hauptdarsteller Bernal sei einfach zu hübsch und ihm Zynismus nicht abzunehmen. Doch der Film spielt mit dieser Ambivalenz; er lässt dem Zuschauer Raum für Fragen an sich selbst. 

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.


Lesen Sie hier einen Beitrag zum Film “The Lonliest Planet” von Julia Loktev 
mit Gael García Bernal


sowie hier eine Rezension des Films “Miss Bala” von Gerardo Naranjo über die Drogenmafia in Mexiko

 

und hier einen Beitrag zum Film „Und dann der Regen
von Icíar Bollaín mit Gael García Bernal über postkoloniale Konflikte zwischen Spaniern + Indios.

Stilistisch aktiviert Regisseur Larrain dafür ein ganzes Arsenal von Kunstgriffen: Er hat den Film mit analogen Video-Kameras aus den 1980er Jahren gedreht. Sie verleihen den Bildern einen charmanten Nostalgie-Look mit unscharfen Konturen und verwaschenen Farben – was sie von Archiv-Materialien dieser Epoche ununterscheidbar macht.

 

Renés Dilemma reicht in Gegenwart

 

Zudem gibt es weder innere Monologe noch Filmmusik; außer sie ist medial durch TV, Radio oder Tonträger begründet. Dialoge springen mitten im Satz zum nächsten Schauplatz, und tief einfallendes Licht blendet leicht die Sicht. Diese eigenwillige Filmsprache verhindert eher einen Sog, wie man ihn aus US-Politdramen etwa von Sidney Lumet kennt, und fordert zum Innehalten auf.

 

Diese Zeit sollte genutzt werden. Larrain hat sicher keinen Kommentar – trotz struktureller Ähnlichkeiten – zu den Ereignissen in Ägypten oder Tunesien, zur Occupy-Bewegung oder Stéphane Hessels Streitschrift «Empört Euch!» gedreht, sondern über Chile im Jahr 1988. Doch es ist genau dieses in René ausgetragene Dilemma – Zuschauen oder Handeln, Effizienz oder Ethik, Privilegien oder Wandel? – das in unsere eigene, privilegierte Gegenwart hineinreicht.


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