Ulrich Seidl

Paradies: Glaube

Anna Maria (Maria Hofstätter, li.) und ihre Gebetsgruppe wollen Österreich wieder katholisch machen. Foto: © Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 21.3.) Fußsoldatin in der Sturmtruppe der Kirche: Im zweiten Teil seiner Paradies-Trilogie porträtiert Regisseur Seidl eine Frömmlerin, die ihre Mitbürger missioniert. Das subtile Sittenbild mündet in eine Machismo-Gewaltorgie.

Der Wille des Menschen ist sein Himmelreich. Es liegt für Anna Maria (Maria Hofstätter) in ihrer eigenen Wohnung. Die hat sie mit allerlei Kruzifixen, Andachtsbildern und Erbauungs-Losungen zu einer Festung der Frömmigkeit aufgerüstet. Mag es draußen überall sündhaft und gottlos zugehen – hier drinnen herrscht heilige Ordnung: alles an seinem Platz.

 

Info

 

Paradies: Glaube

 

Regie: Ulrich Seidl, 113 min.,

Österreich/Deutschland 2012;

mit: Maria Hofstätter, Nabil Saleh, Natalija Baranova

 

Website zum Film

Auch in ihrem Tagesablauf: Wenn Anna Maria nicht christliche Lieder spielt und sich dazu auf der Heimorgel begleitet, übt sie sich in Büßertum. Sie betet den Rosenkranz und rutscht auf Knien durch die Räume, bis sie bluten. Oder sie geißelt ihren Rücken, um die Sünden der Welt auf sich zu nehmen. Als Arzthelferin versorgt sie danach routiniert ihre Wunden.

 

Radio + TV sind Teufelszeug

 

Ihre fast klösterliche Ruhe wird selten gestört: Radio und Fernsehen lehnt sie als Teufelszeug ab. Einmal wöchentlich trifft sie die Glaubensgruppe «Legio Herz Jesu», um gemeinsam zu beten: «Wir sind die Sturmtruppe der Kirche. Himmlischer Jesus, wir schwören Dir, dass Österreich wieder katholisch wird.» Anna Maria belässt es nicht bei Lippenbekenntnissen.


Offizieller Filmtrailer


 

Urlaub mit Wandermuttergottes

 

Ihren Urlaub verbringt sie, indem sie mit einer Marienstatue in den Arme-Leute-Vierteln von Wien hausiert. Wer ihr die Tür öffnet, dem stellt sie die «Wandermuttergottes» in die Wohnung und nötigt ihn, sie anzubeten – selbst wenn die Zwangsbeglückten kaum Deutsch verstehen. Großmütig lässt die Missionarin die Gottesmutter ein paar Tage da: damit sie Segen ins Haus bringen möge.

 

Exotischer könnte der Lebensstil kaum sein, den Ulrich Seidl hier vorführt. Strenggläubige sind in unseren Breitengraden mittlerweile eine kleine Minderheit. Sie leben zurückgezogen und verzichten meist auf Brachial-Bekehrungsversuche. Das war vor wenigen Generationen noch anders: Viele Fromme weihten ihr Leben dem Herrn und stritten aktiv für das wahre Bekenntnis.

 

Kruzifix unter der Bettdecke

 

Was imitatio christi bedeutet, wenn man das Kreuz auf sich nimmt, zeigt der Film in allen Facetten: ständige Selbstprüfung und -anklage, Reue- und Buß-Exerzitien, Eiferertum und Schwärmerei. Anna Marias inniges Verhältnis zu Jesus geht so weit, dass sie mit ihm wie einem Geliebten spricht. Einmal nimmt sie gar ein Kruzifix unter die Bettdecke – prompt haben ultrakonservative Katholiken Regisseur Seidl der Blasphemie angeklagt.

 

Dabei gönnt man der Einsamen ihre spirituelle Ersatzbefriedigung. Ihre Schwester Teresa, Hauptfigur von «Paradies: Liebe» als erstem Teil von Seidls Paradies-Trilogie, versuchte es vergeblich mit schwarzen beach boys beim Urlaub in Kenia. Auch Anna Marias irdische Alternative ist wenig verlockend.

 

Moslem-Gatte im Rollstuhl

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Paradies Liebe“ von Ulrich Seidl über weiblichen Sex-Tourismus in Afrika

 

und hier eine Besprechung des Films Sagrada – das Geheimnis der Schöpfung“ über die Kathedrale Sagrada Família in Barcelona

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Kraftwerk Religion – Über Gott und die Menschen“ im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden

Eines Tages sitzt plötzlich Nabil (Nabil Saleh) im Wohnzimmer. Ihr querschnittsgelähmter Ehemann ist Moslem und nach zwei Jahren aus Ägypten zurückgekehrt. Seine Ankunft betrachtet Anna Maria als Prüfung: Sie erfüllt ihre Christenpflicht, wäscht, pflegt und bekocht ihn, lässt ihn aber nicht an sich heran.

 

Was Nabil verbittert: Erst vergreift er sich an den Devotionalien seiner Frau, dann an ihr selbst – bis sie an ihrem Glauben zu zweifeln beginnt. Mit dieser schlimmstmöglichen Wendung zertrümmert Seidl das Sittenbild einer religiös bewegten Seele, das er zuvor sorgsam gezeichnet hat: Da bleiben nur Doppelmoral und roher Schlagabtausch.

 

Seidl litt im Jesuiten-Internat

 

Das mag seiner Lust am Demaskieren in gut österreichischer Tradition entsprechen. Der Filmemacher hat seine Jugend in katholischen Internaten verbracht; er litt unter ihrer Bigotterie. Doch seiner Protagonistin tut er damit unnötig Gewalt an. Als aus der Zeit gefallene Heilsbringerin wirkt sie anrührend glaubwürdig, bevor sie unversehens zum Opfer von Moslem-Machismo degradiert wird.


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