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Nja Mahdaoui: Wandbehang (bandiera), 1997, Tunesien. Foto: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Schätze der Weltkulturen – Die Großen Sammlungen: The British Museum


Das British Museum beherbergt sieben Millionen Objekte von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Den immensen Reichtum seiner Schätze macht eine Auswahl in der Bundeskunsthalle deutlich – als faszinierende tour d´horizon durch alle Epochen.


In 80 Minuten um die Welt: Benötigte Jules Vernes Romanheld Phileas Fogg noch fast drei Monate für seine Erdumrundung, lässt sie sich in der Bundeskunsthalle jetzt in eineinhalb Stunden bewältigen – vorbei an 250 Objekten aus allen Kontinenten.

 

Info

Schätze der Weltkulturen - Die Großen Sammlungen:
The British Museum

 

30.11.2012 – 07.04.2013
dienstags und mittwochs
10 bis 21 Uhr, donnerstags bis sonntags 10 bis 19 Uhr in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Friedrich-Ebert-Allee 4, Bonn

 

Katalog 33 € 

 

Weitere Informationen

Sie zählen zum riesigen Bestand des British Museum in London. Mit sieben Millionen Artefakten von der Steinzeit bis zur Gegenwart ist es eines der größten Museen weltweit – und eines der ältesten. Ab 1753 wurde es auf Beschluss des britischen Parlaments eingerichtet; Grundstock war die fast 80.000 Stücke enthaltende Sammlung von Sir Hans Sloane, Arzt der königlichen Familie.

 

Größter überdachter Platz Europas

 

Etwa 100 Jahre später zog das aus allen Nähten platzende Museum in sein heutiges Gebäude um. Nach diversen Umbauten und Modernisierungen umfasst es heute 90 Galerien, die um ein zentrales Rondell gruppiert sind. Der «Queen Elizabeth II Great Court» ist seit dem Jahr 2000 der größte überdachte Platz in Europa; die Glas-Kuppel entwarf Star-Architekt Sir Norman Foster.

Interview mit Leiterin Katharina Chrubasik und Impressionen der Ausstellung


 

Keine Materialschlacht

 

Den Museums-Grundriss ahmt die Ausstellungs-Architektur nach; mit sechs Kabinetten für je einen Erdteil um eine runde Freifläche in der Mitte. Eine programmatische Raumgestaltung ohne Rundgang oder Dramaturgie: Die Kabinette sind gleichwertig gut bestückt, man kann beliebig hin und her wechseln. Um alle Weltkulturen anhand von Meisterwerken kennenzulernen – in homöopathischen, gut verträglichen Dosen.

 

Vor einem Jahr stellte die Bundeskunsthalle noch das Londoner «Victoria and Albert Museum» mit einer Materialschlacht sondergleichen vor: Die überbordende Fülle machte die Dekorations-Wut des Historismus schmerzhaft spürbar. Was nun den Besuchern erspart bleibt: Diese Ausstellung beschränkt sich auf eine kleine Auswahl.

 

Spaten + Messer als Geld

 

Das ist ein Augenschmaus. Alle Exponate haben genug Platz, um ihre ästhetische Wirkung zu entfalten. Auch wenn sie auf den ersten Blick unscheinbar erscheinen, können sie von immenser Bedeutung sein. Etwa der schlichte, scharfkantige Basalt-Stein am Eingang zum Afrika-Kabinett: ein zwei Millionen Jahre altes Hack-Werkzeug, das 1931 in Tansania gefunden wurde. Seither weiß man, wo sich die Wiege der Menschheit befindet.

 

Oder seltsam geformte Metall-Stücke in mehreren Kabinetten: silberne Stäbchen aus dem Iran, Mini-Delfine aus Griechenland, Spaten-Formen aus China und bizarre Wurf-Messer aus dem Kongo. Es handelt sich um Geld – frühe Zahlungsmittel, bevor dort Münzen in Umlauf kamen.

 

Knoten-Schnüre als Schrift-Ersatz

 

Was man nur aus dem Begleitheft oder Katalog erfährt; in der Schau selbst gibt es keine Erläuterungen. Das mag in reinen Kunst-Ausstellungen angebracht sein, um nicht von konzentrierter Werk-Betrachtung abzulenken. Doch hier ist es verfehlt: Selbst die prächtigsten Objekte enthüllen ihren kulturellen Stellenwert nur durch Erklärungen.

 

Das wird klar, sobald man die anschaulich formulierten Begleit-Texte liest. Ein Fächer aus Knoten-Schnüren entpuppt sich als Aufzeichnungs-System der Inka, die keine Schrift kannten: Mit solchen quipu hielten sie wichtige Informationen fest – die heute unentzifferbar sind.

 

Grabstein-Export aus Indien nach Afrika

 

Geometrische Geflechte aus Holzstäben und Kauri-Muscheln wurden auf den Marshall-Inseln als See-Karten benutzt: Stäbe zeigen Strömung und Dünung an, Muscheln die Position von Inseln. Im alten Japan befestigten Männer Geld- oder Tabak-Beutel mit raffiniert geschnitzten Knebeln an ihrer Kleidung: Diese netsuke zeigen alle möglichen Motive.

 

Andererseits findet seit alters her kultureller Austausch auch über größte Distanzen statt: Die antike Gandhara-Kultur im heutigen Afghanistan vereinte griechische und indische Einflüsse. Muslimische Marmor-Grabsteine aus Westindien wurden schon im Mittelalter nach Ostafrika und Jemen exportiert.

 

Nur 13 Beiträge für die Gegenwart

 

Während der Renaissance schnitzten Kunsthandwerker in Sierra Leone Prunk-Pokale aus Elfenbein mit afrikanischen Motiven für Abnehmer in Europa. Und noch 1805 fertigte eine Schmiede in London einen Pfeifen-Tomahawk für amerikanische Indianer an, mit dem Häuptlinge ihre Friedenspfeife rauchen konnten.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Beitrag über die Ausstellung 
"Das göttliche Herz der Dinge" im Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln

 

und hier eine Rezension der Schau "Glanz der Kaiser von China", über Kunst und Leben in der Verbotenen Stadt, im Museum für Ostasiatische Kunst, Köln

 

sowie einen Beitrag über die Ausstellung "Art and Design for All - The Victoria Albert Museum" in der Bundeskunsthalle in Bonn.

Welthandel und cultural crossover, wohin man schaut. Besonders in der Globalisierung: Der separate Saal «Die moderne Welt» treibt den Kultur-Mix auf die Spitze – und übertreibt die Reduzierung auf Beispielhaftes. Nur 13 Beiträge können natürlich nicht annähernd die unendliche Vielfalt der Gegenwart repräsentieren.

 

Gratis-Eintritt in London

 

Allerdings lassen sie erahnen, wie Künstler aller Kontinente ehemals westliche Techniken einsetzen. Der Tunesier Nja Mahdaoui schmückt Tücher mit abstrakten Mustern, die arabischen Schriftzeichen ähneln. Der Ghanaer El Anatsui verwebt Stoffe mit Kronenkorken und Flaschenhals-Folien – verführerisch glitzernde Konsum-Kritik. Wie vom Haida-Indianer Michael Yahgulanass: Er bemalt Motorhauben mit traditionellen Motiven.

 

Eine faszinierende tour d´horizon durch alle Epochen und Weltgegenden; sie macht auf engstem Raum zahllose Parallelen und Gegensätze deutlich. Und nach diesem Appetit-Happen Lust auf ein mehrgängiges Menü, um die Schätze des British Museum gründlich zu erkunden. Zumal das Haupthaus einen unschlagbaren Vorteil hat: In Bonn kostet der Eintritt zehn Euro, in London ist er seit jeher kostenlos.



Von Wibke Weishaupt, veröffentlicht am 12.03.2013





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