Dresden

Constable, Delacroix, Friedrich, Goya: Die Erschütterung der Sinne

Eugène Delacroix: Verwundeter Räuber. Foto: Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Constable, Delacroix, Friedrich und Goya: So viele Genies der romantischen Malerei sind in keinem deutschen Museum zu sehen. Das Albertinum zeigt sie nun in einer Ausstellung – deren willkürliches Konzept und konfuse Hängung verwirrt.

Die Erde bebte, der Berg kreißte und gebar – nun ja, keine Maus, aber auch kein «Idealmuseum auf Zeit», das «Dresden endlich zu einer Pilgerstätte für Forscher und Liebhaber moderner Kunst macht», wie es sich Ulrich Bischoff wünscht.

 

Info

Constable, Delacroix, Friedrich, Goya:

Die Erschütterung der Sinne

 

16.03. 2013 – 14.07.2013

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr in der Galerie Neue Meister im Albertinum, Georg-Treu-Platz, Dresden

 

Katalog 19,80 €

 

Weitere Informationen

Er hat 19 Jahre lang als Direktor die Galerie Neue Meister geleitet. Dabei focht er manchen Strauß in der Barockstadt aus, die mit der Pflege ihres historischen Erbes vollauf beschäftigt ist. Ihr vergangenheitsseliges Publikum hat Bischoff an die Gegenwart herangeführt: Er gründete die «Gesellschaft für Moderne Kunst» (GMK) und ließ sie zeitgenössische Werke erwerben. «Die Erschütterung der Sinne» ist seine letzte Ausstellung: Man würde ihm von Herzen einen fulminanten Abschied gönnen.

 

Vielversprechende Ausgangs-Idee

 

Zumal er mit dem Belgier Luc Tuymans einen namhaften Gegenwarts-Künstler als Ko-Kurator engagiert hat – der keck zwei eigene Bilder in die Schau mit aufnimmt und seine Siebdruck-Edition von der GMK verkaufen lässt. Trotz dieser Eigenwerbung ist die Ausgangs-Idee des Duos vielversprechend: vier Ausnahme-Maler der Zeit um 1800 zusammenzutragen und vorzuführen, welche Wirkung sie zwei Jahrhunderte lang entfaltet haben.


Impressionen der Ausstellung


 

Jedem Vorbild drei Künstler zugeordnet

 

Constable, Delacroix, Friedrich und Goya haben die Malerei revolutioniert – jeder auf seine Weise. Sie lösten sich von überkommenen Bildformeln und fanden zu einzigartigen Stilen; ihr Einfluss auf die Kunst der Moderne ist kaum zu überschätzen. Das lässt das nur exemplarisch zeigen. Insofern leuchtet ein, dass beide Kuratoren jedem der vier Giganten drei Künstler der folgenden Generationen beigesellen, um Traditionslinien nachzuzeichnen.

 

Doch die Zuordnung wirkt recht willkürlich: Wieso soll der präzise Realismus von Adolph Menzel an den atmosphärischen Landschaften von John Constable orientiert sein, bloß weil beide kleinformatige Ölskizzen bevorzugten? Was haben die fiebrigen Schreckens-Darstellungen von Goya mit der kalten Psychologie der Porträts von Edouard Manet zu tun – oder gar den fantastischen Traum-Konstruktionen von Max Ernst?

 

Inszenierung von Zusammenstößen

 

Völlig beliebig wirkt die Auswahl der zeitgenössischen Künstler, die nur mit je zwei Arbeiten vertreten sind. Etwa des Video-Künstlers David Claerbout, zufällig ein Schüler Tuymans‘; seine Schwarzweiß-Diaschau von Badegästen in der Bretagne soll angeblich an Constable, Menzel und Max Liebermann anschließen. Oder Jeff Wall: Dessen großformatige Foto-Dioramen werden in eine Reihe mit Goya, Manet und Max Ernst gestellt – obwohl er sein Motiv der «Kartenspieler» einem Gemälde von Paul Cézanne entnommen habe.

 

Natürlich lässt sich über Einflüsse, Inspirationsquellen und Zitate streiten; das ist das Brot- und Buttergeschäft der Kunstgeschichte. Doch wer sie behauptet, sollte sie anschließend plausibel machen. Das verweigert die Ausstellung absichtlich: 80 Bilder sind in neun Räumen nicht systematisch, sondern in bunter Folge gehängt – um Tuymans zufolge «Werke in Form von Zusammenstößen zu inszenieren».

 

Wortgeklingel im Kurzführer

 

Was gelungen ist: Die meisten benachbarten Exponate haben nichts miteinander zu tun. Nur an wenigen Stellen werden Verbindungen sichtbar. Wer im Kurzführer Rat sucht, findet wolkiges Wortgeklingel wie: «Diese Bilder besitzen eine besondere Intelligenz, eine innere Logik des Schöpfungsaktes (…) vor allem in ihrer physischen Existenz, eine Qualität, die sie unzweifelhaft präsent erscheinen lässt. Das Paradox der Wahrnehmung einer solchen Intelligenz in einem Kunstwerk ruft eine wahrhaftige Erschütterung der Sinne hervor.»

 

Und das Lesen solcher Zeilen einige Verwirrung. Die vermag der Katalog mit vier Essays und einem ausführlich kommentierten Werkverzeichnis zwar halbwegs aufzulösen, aber nicht die Erschütterung über ein arg verworrenes Konzept. Hingegen nicht über die Ausstellung selbst; sie hat einiges zu bieten.

 

Monarchin blickt wie Fische

 

Eine solche Häufung von Meisterwerken auf engstem Raum ist selten zu sehen: etwa herrliche Skizzen von Constable. Oder melancholische Gemälde des hierzulande kaum bekannten Dänen Vilhelm Hammershøi: stille Interieurs und fahle Stadtansichten in Grau- und Braun-Tönen, die wie ausgelaugt wirken. Oder eine Vorstudie für Goyas berühmtes Gruppenbild der Königsfamilie im Prado: das eindringliche Porträt der «Infantin Maria Josepha».

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Schwarze Romantik“ mit Werken von Delacroix, Goya + Max Ernst im Städel, Frankfurt am Main

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Turner – Monet – Twombly: Later Paintings“ über Parallelen in der Landschafts-Malerei der drei Künstler in der Staatsgalerie Stuttgart

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „John Constable – Maler der Natur„, ebenfalls in der Staatsgalerie Stuttgart.

Laut Katalog «blickt diese ebenso starr in die Zukunft wie die leblosen „Goldbrassen“, die er als Teil einer Serie von Stillleben malte», und die nun im Raum nebenan hängen. Die toten Augen der Monarchin gleichen denen der Fische – wer solche Korrespondenzen entdeckt, der ist um keine kunsthistorische Volte verlegen.

 

Kein epochales Ereignis

 

Die tatsächliche Entstehungs-Geschichte dieser Schau dürfte schlichter sein. Beide Kuratoren haben Kleinodien der Dresdner Bestände ausgesucht, wie sechs Landschaften von Caspar David Friedrich, und dazu ausgeliehen, was sie schon immer präsentieren wollten und bekommen konnten.

 

Mit respektablem Ergebnis. Es wäre eine schöne Abschiedsvorstellung für Ulrich Bischoff, würde sie nicht mit raunender Gefühls-Rhetorik und absurdem Aplomb zum epochalen Ereignis hochstilisiert; diese Erwartung muss enttäuscht werden. So bleibt nur eine gelungene Ausstellung romantischer Malerei und ihrer Folgen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.


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