Rémi Bezançon

Ein freudiges Ereignis

Barbara (Louise Bourgoin) hat nächtliche Heisshunger-Attacken. Foto: Camino Filmverleih
(Kinostart: 4.4.) Nach dem Wunschkind ist nichts mehr, wie es war: Freud und Leid junger Eltern verfilmt Regisseur Rémi Bezançon als ebenso witzige wie realistische Tragikomödie, die das Abenteuer des Familien-Alltags einfühlsam schildert.

Wohl nichts verändert das Leben und eine Partnerschaft so sehr wie ein Baby. Erwartung und Freude, Alltag und Ernüchterung bringt der französische Regisseur Rémi Bezançon nun in einer flotten und witzigen Tragikomödie auf den Punkt: als Verfilmung des gleichnamigen Romans von Éliette Abéccassis.

 

Info

Ein freudiges Ereignis

 

Regie: Rémi Bezançon

107 Min., Frankreich 2011

mit: Louise Bourgoin, Pio Marmaï, Josiane Balasko

 

Website zum Film

Frech und unverblümt nähert sich der Regisseur dem Thema Schwanger- und Elternschaft mit erfrischender Ehrlichkeit; bei allem Spaß findet er poetische Bilder zur Umsetzung der Gefühlswelten seiner Protagonisten. Mit genauem und liebevollen Blick schlägt Bezançon auch ernste Töne an und zeichnet das realistische Porträt einer jungen Familie.

 

Kennenlernen mit Filmtitel-Dialog

 

Es beginnt mit einer leichten, unbeschwerten Liebe: Barbara (Louise Bourgoin) trifft Nicolas (Pio Marmaï). Nicolas arbeitet in einer Videothek; ein «Dialog» aus Filmtiteln steht am Anfang ihrer Romanze. Nach «In the mood for love» und «Zu allem bereit» leiht Barbara schließlich «Catch me if you can» aus; endlich findet das erste Rendezvous statt. Beide werden ein verliebtes Paar; die Kamera umtanzt sie in leuchtenden und satten Farben.


Offizieller Film-Trailer


 

Kinderwagen-Kauf als Wissenschaft

 

Ein Wunschkind krönt schließlich ihre Liebe; alles könnte perfekt sein. Doch nun warten eine ganze Reihe von Herausforderungen und Hindernissen auf die Beiden. Von guten Ratschlägen der Schwiegermutter bis zu skurrilen Arztbesuchen und Ängsten: Barbara zweifelt schnell, ob sie dem gewachsen sein wird, was auf sie zukommt.

 

In sensiblen und zugleich humorvollen Szenen begleitet der Film das Paar bei seinen neuen Aufgaben: Der Kauf eines Kinderwagens wird zur Wissenschaft. Barbaras veränderter Körper verwirrt nicht nur den etwas hilflosen Nicolas; Freunde und Familie haben alle eine Meinung dazu und gut gemeinte Tipps parat.

 

Werdende Mutter geht im Wasser unter

 

Josiane Balako sorgt als Barbaras feministische Mutter mit ruppiger Direktheit für Lacher; gleichzeitig verschafft sie dem Thema Familie und Erwachsenwerden einige Tiefe. Viele kleine Alltagsbeobachtungen zeigt der Film mit Liebe zum Detail: Wenn Barbara beispielsweise träumt, langsam unterzugehen und verloren unter Wasser zu treiben, fangen die Bilder in nahezu surrealistischer Manier ihre Ängste ein.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Quellen des Lebens" von Oskar Roehler über seine Kindheit mit getrennten Eltern

 

und hier einen Beitrag zum Film "For Ellen" von So Yong Kim über einen Streit ums Scheidungs-Kind

 

und hier eine Besprechung des Films “Winterdieb” von Ursula Meier über einen elternlosen Jungen im Wintersport-Ort, prämiert mit Silbernem Bären 2012.

Mit der Geburt der gemeinsamen Tochter verändert sich auch der Film: Die Kamera wird bewegter, die Farben blasser, das Licht härter. Die Entbindungs-Szene, die den Film in zwei Abschnitte teilt, wird von Louise Bourgoin grandios gespielt und gibt einen realistischen Einblick in einen Kreißsaal.

 

Hämorriden-Salbe aus der Apotheke

 

Rasch prägt das Neugeborene das Leben des Paares auf eine Weise, die in der Werbung und Frauen-Magazinen nicht erwähnt wird: «Früher war ich romantisch», denkt Barbara, während sie Nicolas einen Einkaufszettel schreibt und ihn an Still-Einlagen und Hämorriden-Salbe aus der Apotheke erinnert.

 

Die eigene Erwartung, mit dem Baby nun Erfüllung zu finden und Mutter- und Partnerschaft auch noch lässig mit der eigenen Karriere zu verbinden, macht Barbara von nun an das Leben schwer. Sie und Nicolas müssen lernen, dass der ganz normale Alltag das eigentliche Abenteuer des Daseins ist. Dafür trifft der Film stets die richtige Balance zwischen unterhaltsamer Komödie und ernstem Drama: nicht nur für werdende Eltern sehr zu empfehlen.


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