Nürnberg

Es war einmal in… – Fotografien von Nuri Bilge Ceylan

Nuri Bilge Ceylan: Zwei Schwestern, Dogubeyazit 2004.

Anatoliens spröde Schönheit im Cinemascope-Format: Das Kunsthaus zeigt Porträt- und Landschafts-Aufnahmen des bedeutenden türkischen Regisseurs, der dafür Anleihen bei Malern der deutschen Romantik macht. Eine grandiose Ausstellung.

Es könnten die Anden sein, der Hindukusch oder die Schluchten des Balkans: überall, wo eine schier endlose Weite der Landschaft alle Lebewesen winzig und verloren wirken lässt. Doch die rund 40 Aufnahmen von Nuri Bilge Ceylan sind allesamt in der Türkei entstanden.

 

Info

Es war einmal in… –
Fotografien von Nuri Bilge Ceylan

 

07.03.2013 05.05.2013
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr im Kunsthaus im KunstKulturQuartier, Königstraße 93, Nürnberg

 

Weitere Informationen

Allerdings in einer anderen Türkei als der geläufigen: Hier gibt es weder leuchtende Farben noch brodelnde Metropolen oder liebliche Küsten – stattdessen dominieren Braun- und Grautöne in dürren Landstrichen voller Geröll. Ihre Bewohner fristen ein dürftiges Dasein, das sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat. Ceylan fotografiert meist in Anatolien.

 

Hauptstadt sieht wie Bergdorf aus

 

Zückt er seine Kamera in Großstädten, sehen sie ganz anders aus als gewohnt: still gestellt, entvölkert, versteinert. Die Vororte von Ankara ähneln weniger der Hauptstadt als einem Bergdorf in Kappadokien. Eine Passanten-Schar vor Istanbuls Moscheen mutet bei Schneefall wie die Tauben-Schwärme an, die sie umkreisen.


Interview mit Direktor Matthias Strobel + Impressionen der Ausstellung


 

Panorama-Ansicht zwingt zu Nacheinander

 

Der zurzeit wichtigste türkische Regisseur fotografiert in Cinemascope – demselben extremen Breitformat, das dem menschlichen Sichtfeld entspricht und in dem er bevorzugt seine Filme dreht. Es bettet alle Objekte in ihr Umfeld ein; jede Panorama-Ansicht wirkt automatisch malerisch. Wobei unmöglich ist, alle Elemente gleichzeitig zu erfassen; der Blick muss eines nach dem anderen abtasten.

 

Der Zwang zum Nacheinander verleiht diesen Bildern einen quasi narrativen Aufbau, den ausgefeilte Kompositionen verstärken. Häufig postiert Ceylan eine oder zwei Personen im Zentrum; im Mittel- oder Hintergrund sind andere Gestalten zu erkennen, die offenbar mit der Hauptfigur in enger Beziehung stehen. Weitwinkel-Objektive akzentuieren das: Alle Bildlinien laufen auf den oder die Hauptakteure zu.

 

Landschafts-Kulisse mit Punkt-Strahlern

 

Er oder sie sind namenlose Bauern, Jugendliche oder Kinder. Mit vom Wetter gegerbten Antlitz, in schäbiger und abgetragener Kleidung. Doch jeden Abgebildeten zeichnen eigenwillige Züge aus: ein durchdringender Blick, exzentrisch getragener Schal oder Mütze, oder auch eine lässig im Mundwinkel baumelnde Kippe. Ceylan porträtiert Individuen in ihrer Eigenart, keine Typen.

 

In ästhetisch atemberaubender Umgebung. Pflaster und Mauersteine von Altstadt-Gassen, Feldwege zwischen Gras und Wasserläufen oder schneebedeckte Bergketten in der Ferne arrangiert der Fotograf zu majestätischen Kulissen für seine Akteure. Oft wartet er tagelang auf den richtigen Moment; dann rückt er sie punktgenau ins Sonnenlicht, als leuchte er sie mit Bühnen-Strahlern aus.

 

Posen wie bei Caspar David Friedrich

 

Oder als richte er Scheinwerfer auf den Hintergrund: Auf manchen Bildern wird das Motiv – ein einsam gelegener Palast, antike Ruinen oder eine Felsformation – von goldenem Licht übergossen. Mitsamt Staffage-Figuren aus der Kunstgeschichte: Ein Mann steht über dem Häusermeer von Ankara in der gleichen Pose wie «Der Wanderer über dem Nebelmeer» auf dem Gemälde von Caspar David Friedrich. Zwei Jungen in der Dämmerung blicken so auf ihr Dorf wie «Zwei Männer in Betrachtung des Mondes» auf Friedrichs gleichnamigem Bild.

 

Diese Anleihen beim berühmtesten Maler der deutschen Romantik sind kein Zufall: Ceylan romantisiert die Kargheit der Ost-Türkei, des am wenigsten entwickelten Landesteils. Er wählt pittoreske Perspektiven und kitzelt visuelle Effekte hervor: Seine Aufnahmen sollen wie Friedrichs Gemälde die Unendlichkeit erahnen lassen. Doch sie gleiten nie in Postkarten-Ansichten ab. Der Kontrast zwischen unwirtlichen Einöden und spärlicher Besiedelung ist zu stark.

 

Schnee-Fußball vor dem Ararat

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Beitrag über den Film “Once upon a time in Anatolia” von Nuri Bilge Ceylan

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Stille und bewegte Bilder” mit Fotografien des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami in Bochum, Wiesbaden + Chemnitz

 

und hier eine Besprechung der aktuellen Ausstellung “Die Erschütterung der Sinne” mit Malerei der Romantik u.a. von Caspar David Friedrich im Albertinum, Dresden.

Der feindlichen Natur trotzen Menschen ein entbehrungsreiches Leben mit kleinen Freuden ab. Hirten treiben ihre Schafe über verschneite Weiden zusammen. Fußballer kicken auf vereisten Flächen vor dem Gipfel des Ararat. Huftiere wie Menschen werden in der Linse des Panorama-Fotografen so klein wie Ameisen, doch ihr Gewimmel fügt sich zu Mustern von eigentümlichem Reiz.

 

So inszeniert der Regisseur auch seine Filme: mit langen, ruhigen Einstellungen, in denen die Protagonisten fast in der Umgebung verschwinden. Wie sein iranischer Kollege Abbas Kiarostami; beide sind von graphischen Qualitäten menschenleerer Landschaften fasziniert.

 

Rehabilitation der Provinz

 

Ceylans Werke lassen sich als Rehabilitation der türkischen Provinz verstehen, wo er seine Kindheit verbracht hat. Sie wurde lange von der nationalen Eliten missachtet und vernachlässigt. Inzwischen wird sie zögerlich gefördert, doch die AKP-Regierung betrachtet die Provinz nur unter ökonomischen Aspekten. Dagegen wechselt der Filmemacher radikal die Perspektive: Er zeigt und feiert die grandiose Schönheit Anatoliens. 


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