Monica Bellucci

Jahreszeit des Nashorns – Gergedan Mevsimi

Minas Tochter (Beren Saat, re.) arbeitet mit einer Freundin als Teilzeit-Prostituierte. Foto: Kinostar

(Kinostart: 18.4.) Wo Worte versagen, helfen nur unvergessliche Bilder weiter: Regisseur Bahman Ghobadi verwandelt Erinnerungen eines Dichters an 30 Jahre Haft im Iran in betörend schöne Tableaus. Ein so düsteres wie makelloses Meisterwerk.

Es gibt Filme von solcher Bildgewalt, dass ihre Handlung nebensächlich wird – obwohl sie leicht nachvollziehbar ist. Filme, die für exotische Vorgänge derart eindringliche Symbole finden, dass sie jeden Betrachter ins Herz treffen. Filme, die in Bann schlagen, selbst wenn man kein Wort versteht. «Jahreszeit des Nashorns» ist so ein Film.

 

Info

Jahreszeit des Nashorns – Gergedan Mevsimi

 

Regie: Bahman Ghobadi,

93 Min., Türkei 2012;
mit: Behrouz Vossoughi, Monica Bellucci und Yilmaz Erdogan

 

Website zum Film + Kinoliste

Eine türkische Produktion, gedreht von einem kurdischen Regisseur, in den Hauptrollen ein Exil-Iraner und eine Italienerin: Das klingt nach wüster Mischung und Kassengift für deutsche Kinos. Doch diesem Film wünscht man einen Überraschungserfolg: Er zeigt einem Publikum, dass sich an NS- und RAF-Vergangenheitsbewältigungs-Dramen nicht satt sehen kann, was politische Verfolgung für ihre Opfer wirklich bedeutet.

 

Quasi-Wiedergeburt in Wasser + Licht

 

Der Dichter Sahnel Farzan (Behrouz Vossoughi) wird im Iran nach 30 Jahren Haft aus der Gefängnis entlassen. Nach 30 Jahren – einem halben Leben! Das führt der Anfang als Quasi-Wiedergeburt vor. Vermummte Schergen sprühen den Häftling mit Wasser ab wie ein verlaustes Lumpenbündel; was er vermutlich auch ist. Danach blinzelt er in grelles Licht. Dorthinein wird er regelrecht verstoßen, als die Anstalts-Tore sich hinter ihm schließen.


Offizieller Filmtrailer, englisch untertitelt


 

Mit Generals-Tochter verheiratet

 

Auf der Suche nach seiner Frau Mina (Monica Bellucci) erfährt Sahnel, dass sie mit einem Anderen nach Istanbul auswanderte. Er reist in die Türkei, erhält ihre Adresse und findet ihr direkt am Meer gelegenes Haus. Hier verharrt er regungslos im Wagen oder beobachtet versteckt Mina und ihre Mitbewohner. Er wartet.

 

In Rückblenden entfaltet sich seine Lebensgeschichte. Unter der Herrschaft des Schah zählte Sahnel zur Oberschicht; seine Frau ist Tochter eines hochrangigen Militärs, dessen Fahrer Akbar Rezai (Yılmaz Erdoğan) sich in sie verliebt. 1979 wird der Schah gestürzt; Akbar steigt in der Pasdaran-Revolutionsgarde auf.

 

Perverse Familienzusammenführung

 

Seine Macht erlaubt ihm, Sahnel als Konterrevolutionär einsperren zu lassen; Mina wird wegen Beihilfe zu zehn Jahren Haft verurteilt. Welch unausgesetztes Grauen sie erwartet, zeigt Regisseur Bahman Ghobadi in so drastischen wie visuell verklärten Szenen.

 

Ihr Höhepunkt ist eine perverse Familien-Zusammenführung: Sahnel und Mina dürfen sich kurz sehen und anschließend mit verhüllten Köpfen ausgiebig berühren. Als die Frau sich hingibt, wird ihr Mann rüde entfernt – und Akbar nimmt seinen Platz ein. Sie wird Zwillinge gebären.

 

Verse des Gatten als Tattoos

 

Nach ihrer Entlassung teilt man ihr mit, ihr Gatte sei hinter Gittern verstorben. Im türkischen Exil verdingt sie sich als Tätowiererin, die ihren Kunden Verse von ihm in die Haut ritzt, damit seine Worte weiterleben. Ihre Tochter schafft heimlich als Prostituierte an, um der Familie die Emigration nach Westeuropa zu finanzieren. Was Sahnels Auftauchen verhindern wird.

 

Eine Geschichte, die sich wie ein abgeschmacktes Melodram liest – doch sie ist wahr. Ghobadis Inszenierungskunst verwandelt sie in ein Kino-Epos von unwiderstehlicher Sogkraft. Jede der ruhigen und langen, doch nie langweiligen Einstellungen ist sorgsam komponiert; sie bannen die Schrecken der Dauerhaft und das Seelenleben zerstörter Existenzen in düstere und zugleich unvergesslich schöne Tableaus.

 

Elemente verknüpfen Zeitebenen

 

Wasser und Licht spielen wichtige Rollen: als ebenso lebensrettende wie -feindliche Elemente, die alle Zeitebenen miteinander verknüpfen. Wenn der rauchende Sahnel am Strand seine Kippe im Meer löscht, blendet der Film über in Unterwasser-Aufnahmen des einst glücklich im Pool planschenden Ehepaars, das ihr Fahrer neidvoll beäugt.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Babamin Sesi – Die Stimme meines Vaters“ von Orhan Eskiköy + Zeynal Doğan über kurdische Aleviten in der Türkei

 

und hier eine Bericht über den Film „Sharayet – Eine Liebe in Teheran“ von Maryam Keshavarz – Drama über zwei junge lesbische Frauen im Iran

 

und hier ein Interview mit Regisseur Mohammad Rasoulof: „Filme im Gefängnis machen“ über seinen Film „Good Bye„, eine Auswanderungs-Parabel in Teheran

 

und hier einen Beitrag über den Film „Once upon a time in Anatolia“ von Nuri Bilge Ceylan mit Yılmaz Erdoğan.

Und weiter zu Sahnels Todesangst während einer waterboarding-Folter. Wird er nackt und geschunden zurück in die Zelle geschleift, sind nur die vorbeihuschenden Deckenleuchten und die Wasserspur zu sehen, die seine Füße auf den Boden zeichnen. Wer diese Sinnesreize wahrnehmen kann, ist noch nicht tot.

 

30 Jahre als «orientalischer Bösewicht»

 

Da braucht es kaum Worte: Hauptdarsteller Behrouz Vossoughi bleibt nahezu stumm. Er verkörpert gleichsam sein eigenes Schicksal. In den 1960/70er Jahren war er ein Star des iranischen Kinos. Nach der Revolution floh er in die USA, wo er sich in kleinen Rollen als «orientalischer Bösewicht» durchschlagen musste. Nun hofft er auf ein Comeback; es wäre seine persönliche Rache an der Mullah-Diktatur.

 

Auch die beiden weiteren Hauptrollen sind mit Ausländern glänzend besetzt. Monica Bellucci spielt die durch Haft und Vergewaltigung gebrochene Mina so überzeugend, als läge ein ähnlicher Leidensweg hinter ihr. Yılmaz Erdoğan war zuletzt als reizbarer Kommissar in der brillanten Türkei-Saga «Once upon a time in Anatolia» von Nuri Bilge Ceylan zu sehen; hier gibt der türkische Star-Schauspieler eine vergleichbar ambivalente Figur.

 

Regime-Kritik in Versen

 

Alle sagen wenig, weil die Bilder für sich sprechen. Kommentiert und gesteigert durch den Zauber der Poesie: Eine Frauenstimme rezitiert im Off häufig Verse. Deren blumige Metaphorik erschließt sich nicht immer, doch ihr schierer Wohlklang in Farsi ist betörend.

 

Dichtkunst wird im islamischen Kulturkreis seit jeher hoch geschätzt: Sie erlaubt, auszudrücken, was in Prosa den Kopf kosten könnte. Wie die verrätselten und zugleich wasserklaren Bilder dieses Films.


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