Berlin

Martin Scorsese

Martin Scorsese, 2000. Foto: Paramount Pictures / Touchstone Pictures/ Quelle: Deutsche Kinemathek

So bedeutend wie vielseitig: Scorsese hat das Leben Jesu, des Dalai Lama, von Bob Dylan und Armani verfilmt. Doch unvergesslich ist seine virtuose Darstellung von Gewalt. Nun ehrt ihn die Deutsche Kinemathek mit der weltweit ersten Ausstellung.

«New York, New York» von Frank Sinatra kennt jeder. Wer aber weiß, dass Liza Minnelli erstmalig dieses Lied sang: 1977 als Titel-Song des gleichnamigen «Film-noir-Musical» von Martin Scorsese? Das Bild, dass sich die restliche Welt vom big apple macht, haben seine Filme stärker geprägt als alle anderen.

 

Info

Martin Scorsese

 

10.01.2013 – 12.05.2013
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr im Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Str. 2, Berlin

 

Weitere Informationen

Wie New York ihn: Die Hälfte seiner 23 Spielfilme spielt in seiner Heimatstadt. Darunter etliche in downtown Manhattan in Little Italy: Hier ist der Italo-Amerikaner aufgewachsen – genauso wie sein langjähriger Lieblings-Schauspieler Robert De Niro. Hier herrschten die beiden Organisationen, die Scorsese unablässig bis heute faszinieren: die Familie und die Mafia.

 

Little Italy als Epizentrum

 

Eine brillantes Arrangement verdeutlicht, wie wichtig dieser Mikrokosmos für den Regisseur ist. Den größten Ausstellungs-Raum füllt ein Modell von Manhattan. Auf ihm sind alle Orte markiert, die in seinen Filmen auftauchen; daneben werden Ausschnitte gezeigt. Anfangs ist Little Italy das Epizentrum; allmählich wandern seine Werke zu anderen Schauplätzen.


Interview mit Kurator Nils Warnecke + Impressionen der Ausstellung


 

New Yorks Glanz gründet auf Gewalt

 

Und tief in die Stadtgeschichte hinein: «Mean Streets» («Hexenkessel», 1973), «Taxi Driver» (1977), die leichtfüßige Nachtleben-Komödie «After Hours» («Die Zeit nach Mitternacht», 1985) oder das Mafia-Epos «Good Fellas» (1990) spielen noch in der Gegenwart. «New York, New York» ist in der Nachkriegszeit angesiedelt, «The Age of Innocence» («Zeit der Unschuld», 1993) in der feinen Gesellschaft von 1870 und «Gangs of New York» (2002) Mitte des 19. Jahrhunderts.

 

Den Aufstieg New Yorks zur Wirtschafts-Welthauptstadt hat niemand so kontinuierlich im Kino dokumentiert wie Scorsese. Und keiner hat in seinen Filmen schonungsloser bloßgelegt, worauf diese blühende und luxuriös strahlende Metropole gründet: auf roher, rücksichtsloser und unverhohlener Gewalt.

 

Schlagabtausch in der Familien-Bande

 

Sie explizit herauszustellen, habe sich der Regisseur verbeten, erzählt Kurator Nils Warnecke: Ansonsten ließ er dem Team bei der Auswahl von rund 600 Exponaten aus seinem riesigen Privat-Archiv freie Hand. Doch Gewalt springt schon eingangs ins Auge. Im Kurzfilm «The Big Shave» von 1967 rasiert sich ein Mann seelenruhig zu Swing-Klängen. Mit jedem Zug der Klinge wird sein Gesicht blutiger: Scorseses Kommentar zum Vietnam-Krieg.

 

Auch Familien-Bande ist keine Kuschel-Veranstaltung, sondern Schlagabtausch. In «Raging Bull» («Wie ein wilder Stier», 1980) trainiert Boxer Jake LaMotta (Robert De Niro), indem er sich mit seinem Bruder Joey (Joe Pesci) prügelt. Die Kindertage-Freunde in «Mean Streets» oder «Good Fellas» gehen sich ebenso dauernd ans Leder.

 

Amok-Lauf der Anti-Helden

 

Sind Scorseses Anti-Helden auf sich allein gestellt, laufen sie bald Amok: etwa De Niro als Selbstjustiz-Rächer in «Taxi Driver» und «Cape of Fear» (1991). Oder Leonardo Di Caprio als steinreicher Flug-Pionier Howard Hughes in «Aviator» (2004), der an sich selbst irre wird.

 

Eingebunden in die große Mafia-Familie sinken die Hemmschwellen rapide. Die Hauptfiguren von «Good Fellas», «Casino» (1995) und «Gangs of New York» eint, dass sie keine Skrupel haben: Alle anderen machen es genauso. Selbst wenn physische Gewalt nicht im Zentrum steht, wird die Atmosphäre oft von Angst, Misstrauen und Verrat geprägt: wie im Thriller «Departed – Unter Feinden» (2006) oder Psychiatrie-Krimi «Shutter Island» (2010).


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