Leonardo DiCaprio

Der große Gatsby (3D)

Früher war mehr Konfetti: ein ausgelassenes Fest beim großen Gatsby (Leonardo Dicaprio). Foto: Warner Bros. Ent.

(Kinostart: 16.5.) Die Erfindung und Vollendung des Nachtlebens: Auf den Partys in Fitzgeralds Roman hört der Jazz nie auf, und Schampus fließt in Strömen. Regisseur Baz Luhrmann verfilmt ihn als prachtvoll-dekadente Ausstattungs-Orgie.

Die 1920er Jahre nennt man auf Deutsch harmonieselig die «Goldenen» – als hätte das Land nicht Ruhrbesetzung, Hyperinflation, Hitler-Putsch und diverse gestürzte Regierungen erlebt. Angelsachen sind da nüchterner: Sie sprechen von den roaring twenties, den «stürmischen Zwanzigern». Nie sahen sie prachtvoller aus als in Baz Luhrmanns Verfilmung des Romans von F. Scott Fitzgerald.

 

Info

Der große Gatsby

 

Regie: Baz Luhrmann,

142 Min., USA/ Australien 2013;

mit: Leonardo DiCaprio, Carey Mulligan, Tobey Maguire

 

Website zum Film

Dessen Titelfigur, der mysteriöse und steinreiche Jay Gatsby, lebt vor den Toren New Yorks auf Long Island in einem monströs überkandidelten Neureichen-Schloss. Dort schmeißt er jeden Samstag die aufwändigsten und exzessivsten Partys, die die Welt je gesehen hat.

 

Konfetti + Mega-Feuerwerk

 

Jazz-Kapellen am Pool, Cocktails in allen Farben, von livrierten Dienern gereicht, tonnenweise Konfetti, und zum Abschluss ein Mega-Feuerwerk über der Bucht. Fehlt nur noch, dass lebende Elefanten und Kamele im Prunk-Ornat stepptanzen.


Offizieller Filmtrailer


 

Pompöse Paläste + 1200 Kostüme

 

Um das gebührend glamourös in Szene zu setzen, ist Baz Luhrmann genau der Richtige: Bevor der Australier anfing, Filme zu drehen, inszenierte er Opern. Mit nur drei Werken hat er Kinogeschichte geschrieben: 1996 katapultierte er «William Shakespeare’s Romeo & Julia» genial in die Gegenwart, 2001 begrub er in «Moulin Rouge» ein Sittenbild der Belle Epoque unter Bergen von digitalem Plüsch – und das Epos «Australia» über seine Heimat im Zweiten Weltkrieg fiel 2008 bei der Kritik krachend durch.

 

Dennoch ist Luhrmann der brillanteste Ausstattungs-Orgiastiker des zeitgenössischen Kinos. Dass «Der Große Gatsby» mehr als 100 Millionen Dollar gekostet hat, sieht man jeder Einstellung an. Diese pompösen Paläste der Stinkreichen, in denen Heerscharen von Bediensteten wuseln! Diese herrlichen Anzüge und hinreißenden Damenkleider – allein für die Party-Szenen wurden 1200 Kostüme geschneidert! Dieser sündhaft teure Schmuck! Diese erlesenen Oldtimer, in denen party people von event zu event brausen!

 

«Große Partys sind so intim.»

 

Luhrmann inszeniert die Erfindung des modernen Nachtlebens zugleich als seine Vollendung: Nie waren Sinneskitzel geschmack- und Vollräusche stilvoller. Dabei bleibt deutlich spürbar, wie flüchtig das Vergnügen ist: «Ich mag große Partys, weil sie so intim sind. Auf kleinen Partys gibt es keine Privatsphäre», sagt die Roman-Figur Jordan Baker, Hausfreundin der Buchanans. Als ledige Profi-Golferin und exzentrische Salon-Löwin verkörpert sie das Frauen-Ideal der Zeit.

 

Die Handlung von Fitzgeralds Buch, dass erst nach seiner Verfilmung 1974 mit Robert Redford in der Hauptrolle zum Welterfolg wurde, trägt kolportagehafte Züge. Gatsby (Leonardo DiCaprio) war vor dem Ersten Weltkrieg mit Daisy (Carey Mulligan) liiert. Als er im Feld stand, heiratete sie Tom Buchanan (Joel Edgerton), einen Grobian aus altem New Yorker Geldadel. Doch Gatsby kann sie nicht vergessen: Während der Prohibition wird er mit Alkohol-Schmuggel sagenhaft reich. Seinen obszön luxuriösen Lebensstil samt ausschweifenden Partys pflegt er nur, um Daisy anzulocken.

 

Wankelmütige Schnepfe entscheidet sich nicht

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Hyde Park am Hudson“ von Roger Michell: Komödie über US-Präsident Franklin D. Roosevelt mit Bill Murray

 

und hier ein Bericht über den Film „The Artist“ – brillantes Stummfilm-Remake von Michel Hazanavicius

 

und hier eine Rezension des Films „Midnight in Paris“ – märchenhafte Zeitreise in die 1920er Jahre von Woody Allen

 

Das gelingt ihm erst, als Nick Carraway (Tobey Maguire) in das Ferienhaus neben Gatsbys Anwesen einzieht: Der neue Nachbar ist mit Daisy verwandt und bringt beide zusammen. Doch die wankelmütige Schnepfe mag sich nicht für ihre alte Liebe entscheiden. Stattdessen provoziert sie einen Autounfall, dem die Geliebte ihres untreuen Ehemanns zum Opfer fällt – und bald Gatsby selbst.

 

Im letzten Drittel, wenn es um die Herzschmerz-Angelegenheiten dieses untereinander verbandelten Quartetts geht, hat der zweieinhalbstündige Film Längen. Zumal nur DiCaprio seinen nervös um Anerkennung buhlenden Emporkömmling überzeugend darstellt. Dagegen erscheint Carey Mulligan als Daisy derart unbedarft, dass man sich fragt, warum zwei gestandene Magnaten sich für das amüsierwütige Luxusweibchen gegenseitig ruinieren. Und Tobey Maguire als Nachbar und Erzähler Carraway bleibt ein blasser Anzugträger.

 

Pomp and circumstances galore

 

Aber das macht nichts. Zuvor hat Regisseur Luhrmann alle Register gezogen: Mit rasenden Kamerafahrten im Achterbahn-Tempo, die aus 3D alle Schauwerte herauskitzeln, mit pomp and circumstances galore und einem Epochen-Panorama, das in den schönsten Momenten wie eine Massen-Choreographie auf der weltgrößten Opern-Bühne wirkt. Solche Kühnheit, alle visuellen Register der Verführungs-Maschine Kino zu ziehen, hat sonst keiner. Auf diesen Budenzauber noch einen Manhattan!


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