Olivier Assayas

Die wilde Zeit – Après mai

Gilles (Clément Métayer) und Christine (Lola Créton) bei der Demonstration im Februar 1971 auf der Flucht vor der Polizei. Foto: NFP

(Kinostart: 30.5.) Frankreich im Sommer 1971: Debatten, Träume und Aktionismus. «Carlos»-Regisseur Assayas bringt die Ära der K-Gruppen auf die Leinwand – und wie sie in bürgerliche Berufe mündete. Selten waren Jugenderinnerungen so ansehnlich.

Frankreich im Sommer: Die Schule plätschert ihrem endgültigen Ende entgegen, Jungs tragen die Haare lang, Mädchen noch länger, und Revolution liegt in der Luft. Es ist der Sommer 1971.

 

Info

Die wilde Zeit –
Après mai

 

Regie: Olivier Assayas

122 Min., Frankreich 2012

mit: Clément Métayer, Lola Creton, Carole Combes

 

Website zum Film

Olivier Assayas, Regisseur und langjähriger Redakteur der französischen Filmzeitschrift «Cahiers du Cinéma», hat zuletzt mit seinem epischen Porträt des legendenumwobenen Terroristen Carlos auf sich aufmerksam gemacht: Die Kinofassung war dreieinhalb, die TV-Version gar fünfeinhalb Stunden lang.

 

Statt Jahrzehnten wenige Monate

 

Während er in «Carlos – Der Schakal» drei Jahrzehnte linker Politik abarbeitete, beschränkt sich «Die Wilde Zeit» auf einen knappen Zeitraum von wenigen Monaten, eine Gruppe von einer Handvoll Personen und räumlich zunächst auf eine französische Kleinstadt.


Offizieller Filmtrailer


 

Soft Machine + Syd Barrett

 

Im Mittelpunkt steht Gilles (Clément Métayer), ein hübscher Junge, der mit dem Moped die Stationen seines letzten Schuljahres abfährt: Die Schule, ein kurzer Besuch zuhause, eine politische Zusammenkunft, ein Treffen mit der Freundin, eine Druckerei usw.

 

Mit dokumentarischem Interesse folgt die Kamera ihm bei alltäglichen Verrichtungen: Er malt, er hört Musik von «Soft Machine» und des Pink-Floyd-Gründers Syd Barrett, bei Diskussionen hält er sich zurück. Seine Freundin will nach London und sich nicht fest binden. Es gibt eine Demonstration, Tränengas und Verfolgungsjagden durch die Gassen der Kleinstadt.

 

Ausstattung und Soundtrack sprechen für sich

 

Als die Schüler Polit-Parolen auf die Schulwand malen, kommt es zur Konfrontation mit dem Wachschutz, die übel endet. Die Beteiligten, darunter auch Gilles, wollen die Stadt verlassen, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Gilles schließt sich einer Gruppe linker Filmemacher an, die in italienischen Fabriken agitieren wollen.

 

Das inszeniert Regisseur Assayas ähnlich nüchtern wie «Carlos»: Ohne Akzentuierungen und Übertreibungen, die Kamera, Licht und Tricktechnik erlauben. Er verzichtet auf Symbolik und lässt stattdessen die Ausstattung und den Soundtrack für sich sprechen. Und die Charaktere: Mal linkisch, mal mit mühsam gespielter Reife, mal stürmisch, meist aber unbeholfen – eben wie Jugendliche, die alle Schritte ins Erwachsenwerden zum ersten Mal gehen.

 

Was ist Arbeiterkino?

 

Dabei lässt er politischen Debatten, die immer wieder geführt werden, so viel Raum wie außer ihm wohl nur Ken Loach, der große Sozialkritiker des britischen Autorenfilms. Zu Fragen, in denen sich Ästhetik und Politik immer wieder reiben: Was ist Arbeiterkino?

 

Filme bürgerlicher Regisseure für ein Arbeiter-Publikum, oder müssten die Arbeiter nicht die Produktionsmittel übernehmen? Eine Episode mit Gilles´ Vater verläuft ebenso unspektakulär wie aufschlussreich; sie mündet in Gilles´ Entschluss, eine Ausbildung in Londoner Filmstudios zu beginnen.

 

Autobiographisches Spiel mit Erinnerungen

 

Der Film spielt vor allem mit Erinnerungen: medialen Erinnerungen an eine «Wilde Zeit», persönlichen Erfahrungen der Zuschauer, und nicht zuletzt denen des Regisseurs: Das Drehbuch basiert auf seinem autobiografischen Buch «Une adolescence dans l’après-Mai. Lettre à Alice Debord» («Eine Jugend nach dem Mai `68. Brief an Alice Debord»).

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier einen kultiversum-Beitrag Carlos – Der Schakal von Olivier Assayas über linksradikalen Terrorismus der 1970er Jahre

 

und hier eine Besprechung des Films „Das Wochenende“ – subtiles Kammerspiel über ein Ex-RAF-Mitglied von Nina Grosse

 

und hier einen Bericht über den Film „Quellen des Lebens“ von Oskar Roehler über seine Familie in den 1970er Jahren.

Wenn Gilles als Praktikant ausgerechnet auf dem Set eines Monster-Films mit Nazis merkt, dass er angekommen ist, hat Asayas ohne viele Umschweife erzählt, wie er die Nachwehen des Mai `68 erlebt hat, und warum er trotzdem zum Film gegangen ist. Er geht bei seinen verfilmten Jugenderinnerungen freilich ganz anders vor als früher Fellini oder jüngst Oskar Roehler in «Quellen des Lebens».

 

Distanz erzeugt Sog

 

Obwohl der Blickwinkel dem seiner Protagonisten entspricht – Abwesenheit der Eltern, Sprachlosigkeit in bestimmten Situationen – hält Assayas immer Abstand. Manchmal scheint er sich selbst über seinen Helden zu wundern, folgt eine Weile anderen Jugendlichen und schaut ihnen mit unendlicher Neugier zu, ohne zu denunzieren oder zu urteilen.

 

Seine Distanz überträgt sich auf den Zuschauer; man möchte die Darsteller zuweilen packen und ordentlich durchschütteln. Doch der Film entwickelt auf diese Weise allmählich auch einen Sog, der «Carlos» am Ende fehlte. Er schafft eindrucksvolle, unperfekte, aber wohlüberlegte Bilder, die sich langsam einbrennen und nur sehr langsam verblassen – so wie Farbfotos aus den 1970er Jahren.


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