Olivier Assayas

Filme sollten Fragen stellen

Olivier Assayas bei den Dreharbeiten zu "Die wilde Zeit". Foto: NFP

In «Die Wilde Zeit» greift Regisseur Olivier Assayas auf Jugenderlebnisse im Frankreich der frühen 1970er Jahre zurück. Ein Gespräch über Lebensgefühl und utopische Hoffnungen einer Epoche, die extrem und verrückt war, aber nie peinlich.

Monsieur Assayas, wieviel hat «Die Wilde Zeit» mit Ihrer Biographie gemeinsam?

 

Das kommt auf den Blickwinkel an. Der Film basiert auf Erinnerungen, aber auch auf Fakten. Er enthält wenig Fiktion, wenig Erdachtes, aber auf der anderen Seite ist alles in einem Spielfilm erfunden. Ich baue die Geschichte mit persönlichen Elementen und Erinnerungen auf, aber Filmemachen hat wenig mit Biographien zu tun.

 

Ich suche die Schauplätze aus, caste Schauspieler und schreibe mein Drehbuch, in das viele Erfahrungen einfließen. Vermutlich ist es eine fiktionalisierte Biographie. Das Ergebnis ist aber näher an einer kollektiv erlebten als an einer persönlichen Geschichte. Der Film zeigt etwas, das viel größer ist als ich: die Geschichte meiner Generation. Meine Geschichte mischt sich unter.

 

Poetische Version der 1970er

 

Warum nehmen Sie sich nach «L´eau froide» von 1994 zum zweiten Mal diese Ära vor?

 

Info

Die wilde Zeit –
Après mai

 

Regie: Olivier Assayas,

122 Min., Frankreich 2012;

mit: Clément Métayer, Lola Creton, Carole Combes

 

Website zum Film

Ich liebte den Film und war sehr stolz auf ihn, als ich ihn gemacht habe, aber im Nachhinein war ich frustriert, weil ich darin eher eine poetische Version der 1970er Jahre zeigte. Es fehlte die Hochschulpolitik dieser Zeit, genau wie die Kultur und das, was essentiell für die Zeit war.

 

Tinte auf Papier schleudern

 

Brauchen Sie ein persönliches Element als Zugang zu Filmen?

 

Eine verrückte Seite in mir hat mich zum Filmemacher gemacht. In «Die Wilde Zeit» sieht man, wie ein Kind Tinte auf Papier schleudert. Kino sehe ich als meinen Weg, um Gefühle auszudrücken. Ein Kino, das das echte Leben einer echten Person zeigt. Das brachte mich vom abstrakten Malen zur Figürlichkeit, der Darstellung mithilfe der Bilder des Kinos.

 

Meine Geschichte ist eingebettet in die meiner Generation. Die anderen Figuren im Film basieren offensichtlich auf realen Freunden und ihrer Vergangenheit. Gilles, die Hauptfigur in «Die Wilde Zeit», wäre ohne diesen Kontext undenkbar. Seine Umgebung und die anderen Kids um ihn herum definieren ihn.

 

Agitprop schloss in den 1970ern Fiktion aus

 

Sie investieren große Mühen in die Ausstattung, um den look des Zeitgeists zu zeigen.

 

Jeder Filmemacher muss seinen eigenen look, seine eigene Persönlichkeit entwickeln. Die 1970er Jahre waren durch Fragen geprägt, die zurückdatieren auf die 1920er Jahre des 20. Jahrhunderts; eine Diskussion, die zwischen Avantgarde und sozialem Realismus geführt wurde. In den 1970ern wurden ästhetische Debatten aufgegriffen, die bis heute noch nicht völlig geklärt sind.

 

In den 1970er Jahren wurde recht strikt zwischen idealistischen und kommerziellen Filmemachern unterschieden.

 

Die Sprache der Zeit war sehr abstrakt, aber im damaligen Kontext unheimlich wichtig. In den 1970er Jahren gab es keine 100 Fernsehkanäle oder DVDs und Internet. Eine Art alternativer Kommunikationskanal konnte nur durch Filmemacher entstehen, die eben die Arbeitsbedingungen in Fabriken, die Kämpfe der Arbeiter und all andere filmten, was historisch Relevantes passierte.

 

Ihre Sprache war sehr dogmatisch, was auch daran lag, dass es außer ihnen niemand machte. Genau aus dieser Position heraus, wegen dieser sehr dogmatischen Zeit, musstest du dich entscheiden. Das eine schloss das andere aus. Wer für Agitprop und die Kämpfe der Zeit stand, konnte keine Fiktion drehen.


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