Charlotte Rampling

I, Anna

Anna (Charlotte Rampling) beim Speed-Dating. Foto: NFP
(Kinostart: 2.5.) Mord in der Hochhaus-Einöde von London: Ein Polizei-Kommissar und eine geheimnisvolle Frau verbünden sich im Widerstand gegen die Wahrheit und in der Suche nach Liebe. Psycho-Thriller mit therapeutischen Untertönen.

Autor und Regisseur Barnaby Southcombe hat bisher vor allem Musik-Clips, Werbefilme und Fernsehserien gedreht. In seinem Spielfilm-Debüt erzählt parallel zwei Geschichten. Die erste ist ein Krimi: In einem Londoner Hochhaus wird ein Mann in seiner Wohnung erschlagen aufgefunden.

 

Info

I, Anna

 

Regie: Barnaby Southcombe, 93 min., Großbritannien/ Deutschland 2012;
mit: Charlotte Rampling, Gabriel Byrne, Eddie Marsan


Website zum Film

Kriminal-Kommissar Bernie Reid, als gereifter Melancholiker gespielt von Gabriel Byrne, nimmt vor Ort die Ermittlungen auf. Im Foyer des Gebäudes begegnet er flüchtig einer geheimnisvollen Frau. Er kann sie nicht vergessen, trifft aber Anna (Charlotte Rampling) zufällig auf einer Single-Party wieder; sie erzählen sich ihr Leben, telefonieren und verabreden sich.

 

Opfer als Täterin

 

Reid vernachlässigt darüber seine Dienst-Pflichten. Doch kleine Unstimmigkeiten in Annas Erzählungen und ein unbestechlicher Kollege bringen ihn auf die richtige Spur – die zunächst willkommene Ablenkung stellt sich als Königsweg zu einer Täterin heraus, die zugleich ein Opfer war. Charlotte Rampling vereinigt beide Pole bis zuletzt perfekt.


Offizieller Filmtrailer


 

Roman-Vorlage von Ex-Psychotherapeutin

 

Die andere Geschichte ist die einer Heilung. Eine einsame, alternde Frau sucht in einer seelenlosen Welt nach menschlicher Nähe. Sie lebt mit Tochter (Hayley Atwell) und Enkelin zusammen, doch Anna findet nach einem Leben, von dem der Zuschauer nur die Scheidung kennt, nicht aus ihrer Schockstarre.

 

Wachsendes Vertrauen zu einem verständnisvollen Mann nimmt bei ihr den Druck von alten Gefühlen und ermöglicht die Wiederkehr des Verdrängten. Liebe und Erinnerung spielen einander erlösend in die Hand, ein neues Leben wird denkbar. Hier wird die Roman-Vorlage von Elsa Lewin spürbar; die frühere Psychotherapeutin lebt im US-Bundesstaat New York.

 

Absorbierend aufflackernde Bilder

 

Beide Geschichten führt Regisseur Southcombe kunstvoll zusammen. Die kriminalistische Aufklärung umkreist aus respektvoller Distanz das zentrale psychische Geschehen mit immer wieder aufflackernden, absorbierenden Bildern: Tanz und Autofahrt mit dem Ermordeten, Drinks in seiner Wohnung, Zudringlichkeiten, Flucht ins Badezimmer und Rückkehr in seine fordernden Arme.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Dead Man Down" - spannender Action-Thriller von Niels Arden Oplev mit Colin Farrell und Noomi Rapace

 

und hier ein Bericht über den Film "Nachtzug nach Lissabon" - Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Bille August mit Charlotte Rampling

 

und hier eine Rezension des Films "Der Hypnotiseur"  - Schweden-Thriller von Lasse Halström mit Mikael Persbrandt

 

Widerstände gegen die allmählich ans Licht kommende Wahrheit teilt Bernie nicht nur mit Anna, sondern auch mit dem Zuschauer. Der erfährt erst sehr spät, dass Annas Perspektive unzuverlässig und ihre Wahrnehmung ein dicker Mantel ist – so dass ein Komplott gegen die Nebenfiguren entsteht, die jedes Klischee bestätigen und Verdacht auf sich ziehen. Besonders Steve, der schlecht behandelte Stiefsohn des Mordopfers, scheint keine Chance zu haben.

 

Gegen sozialen Erfrierungstod anspielen

 

Dabei stehen Londons Kälte, Fremdheit und latente Gewalttätigkeit ganz in der Tradition des Film Noir. Das Design von Schauplätzen, Möbeln und Kostümen erinnert stark an die 1970er, teilweise sogar an die 1940er Jahre. Die ausgeblichene Farbpalette reicht von Beige und Braun bis zu Grau und Dunkelblau, so dass Annas rotes Kleid geradezu ins Auge springt.

 

Das immer präsente Unglück der Protagonisten, als sei es eine Neuinszenierung von Claude Sautets Krimi-Klassiker «Das Mädchen und der Kommissar» von 1971 mit Romy Schneider und Michel Piccoli, wirkt wie eine natürliche Konsequenz dieser abweisenden Welt für die Individuen. Als Hauptfiguren spielen Charlotte Rampling und Gabriel Byrne tapfer gegen den sozialen Erfrierungstod an.

 

Jeder ist ein Abgrund

 

Wer an den therapeutischen Wert von Psychoanalyse glaubt oder an die Erlösung durch Liebe, wer Geborgenheit bei Menschen und nicht in ihrer Umwelt sucht, ist mit diesem Film bestens bedient. Wer schlüssige Motivations-Ketten oder lebenswerte Städte braucht, deutlich weniger.

 

Sehenswert aber sind in jedem Fall die Gesten, die Gesichter und Blicke. Frei nach Büchners Woyzeck: Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hinabsieht. Auch wenn man sich manchmal doch noch an seinen Rändern festhalten kann.


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