Berlin

Kapoor in Berlin

Anish Kapoor: Shooting into the Corner, 2008-2009. Foto: Martin-Gropius-Bau, 2013

Glibber an die Wand schießen und in Körperöffnungen herumstochern: Mit monumentalen Installationen verwirklicht der Künstler Anish Kapoor pubertäre Fantasien. Dafür räumt ihm nun der Martin-Gropius-Bau das Erdgeschoss samt Lichthof frei.

Alle 15 Minuten erschüttert ein Knall den Martin-Gropius-Bau. Verantwortlich dafür ist ein junger Mann mit Schutzbrille und -kopfhörern. Er muss regelmäßig eine Druckluft-Kanone abfeuern: Absperrgitter öffnen, Holzpatrone holen, den Öl-Wachs-Vaseline-Pfropfen darin in das Kanonenrohr stopfen, es verriegeln, Druckluft-Zufuhr öffnen, schließen und warten.

 

Info

Kapoor in Berlin

 

18.05.2013 -  24.11.2013

täglich außer dienstags

10 bis 19 Uhr

im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Berlin

 

Katalog 34,- €

 

Weitere Informationen

Und schließlich mit der Geste eines Henkers der französischen Revolution einen Hebel nach unten ziehen. Pamm! fliegt das dunkelrote Gallert-Geschoss in die Raumecke. Die spektakuläre Haubitze ist Teil von Anish Kapoors Installation mit dem prosaischen Titel «Shooting into the Corner» von 2008/09.

 

Material-Fetischist mit Geheim-Rezept

 

Ihr entscheidender Teil ist das Material, das sie verschießt: ein Gemisch aus dunkelrotem Pigment, Wachs und Ölfarbe, dessen Rezeptur Kapoors Geheimnis ist. Der britische Künstler indischer Herkunft ist Material-Fetischist. Tatsächlich hat dieser Stoff, aus dem er in dieser Ausstellung auch Skulpturen formt, eine beeindruckende Präsenz. Die weiche, pastos glänzende Masse ist sein signature material.


Impressionen der Ausstellung


 

So faszinierend wie pubertär

 

Es liegt im Lichthof des Neorenaissance-Baus in vier großen Fladen auf dem Boden. Über vier Rampen transportieren Förderbänder enervierend langsam quaderförmige Brocken in die Höhe, die dann auf den Boden fallen, wo sie sich zu zähen Haufen ausbreiten.

 

Im Nebenraum schleift ein rotierendes Stahlprofil eine riesige Wachs-Glocke. An der Wand kleben geometrische Körper aus derselben Masse. Ein Gabelstapler ist mit ihr vollkommen zugekleistert. Diese environments sind so faszinierend wie pubertär.

 

In Körperöffnungen herumstochern

 

Kapoor verwirklicht in seiner Kunst Jungen-Träume: Glibber gegen die Wand schießen, ungeheure Sauereien veranstalten, zweideutige Spuren vermeintlich blutiger Metzelorgien hinterlassen. Der Künstler verweist mit seinem Material auf den menschlichen Körper, dessen Inneres auch rot ist.

 

Ein dunkelrotes Geheimnis, in das er – sublimiert durch seine eher abstrakten Skulpturen –vorstoßen will, als stochere er in Körperöffnungen. Die Ausstellung präsentiert also zweideutig geschlitzte Steine mit Rinnen, in denen je nach Fantasie einmal Blut oder Lava floss, sowie Kunstharz-Plastiken, die an Grotten oder Darmzotten erinnern.

 

Blick in das totale Nichts

 

1992 war Kapoor mit einer Installation auf der documenta 9 in Kassel berühmt geworden: «Building Decent into Limbo». Die Besucher blickten durch ein Loch im Boden und sahen nichts – oder vielmehr das Nichts. Diese großartige Illusion einer alles absorbierenden Finsternis war so gravitätisch wie ein wirkliches Schwarzes Loch.

 

Spektakuläre Objekte für den Kunstmarkt

 

Viele Arbeiten in Kapoors aktueller Schau tragen dagegen etwas dick auf. Über der Lichthof-Installation «Symphony for a Beloved Sun» schwebt etwa das Gemälde eines riesigen roten Kreises. Es soll wohl an die Entwürfe russischer Konstruktivisten wie El Lissitzky oder Suprematisten wie Malewitsch gemahnen.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der faszinierenden Ausstellung “Indien entdecken” – über Kunst aus Indien in der Zitadelle Spandau, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Olafur Eliasson:Volcanoes and Shelters – eine fotografische Rundreise durch Island in der Galerie neugerriemschneider, Berlin

 

und hier ein Bericht über die Ausstellung “Rundgang durch die documenta Halle” – mit einer Groß-Installation der indischen Künstlerin Nalini Malani in Kassel

Eine halb aufgeblasene Plastikplane, die durch drei Räume reicht, trägt den Titel «The Death of Leviathan». Will Kapoor dem Publikum hier wirklich weismachen, er beschäftige sich mit der Philosophie von Thomas Hobbes im Angesicht der Krise des Nationalstaats? Oder ist es nur Koketterie eines Künstlers, der als blue chip des Kunstmarkts seine Galerien mit spektakulären Objekten beliefern will?

 

Spiegelkabinett aus «Non-Objects»

 

Wo Kapoors Kunst den Betrachter direkt konfrontiert, anstatt ihn überwältigen zu wollen, ist sie am stärksten. Bestes Beispiel für seine wahrnehmungsästhetischen Arbeiten ist wohl die bohnenförmige Skulptur «Cloud Gate», die seit 2004 im Millennium Park in Chicago steht. Zehn Meter hoch, 20 Meter breit und auf Hochglanz poliert, spiegelt sie die Welt wie in einem gewölbten Mikrokosmos.

 

In der Ausstellung knüpfen daran silbern eloxierte Stahlskulpturen virtuos an. Diese «Non-Objects» verzerren die Umgebung wie in einem Spiegelkabinett und verleiten ihre Betrachter unwillkürlich zu spontanen Performances, ohne einen ambitionierten Überbau formulieren zu müssen – wie viele Werke des ähnlich arbeitenden Isländers Olafur Eliasson.


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