München

Kino der Kunst

Szenenbild aus: Transoxiana Dreams von Almagul Menlibayeva, Kasachstan 2011; Laufzeit: 23 min; Gewinner des Festival-Hauptpreises. Foto: Kino der Kunst

Das ideale Festival für «Kunst+Film»: «Kino der Kunst» ist allein Filmen von bildenden Künstlern gewidmet. Was in Ausstellungen meist nur auf Monitoren läuft, kommt hier auf die große Leinwand – und zeigt überdeutlich Stärken und Schwächen.

«Kunstfilme» nannte man früher, was heute Arthouse- oder Autoren-Filme heißt: Alle Filme, die gegen Genre-Regeln verstießen oder sie völlig ignorierten. Sie liefen nicht in schnöden Kinos, sondern in «Filmkunst-Theatern». Daran erinnert die «Gilde deutscher Filmkunst-Theater», der 60 Jahre alte Verband der Programmkinos.

 

Info

Kino der Kunst

 

25.04.2013 – 28.04.2013
an diversen Spielorten in München

 

Website des Festivals

Doch «Kunstfilme» laufen dort fast nie – zumindest nicht, was man heute darunter versteht: Von bildenden Künstlern produzierte Filme werden meist nur in Museen und Galerien gezeigt. Ausnahmen sind selten.

 

Walfänger + Sex-Süchtige im Kino

 

2005 kam der zweistündige Film «Drawing Restraint 9» des US-Künstlers Matthew Barney ins Kino. Sein sperriges Werk über ein japanisches Walfang-Schiff fand vermutlich einen Verleih, weil die isländische Pop-Sängerin Björk, Barneys Lebensgefährtin, mitspielte. Anfang 2012 war hierzulande «Shame» von Steve McQueen zu sehen. Der britische Künstler ließ Michael Fassbender einen Sex-Süchtigen mimen – von effekthascherischem Kommerz-Kino ununterscheidbar.


Interview mit Festival-Leiter Heinz Peter Schwerfel + Ausschnitte der Filme "Between The Waves" von Tejal Shah, "Cabaret Crusades" von Wael Shawky, "5000 Feet is the Best" von Omer Fast und "Transoxiana Dreams" von Almagul Menlibayeva


 

KunstFilmBiennale in Köln scheiterte 2010

 

Doch etliche Filme bildender Künstler entstehen quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Nur wenige Ausstellungs-Besucher bekommen sie zu Gesicht, die während ihres Rundgangs kaum länger vor Monitoren oder Leinwänden verharren wollen. Solchen Filmen bot seit 2002 die Kölner «KunstFilmBiennale» ein Forum. 2010 ging sie an Querelen unter den Trägern zugrunde.

 

Nun hat Biennale-Gründer und -Leiter Heinz Peter Schwerfel in München das Festival «Kino der Kunst» aus der Taufe gehoben. Mit leicht verändertem Konzept: Allein Werke von bildenden Künstlern zugelassen. Ihre Filme müssen eine narrative Struktur haben; reine Dokumentationen oder Experimentalfilme bleiben außen vor.

 

1200 Einreichungen für den Wettbewerb

 

Trotz dieser Einschränkungen kann Schwerfel über den Zuspruch nicht klagen: Für den Wettbewerb seien 1200 Bewerbungen eingereicht worden; davon wurden fast 60 ausgewählt. Zählt man Nebenreihen und Vorführungen in Museen und Galerien hinzu, waren auf dem Festival rund 90 Künstler-Filme zu sehen.

 

Teilweise parallel ohne Wiederholungen, so dass man notgedrungen einiges verpasste: Offenbar fürchteten die Veranstalter halbleere Säle, würden sie das Programm zeitlich strecken. Zu Unrecht: 5000 Besucher in vier Tagen sind ein achtbares Ergebnis für eine Premiere. Wobei die üblichen Verdächtigen aus Kunstbetrieb und Filmhochschulen nicht unter sich blieben; es kamen auch viele neugierige Autorenfilm- und Kulturinteressierte.


Ausschnitte der Dreikanal-Videoinstallation "Das Fest von Trimalchio" des russischen Künstler-Kollektivs AES+F


 

Überdimensionale Diashows

 

Was ihnen geboten wurde, gruppierte sich deutlich in zwei Lager. Einmal Künstler mit beschränkten Mitteln, die eine mehr oder weniger originelle Idee irgendwie in bewegte Bilder umsetzen. Das hat zuweilen amateurhaften Charme, läuft aber oft auf überdimensionale Diashows hinaus: Die Tonspur transportiert Inhalte, die Optik ist entbehrliches Augenpulver.

 

Solche Folgen statischer Einstellungen gewinnen nur selten cineastische Qualität. Etwa in «La Casa» von Paola Michaels: Die Argentinierin bebildert eine surreale Kurzgeschichte mit Detail-Aufnahmen aus einer verfallenen Kolonial-Villa in den Tropen.

 

Publikums-Preis für Drohnen-Piloten

 

Andere sind mit den Möglichkeiten des Mediums vertraut und können ihre Ideen adäquat umsetzen. Wie Omer Fast: Der in Berlin lebende Israeli produziert seit einem Jahrzehnt mittellange Filme. Sein Beitrag «5000 Feet is the Best» war bereits auf der Biennale in Venedig 2011 zu sehen.

 

Ein Ex-Soldat berichtet, wie er jahrelang US-Drohnen in Nahost per Satellit steuerte und abfeuerte. Seine Aussagen begleiten passende Luftaufnahmen aus dem amerikanischen Binnenland; der Stimme geben Spielfilm-Szenen ein Gesicht. Für diese packende Nach-Inszenierung des zeitgenössischen Hightech-Kriegs erhielt Fast den Publikums-Preis.

 

Hauptpreis für traumschöne Öko-Katastrophe

 

Ein «Preis für das filmische Gesamtwerk» wurde an Wael Shawky vergeben. Das erscheint etwas prätentiös bei einem 42-Jährigen, doch seine «Cabaret Crusades» haben auf der documenta 13 und in den Berliner KunstWerken großes Aufsehen erregt. Darin führt der Ägypter die Geschichte sämtlicher Kreuzzüge als Marionettenspiel auf – aus arabischer Perspektive. Leider wurde das Mammut-Werk auf dem Festival nicht gezeigt.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Beitrag über die Ausstellung “Al Araba Al Madfuna” mit der Videoinstallation “Cabaret Crusades” von Wael Shawky in den KunstWerken, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “The Global Contemporary – Kunstwelten nach 1989” mit Beiträgen des Künstler-Kollektivs AES im ZKM, Karlsruhe

 

und hier eine Kritik des Films “Shame” des britischen Künstlers Steve McQueen mit Michael Fassbender als Sex-Süchtigem

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Ten Thousand Waves” mit der gleichnamigen Neun-Kanal-Videoinstallation von Isaac Julien im Museum Brandhorst, München

Der Hauptpreis ging nicht an einen arrivierten Teilnehmer, sondern an die wenig bekannte Kasachin Almagul Menlibayeva. Verdient: Mit «Transoxania Dreams» setzt sie die Austrocknung des Aral-Sees in traumschöne Bilder um – eine Öko-Katastrophe als faszinierend surreales Tableau. Ihr vor Fantasie sprühender 23-Minuten-Film beweist, dass überzeugendes Kunst-Kino auch ohne hochgezüchtete Technik auskommt.

 

Luxus-Gelage auf digitaler Ferieninsel

 

Ohnehin waren die besten Beiträge nicht auf der Kino-Leinwand zu sehen, sondern in kooperierenden Kunst-Häusern: Sie können aufwändige Mehrkanal-Arbeiten angemessen vorführen. Etwa im Museum Brandhorst, das 2011 die einstündige Video-Installation «Ten Thousand Waves» des Briten Isaac Julien auf neun Kanälen gezeigt hatte. So wurde Juliens Rückkehr als Festival-Juror zum Heimspiel: Die Retrospektive seiner Filme und zwei Installationen waren stets gut besucht.

 

Am eindrucksvollsten geriet jedoch die Dreikanal-Installation «Das Fest von Trimalchio» in der Bayerischen Akademie der Künste. Antike Erzählungen von ausschweifenden Gelagen überträgt das russische Künstler-Kollektiv AES+F in die Gegenwart. In einer opulenten Digital-Animation strömen Luxus-Urlauber auf eine ideale Ferieninsel mit Skipisten, Thai-Tempeln und Palmenstrand.

 

Intelligente Satire auf globale Eliten

 

Dort frönen sie in der Manier barocker Allegorien endlos dem Golfen und Sonnenbaden. Diese intelligente Satire auf die geistlos-konformistischen Lebensstile der globalen Eliten ist so sinnlich wie raffiniert – und wahrlich für die große Leinwand geschaffen.


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