Yousry Nasrallah

Nach der Revolution – After the Battle

Unruhen auf dem Tahir-Platz. Foto: mk2/polyband

(Kinostart: 30.5.) Keine Revolution ohne Pferdefutter: Mit Stilmitteln einer Polit-Seifenoper zeichnet Regisseur Nasrallah ein präzises Bild der Gründe, warum Ägypten trotz Regime-Wechsel von Stagnation und sozialer Spaltung beherrscht wird.

Vor zweieinhalb Jahren begann der «Arabische Frühling». Er hat Ägypten einen Regimewechsel, aber bislang weder Stabilität noch Fortschritt gebracht. Die dortige Situation wirkt durch ständige Proteste und Winkelzüge aller Fraktionen undurchsichtig. Regisseur Yousry Nasrallah will sie in «Nach der Revolution» entwirren.

 

Info

Nach der Revolution – After the Battle


Regie: Yousry Nasrallah,

122 Min., Ägypten/ Frankreich 2012;

mit: Menna Shalabi, Bassem Samra, Nahed El Sebaï

 

Website zum Film

Der Spielfilm verknüpft die revolutionären Ereignisse 2011 mit einer dezenten Liebesgeschichte: zwischen der modernen Ägypterin Reem (Menna Shalabi) aus der Oberschicht und dem mittellosen Reiter Mahmoud (Bassem Samra).

 

Kamele gegen Demonstranten

 

Als Auftakt dienen Bilder, die um die Welt gingen: Am 2. Februar – einen Tag nach der Ankündigung von Diktator Mubarak, er werde bald abtreten – endete eine Demonstration auf dem Tahrir-Platz in Kairo blutig. Auf Pferden und Kamelen preschten Reiter aus dem Vorort Nazlet El-Samman in die Menge und schlugen auf sie ein.


Offizieller Filmtrailer


 

Wie Schlacht von Basra 656

 

Die Angreifer wurden jedoch zurückgedrängt. Diese «Schlacht der Kamele» erinnert an die historische Kamelschlacht von Basra am 9. Dezember 656; sie löste die erste Spaltung des Islam in Sunniten und Schiiten aus. Im Film tritt mit der Tahrir-Kamelschlacht die Kluft in der ägyptischen Gesellschaft offen zutage.

 

Einer der Reiter ist Mahmoud; er wird vom Pferd gezerrt, vor laufenden Kameras verprügelt und damit entehrt. Früher lebte Mahmoud von Touristen, die er zu den Pyramiden führte; nun bleiben in Nazlet El-Samman die Fremden aus. Er ließ sich zum Tahrir-Platz durch das Versprechen locken, die Touristen kämen zurück, wenn er Mubarak unterstütze.

 

Sich mit Pferdefutter näher kommen

 

Reem hat die Schlacht miterlebt. Sie trägt westlichen Schick, arbeitet in einer Werbeagentur und engagiert sich für Frauenrechte. Beide lernen sich auf einem Reiterfest kennen. Reem fühlt sich zu Mahmoud hingezogen, obwohl sie verschiedenen Schichten angehören. Da er kein Pferdefutter kaufen kann, versorgt sie ihn gratis damit.

 

Ihre Freundinnen sind befremdet. Davon lässt sich die selbstbewusste Reem aber nicht beirren. Sie freundet sich sogar mit Mahmouds Frau Fatma (Naher El Sebaï) an und hilft ihren Söhnen bei Schwierigkeiten in der Schule. Ihr Credo: Klassenunterschiede sollen künftig keine Rolle mehr spielen.

 

Mix aus Polit-Drama + Seifenoper

 

Derweil dient sich Mahmoud aus Geldnot dem schwerreichen Patriarchen seines Viertels an: Haj Abdallah (Salah Abdallah), der lokale Statthalter des alten Regimes, tritt zugleich jovial und gerissen auf. Er heuert Mahmoud als Spitzel und gibt ihm dafür eine Waffe – was ein Ehedrama auslöst. Während sich die Ereignisse überschlagen, finden sich alle in der Großdemonstration vom 9. Oktober wieder, die abermals eskaliert.

 

Das klingt nach einer Mischung aus Polit-Drama und Seifenoper. Tatsächlich erinnert die Machart an eine TV-Vorabendserie: viele kostengünstige Innenaufnahmen mit etlichen Beteiligten, die einander dauernd treffen, um jeweils akute Probleme zu bereden.

 

Stagnations-Ursachen präzise beleuchtet

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Cabaret Crusades + Al Araba Al Madfuna“  des Ägypters Wael Shawky auf der documenta 13 in Kassel + in den KunstWerken, Berlin

 

und hier einen Bericht über den Film „Cinema Jenin“ – Dokumentation über ein Kino in Palestina von Marcus Vetter

 

und hier eine Kritik des Films „Cairo Time“ von Ruba Nadda über die Affäre zwischen einer Touristin und einem Ägpter

Dabei schimmern pädagogische Absichten immer wieder durch. Ob archaische Ehrbegriffe, rücksichtslose Behörden-Maßnahmen, überlastete Lehrer oder allgegenwärtige Korruption: Alles wird mehrmals angesprochen, damit es jeder mitbekommt. Subtil ist dieser Film nicht.

 

Andererseits beleuchtet er die Ursachen für Stagnation in Entwicklungsländern so präzise, wie es selten geschieht. Keiner der Protagonisten ist naiv, inkompetent, lethargisch oder verrucht. Reem kennt durch ihr NGO-Engagement Methoden, um Armen und Entrechteten Selbsthilfe zu ermöglichen. Mahmoud und die Seinen wollen produktiv tätig werden und nicht zu Gewalt greifen.

 

Revolution im Staats-TV

 

Doch die Verhältnisse sind nicht so. Alle Fäden laufen beim Patriarchen zusammen, der so bauernschlau wie skrupellos darüber wacht, dass sich nichts ändert: «Ägypten bleibt, wie es ist – nur ohne Mubarak». Die Mechanismen, die dafür sorgen, führt Regisseur Nasrallah mit aller wünschenswerten Deutlichkeit vor.

 

Da bleibt den zwischen Hoffen und Bangen schwankenden Protagonisten oft nur, den Fortgang der Ereignisse passiv im Staatsfernsehen zu verfolgen. Sie leben in verschiedenen Welten: Fatma fragt ihre Freundin Reem zwei Mal, aus welchem Land sie eigentlich kommt.


Diesen Artikel drucken