Brian de Palma

Passion

Christine (Rachel McAdams) ist eine überaus erfolgreiche und verführerische Frau. Foto: Ascot Elite

(Kinostart: 2.5.) Alles da für Nervenkitzel: Gute Schauspieler, schickes Hochglanz-Setting, Machtkampf, Mobbing und Mord. Doch Brian de Palmas neuer Film, das Remake eines Thrillers von 2010, wirkt so antiquiert, dass keine Leidenschaft aufkommt.

Die elegante Christine (Rachel McAdams) ist Chefin der Berliner Niederlassung einer internationalen Werbeagentur. Sie genießt das Leben und hat einen Blick für Talente wie ihre Angestellte Isabelle (Noomi Rapace). Christine nimmt die unsichere graue Maus unter ihre Fittiche und führt sie ins leichte Leben ein.

 

Info

Passion

 

Regie: Brian de Palma,

97 Min., Frankreich/ Deutschland 2012;

mit: Rachel McAdams, Noomi Rapace, Karoline Herfurth

 

Website zum Film

Isabelle ist geschmeichelt und lässt sich gern verführen; ein bisschen bi schadet in der Branche nie. Sie fängt sogar ein Verhältnis mit Dirk (Paul Anderson) an, einem von Christines zahlreichen Liebhabern. Als die Chefin Isabelles Arbeit jedoch als ihre eigene ausgibt und sie dazu noch öffentlich demütigt, schlägt die Sympathie schnell in Niedertracht um. So entspannt Christine mit Ideen anderer umgeht, so wenig kann sie es vertragen, wenn jemand in ihrem eigenen Revier wildert. Nur hat sie Isabelle gründlich unterschätzt.

 

Letzter Film vor sechs Jahren

 

Regisseur Brian De Palma gilt mit Filmen wie «Dressed to Kill» oder «The Black Dahlia» als Thriller-Experte. Sein letzter Film «Redacted» ist sechs Jahre her. Die Erwartungen an sein neues Werk, ein Remake des französischen Thrillers «Crime d´Amour – Liebe und Intrigen» (2010) von Alain Corneau, sind also entsprechend hoch – und werden gründlich enttäuscht.


Offizieller Filmtrailer


 

Verschwiemelt erotisches Machtspiel

 

Formal stimmt alles: schöne Frauen, Intrigen, ein schickes Setting und ein Stoff, der genügend Spielraum für Doppelbödigkeiten und Hochspannung, gar Gesellschaftskritik böte. De Palma interessiert sich jedoch mehr für das verschwiemelt erotische Machtspiel schöner Frauen und Oberflächlichkeiten als für die eigentliche Krimihandlung. Das hat mitunter etwas von Altmännerphantasie.

 

Zunächst wird die Verführungskraft der Werbeagentur-Welt ausgemalt: Schicke gläserne Büros und Hochglanz-Interieurs, Designer-Outfits und tolle Partys. Echte Gefühle haben da keinen Platz, alles ist käuflich. Spätestens wenn Christine ihrer neuen Lieblings-Mitarbeiterin Isabelle knallrote, extrem hohe und teure high heels schenkt, ist klar, dass es für eine von beiden nicht gut endet. Eines Tages liegt Christine tot in ihrem Loft; einzige Verdächtige ist Isabelle, die tränenreich ihre Unschuld beteuert

 

Weder Mord noch Film funktionieren

 

Hier beginnt der düstere Teil. De Palma lässt, wie in seinen anderen Filmen, ästhetisch keinen Zweifel an seinen großen Vorbildern Alfred Hitchcock und Film Noir. Die Verhöre bei der Polizei finden in dunklen, holzgetäfelten Räumen statt. Untersichten, das Spiel mit Licht und Schatten, schräge Kamera, sogar der gute alte split screen kommen zum Einsatz. Wie eine Menge deutscher Nebendarsteller, etwa Benjamin Sadler oder Karoline Eichhorn, die Isabelles mehr als ergebene Assistentin Dani glaubhaft verkörpert.

 

Erst jetzt erschließt sich halbwegs der Filmtitel, denn die vermeintlich schwache Isabelle, die so vehement ihre Unschuld verteidigt, weckt nicht nur bei ihrer Assistentin Begehrlichkeiten. Selbst der stoffelige Kriminalkommissar zeigt so etwas wie Mitgefühl. Im Grunde geht es aber um nichts weiter als den perfekten Mord, der doch nicht funktioniert, so wie der ganze Film.

 

Hitchcock- und Selbst-Zitate

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

und hier eine Besprechung des Films „Paulista“ von Roberto Moreira über eine lesbische Liebe in Sao Paulo 

 

und hier eine Rezension des Films “ Guilty of Romance“ – packender Erotik-Psycho-Thriller aus Japan von Sion Sono

 


und hier ein Bericht über den Film „Sharayet – Eine Liebe in Teheran“ von Maryam Keshavarz über lesbisches Coming-Out im Mullah-Regime.

Außer vielleicht peinlicher Berührtheit kommt beim Zuschauer kaum eine Regung auf. De Palma bedient sich nicht nur gewohnt fleißig bei den alten Hollywood-Suspense-Meistern. Er bedient sich auch unübersehbar bei sich selbst. Wenn man es als Leistung betrachten will, einen konsequent antiquierten Film vorzulegen, dann ist sie ihm zweifellos gelungen.

 

Oder anders: Er hätte genau denselben Film auch schon vor zwanzig Jahren machen können, allerdings nicht mit Berlin als Schauplatz. Für diese Entscheidung des Produzenten Saïd Ben Saïd («Der Gott des Gemetzels») darf man wirtschaftliche Gründe vermuten, Stichwort Filmförderung. Durchgestylte Glas-Büros und Penthouse-Wohnungen gibt es überall auf der Welt.

 

Vorgetäuschte Leidenschaft

 

Obendrein passt die Musik, die zuweilen an schlimmste Keyboard-Orgien der 1980er Jahre erinnert, überhaupt nicht zum geleckten Produktions-Design. Wer mag, kann das als verfremdendes Stilmittel interpretieren. Indes fehlt dem Ganzen jegliche Ironie, die noch jeder drittklassiger Abklatsch der Schwarzen Serie hatte.

 

Obwohl die beiden Hauptdarstellerinnen alles geben, sähe man doch lieber die Besetzung des französischen Originals mit Kristin Scott Thomas und Ludivine Seignier. Die Leidenschaft ist nur vorgetäuscht. Aber damit müssen alte Männer wohl leben.


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