Terrence Malick

To the Wonder

Neil (Ben Affleck) und Marina (Olga Kurylenko) beim nächtlichen Tanz. Foto: STUDIOCANAL Filmverleih

(Kinostart: 30.5.) Innere Monologe, Musik und ein unaufhörlicher Bilderstrom: Regisseur Terrence Malick, der große Einzelgänger des US-Kinos, konzentriert sich in seiner experimentell-poetischen Filmerzählung ganz auf die Wahrheit der Liebe.

Tanz, immer wieder Tanz. Marina (Olga Kurylenko), wie sie rückwärts trippelt und Neil (Ben Affleck) hinter sich her lockt. Wie sie sich mit ihrer Tochter Anna im Kreise dreht, immer vor seinen Augen, scheinbar ohne Bodenberührung das neue Heim ausschreitet.

 

Info

To the Wonder

 

Regie: Terrence Malick

112 Min., USA 2012

mit: Ben Affleck, Rachel McAdams, Javier Bardem, Olga Kurylenko

 

Website zum Film

Wie sie im Zug auf den Abteil-Tisch steigt, dort posiert, dann über die Kante herabfließt, auf den Sitz und tiefer. Wie sie Neil umschwirrt, umschwärmt und bezirzt, während er sich kaum bewegt: ein Fels in der weiblichen Brandung, der mit kantigem Kinn mal steht, mal geht.

 

Verschwenderisches Werben

 

Ein weiblicher Ausdruckstanz, der niemals zum Paartanz wird, ein bewegungsverschwenderisches Werben, das männliche Ruhe als Ornament umspielt. Obwohl nicht er, sondern sie den Weg weiß und verlässlich ist, so dass nicht seine, sondern ihre Handlungen Gewicht haben.


Offizieller Filmtrailer


 

Weites Frankreich, enge USA

 

Dann die Bilder. Marinas weiblicher Körper, meist weniger als eine Armlänge entfernt. Ihr Bauch, ihre Haut, ihr Auge. Das französische Meer, das wabbelnde Watt, die Kloster-Insel von Mont Saint Michel. Leere Kirchen, weite Ausblicke, freie Treppen und Plätze. Das im Wind sich wiegende, im Licht sich biegende Korn.

 

Danach am Ziel ihrer Reise in den USA enge Räume zwischen Wänden, Bretterzäunen, Nutzbauten. Einander tragende, umschlingende, liebkosende Körper, später eingeklemmt zwischen massiven Tierleibern. Rückkehr in französische Weite mit zarten Sonnenuntergängen, in aufatmende Sinnlichkeit.

 

Gesang der Worte im Off

 

Und ein erneuter Aufbruch in Bedrängnis und das kalte Licht der Supermärkte. Der Priester (Javier Bardem), der an ganz anderen Orten seine Freiheit, seine Erlösung, seinen Gott sucht: in der Gemeinde der Alten, im Elend der Junkies, in provinzieller Ferne.

 

Alles untermalt von Musik, die kaum einmal aussetzt und als sanfte Flut den schönen Sinn der Bilder erschließt: von Wagner, Berlioz, Arvo Pärt. Eine Musik, die auch in den immer wieder einsetzenden Gesang der Worte im Off strömt – einen inneren Monolog der Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste, mit dem Marina ihrem misslingenden Leben Sinn und Bedeutung gibt. Im poetischen Trotz gegen den Alltag, das Schweigen, den Betrug, das Verlassen.

 

Story-Synopsis wäre irreführend

 

Terence Malick hat erneut einen ungewöhnlichen und großartigen Film gemacht, der konzentriertes Hinsehen verlangt – noch experimenteller als sein stilprägendes Debüt «Badlands» von 1973, noch konsequenter als «Tree of Life» von 2011, an dessen impressionistische Lichtmalerei «To the Wonder» anschließt.

 

Einen Film fast ohne Dialoge, in der Handlung abgemagert bis auf unerlässliche Wendepunkte. Einen Film, der sich vom US-Erzählkino so weit entfernt hat, dass es fast geschmacklos und jedenfalls irreführend wäre, die story wiederzugeben.

 

Alles Überflüssige liegen lassen

 

Würde man es versuchen, käme man nicht weit. Das Presseheft spricht von der «Liebe ihres Lebens». Tatsächlich? Das wird nirgends gesagt. Handelt es sich, streng genommen, überhaupt um bürgerliche Personen und reale Menschen?

 

Versucht man, die Protagonisten darauf festzulegen, weil man die Enthaltsamkeit des Filmes nicht aushält, drischt man doch wieder Beziehungsstroh, das Regisseur Malick wohlweislich ausgespart. Er leistet nichts Geringeres als die Konzentration aufs Wesentliche. Alle Formeln lässt er beiseite und alles Überflüssige liegen; und worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen.

 

Welt erhält Form + Inhalt zurück

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier einen kultiversum-Beitrag „Tree of Life“ – faszinierendes preisgekröntes Film-Epos von Terrence Malick

 

und hier eine Besprechung des Films „Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld“ – raffiniertes Remake des Stummfilm-Klassikers von Miguel Gomes

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die Liebenden – von der Last, glücklich zu sein“ – Melodram um Mutter und Tochter zwischen zwei Männern von Christophe Honoré mit Catherine Deneuve

 

Malick gelingt noch etwas: die Wiedereroberung des Wertes. Weil die Bilder und Bewegungen wieder selbst sprechen und die Musik ihnen dabei hilft, weil sie nicht einrasten ins sattsam Bekannte und Benannte, bekommt die Welt, o Wunder, zugleich ihre ästhetische Form und ihren Inhalt zurück – was den eigentlichen Sinn des Titels ausmacht.

 

Poesie und Stimmung verschleiern nicht, sondern sprechen immer deutlicher die Wahrheit der Liebe aus. Damit erreichen sie ironischerweise das Paradies, das den handelnden Personen bis hin zum Priester verschlossen bleibt.

 

Ben Affleck als wandelndes Foto

 

Man könnte noch erzählen, dass das ehemalige Bond-Girl Olga Kurylenko mit so tänzerischer wie darstellerischer Leichtigkeit den ganzen Film ausfüllt. Dass Ben Affleck ein wandelndes Foto spielt, Javier Bardem den Priester so leidenschaftlich wie einen Künstler gibt und die Mitwirkung von Rachel Weisz und Michael Sheen dem bewunderungswürdigen Schnitt zum Opfer fiel.

 

Man könnte auch erzählen, dass der geniale Sonderling Terrence Malick, der sich für vier Filme von seinem Debüt bis zu «Tree of Life» fast vier Jahrzehnte Zeit gelassen hat, nach «To The Wonder» nun gleich an drei weiteren Werken arbeitet, als hätte sich plötzlich ein Problem gelöst.

 

Bild- und Seelenrausch

 

Aber das alles ist letztlich unwichtig und lenkt nur ab von fast zwei Stunden überwältigendem Bild- und Seelenrausch. Wer sich diesen magischen Film anschaut, sollte alles andere ausblenden – und neu sehen lernen.


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