Désirée von Trotha

Woodstock in Timbuktu – Die Kunst des Widerstands

Ankunft der Nomaden beim Festival. Foto: Cindigo Film GmbH

(Kinostart: 16.5.) Maschinengewehre zu Elektro-Gitarren: Alljährlich soll im Norden Malis ein großes Musik-Festival der Tuareg zur nationalen Versöhnung beitragen. Regisseurin von Trotha dokumentiert es vielschichtig – vor dem jüngsten Krieg.

Ein Jahr, bevor in Malis Norden Tuareg-Sezessionisten den unabhängigen Staat Azawad ausriefen, um kurz darauf von islamistischen Hardlinern verdrängt zu werden; bevor die uralte Bibliothek von Timbuktu verwüstet wurde und französische Truppen die Stadt wieder entsetzten, filmte Regisseurin Désirée von Trotha nahe Timbuktu das Festival au Désert.

 

Info

Woodstock in Timbuktu – Die Kunst des Widerstands

 

Regie: Désirée von Trotha, 92 Min., Mali/ Deutschland 2011;
mit: Intagrist El Ansari, Manny Ansar, Fadimata Walet Omar

 

Website zum Film

Dieses überlange «Es war einmal» zum Einstieg ist notwendig. In Mali ist innerhalb eines Jahres viel passiert; dieses Wissen überschattet von Beginn an den Film, der ja eigentlich ein Fanal der Hoffnung sein sollte. Denn das Festival au Désert findet in der Nähe eines Monuments der Versöhnung statt.

 

Letzter Bürgerkrieg vor zehn Jahren

 

Der letzte Bürgerkrieg ist erst zehn Jahre her. Damals standen sich Tuareg und Angehörige der Ethnien aus dem Süden in einem weiteren Sezessionskrieg gegenüber. Das Festival au Désert spielt eine wichtige Rolle bei der gegenseitigen kulturellen Annäherung.


Offizieller Filmtrailer, englisch untertitelt


 

Malis Exportschlager Musik

 

Und zumindest kulturell hat Mali einen Exportschlager: Musik. Das gilt für den Süden, aus dem international gefeierte Stars wie Salif Keita, Ali Farka Touré oder Toumani Diabaté kommen, ebenso für die weiten Wüstengebiete des Nordens.

 

Tuareg-Bands wie Tinariwen, Tamikrest und Bombino haben einen melancholischen Blues populär gemacht, der seinen rauen Charakter vor allem elektrischen Gitarren verdankt. Für die Tuareg oder kel-tamasheq, wie sie sich selbst nennen, hat die Gitarre enorme Bedeutung. Sie startete ihre Karriere als Propaganda-Instrument.

 

Jimi Hendrix + Dire Straits als Einflüsse

 

Zu den musikalischen Einflüssen zählten damals Jimi Hendrix und Dire Straits, die im Radio zu hören waren. Stilbildend wurde die Band Tinariwen; eines ihrer Leitmotive war, AK-47-Maschinengewehre gegen Gitarren einzutauschen. kel-tamasheq-Musik transportierte Stolz und den Ruf nach Respekt, erzählte von Krieg und Flüchtlings-Elend, aber auch von Frieden und Versöhnung.

 

Diese Zusammenhänge entfaltet der Film allmählich, meist in Interviews mit einigen sehr interessanten Charakteren. Intagrist El Ansari, der philosophische Ko-Initiator des Films, erläutert mit großer Geste kulturelle Hintergründe. Ein Imam erklärt die Unterschiede zwischen dem Islam der kel-tamasheq und importiertem Salafismus.

 

Unter scharfer Armee-Bewachung

 

Ein Ex-Kämpfer, der jetzt Musiker ist, verurteilt die zunehmende Präsenz salafistischer Banden in der Gegend. Und die Festival-Veranstalter sind smarte junge Burschen, die all ihre Kräfte in ein Ereignis stecken, das der Film-Titel so reißerisch wie unpräzise als «Woodstock» beschreibt.

 

Woodstock 1969 war ein singuläres Ereignis; es entwickelte sich eigendynamisch zum völligen Chaos, das im Nachhinein durch geschickte Vermarktung zum Symbol verklärt wurde. Das Festival au Désert findet seit 2001 alljährlich, professionell organisiert und zuletzt unter scharfer Bewachung durch die Armee statt. Und die Symbolik war schon da, bevor der erste Gitarren-Verstärker angeschlossen wurde.

 

Festival für die ganzen Familien

 

Seine Wurzeln liegen im Jahres-Rhythmus der Sahara-Nomaden. Bei diesem Treffen kommen einmal im Jahr ganze Familien zusammen. In den letzten Jahren hat das Festival sich auf Betreiben des Leiters Manny Ansar einem westlichem Publikum geöffnet. Und es heilte Wunden, die der letzte Krieg geschlagen hat.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Die Farbe des Ozeans“Flüchtlings-Drama in Nordafrika von Maggie Peren

 

und hier ein Bericht über die Ausstellung „Dogon – Weltkulturerbe aus Afrika mit Meisterwerken der Mali-Kultur in der Bundeskunsthalle, Bonn

 

und hier eine Rezension der Ausstellung  „Roads of Arabia“ über archäologische Schätze aus Saudi-Arabien im Pergamonmuseum, Berlin.

Natürlich geht es in dem Film auch um Musik; mit getragenen Gitarrenklängen lassen sich herrliche Landschaftsbilder untermalen. Konzertauftritte nehmen viel Platz ein, aber in beiden Fällen kam es Regisseurin Désirée von Trotha nicht auf spektakulär gefilmte Bilder an.

 

Wasser in der Wüste + Strom in der Gitarre

 

Sie fand interessanter, mit ihrer Kamera in die Zelte der Musiker zu gehen und dort Proben, Jam-Sessions und vor allem Gespräche mit ihnen aufzuzeichnen: über die Rolle der Frau in der nomadischen kel-tamasheq-Gesellschaft, über Islam und Islamismus, Wasser in der Wüste und Strom in der Gitarre.

 

Dabei zeigt sich, dass hier Musik mit allem zusammenhängt, immer auch mit Politik. Und politisch hat sich die Lage einmal mehr als explosiv erwiesen. Seit den Dreharbeiten haben sich die Ereignisse überschlagen; im Film werden sie in einer Coda zusammengefasst.

 

Festival-Crew durch Krieg zerstreut

 

Darin erfahren wir, dass die Festival-Crew in alle Winde zerstreut ist, so wie das Wohngebiet der kel-tamasheq, das sich über fünf verschiedene Staaten erstreckt. 600.000 Menschen waren zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Films auf der Flucht; seitdem hat sich die Lage abermals geändert. Die Regisseurin, die Mali schon lange regelmäßig bereist, wird bei einigen Kino-Vorstellungen diese Entwicklungen persönlich kommentieren.


Diesen Artikel drucken