Peter Strickland

Berberian Sound Studio

Gilderoy (Toby Jones). Foto: Rapid Eye Movies

(Kinostart: 13.6.) Psycho-Thriller der besonderen Art: Regisseur Peter Strickland lässt einen Vertonungs-Künstler an einem Klangstudio irre werden – und demonstriert raffiniert, wie allein Geräusche die Vorstellungskraft auf Hochtouren bringen.

Mit seinem unabhängig produzierten Spielfilm-Debüt, dem in den Karpaten spielenden Rachedrama „Katalin Varga“, machte Regisseur Peter Strickland auf sich aufmerksam; dafür gewann er 2009 u.a. einen „Silbernen Bären“ für das Sound Design.Vier Jahre dauerte es, bis er mit „Berberian Sound Studio“ einen Nachfolgefilm ablieferte, der seinen Ruf als Filmemacher mit einer besonderen Beziehung zum Klang festigen wird.

 

Info

 

Berberian Sound Studio

 

Regie: Peter Strickland,

92 Min., Großbritannien, Deutschland 2012;

mit: Toby Jones, Fatma Mohamed, Tonia Satiropoulou

 

Weitere Informationen

 



Ko-produziert wurde der Film von dem unwahrscheinlichen Gespann aus Hans W. Geissendörfer, Macher der Endlos-TV-Serie „Lindenstraße“, und der hippen britischen Firma Warp-Films (u.a. „This Is England“), was zeigt, welche Sorte Leute in Peter Strickland Potenzial sehen. Stricklands neuer Film erzählt eine denkbar knappe Geschichte: Herr Gilderoy, ein britischer Geräuschemacher, Spezialist für Tier- und Kinderfilme wird aufgefordert, in einem italienischen Tonstudio bei der Vertonung eines sogenannten „Giallo“-Films mitzuwirken, einer Italo-Variante des Horrorkinos. Daran verzweifelt er allmählich.

 

Nie zuständige Studio-Sekretärin

 

Zu groß sind die kulturellen Unterschiede: hier verkörpert von unaufhörlich redenden Machos vom italienischen Produktionsstab; der schönen, aber niemals zuständigen Sekretärin und dem einsilbigen Studioingenieur – oder ist er sogar feindselig? Da ist Gilderoy nicht so sicher.

 

Toby Jones spielt ihn mit eiserner Disziplin, in der das Zucken eines Gesichtsmuskels ganze Monologe ersetzt. Sicher ist, das ihm bei diesem Projekt irgendetwas entgeht und zwar mehr, als nur die Rückerstattung seines Fluges, an der er regelmäßig scheitert. Und ganz sicher ist er, dass er mit dem, was vertont werden soll, nicht glücklich wird.


Offizieller Film-Trailer


 

Vom offensichtlich blutrünstigen Film, der da entstehen soll, bekommt der Zuschauer nur das Entsetzen mit, das sich in Gilderoys Gesicht spiegelt, und den fiktiven Vorspann, der zu Beginn die eigentliche Titelsequenz ersetzt. Strickland treibt das Spiel mit Perspektiven, Film-im-Film-Ebenen, Wiederholung und Variation auf die Spitze. Dieses Spiel darf wohl als das eigentliche Thema des Films gelten – gemeinsam mit dem retromanischen Interesse an der B-Picture-Kultur der Giallo-Filme (die bei der Wahl der Komponisten durchaus anspruchsvoller war als bei der Wahl der Schauspieler) und am Fetisch-Charakter alter Studio-Hardware.

 

 Kamerafahrten entlang der Tonstudio-Ausstattung

 

An dieser fährt die Kamera entlang wie im Kino sonst nur an Autos, Waffen und Frauenkörpern: Mischpult, Kompressoren, Oszillatoren, Mikrophone, Bandgeräte und ein Tape-Delay-Effektgerät, dem Toby Jones in einer wunderbaren Einzelszenen ein improvisiertes kleines Kunstwerk entlockt. Denn aus der Sicht des wohl naivsten Filmhelden seit Forrest Gump (er erhält regelmäßig Briefe von seiner Mutter, in deren Gartenhaus er offenbar sein eigenes Studio hat) sind auch seine Geräte unschuldig.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Peter Strickland über den Film „Berberian Sound Studio“

 

und hier einen Bericht über den Film „Blank City“ von Céline Danhier über die New Yorker „No Wave“ Film- und Musik-Szene der 1970er Jahre

 

und hier eine Besprechung der Doku „United States Of Hoodoo“ von Oliver Hardt über Voodoo in den US-Südstaaten

 

und hier eine Rezension des Films „Sound of Noise“ – Die Musik-Terroristen von Ola Simonsson + Johannes Stjärne Nilsson

 

Während er synchron zu Folterszenen auf der Leinwand Melonen und Kohlköpfe in Stücke hackt, beschleicht ihn der Gedanke, es könnte ganz anders sein. Während er an diesem Gedanken psychisch zerbricht, enthüllt sich Stricklands formale Kunst, drei bis vier Erzählebenen miteinander in der Schwebe zu halten und dabei fortwährend Bilder zu produzieren, die sich ins Gedächtnis einbrennen, wie gewisse Einstellungen des frühen David Lynch oder Alfred Hitchcocks.

 

Sichtbarer Klang

 

Insofern ist „Berberian Sound Studio“ mehr als die Summer seiner Teile: eines Polanski-artigen Psychodramas, einer Hommage an den Giallo-Film, an analoges Sound Design, die Sängerin Cathy Berberian und eine Handvoll obskurer Regisseure, und einer Stilübung in der Tradition von Francis Ford Coppolas „The Conversation“ und Brian De Palmas „Blow Out“. Nicht zuletzt ist „Berberian Sound Studio“ ein Film, der Klang sichtbar macht.

 

Das gilt für die langen Einstellungen, in denen die Synchronsprecher in der Gesangskabine kunstvolle Schrei-Koloraturen und Röcheleien ausstoßen, oder die Szenen, in denen Gilderoy kurze Glücksmomente erlebt, wenn er zur Abwechslung nicht Lustmorde akustisch inszenieren soll, sondern einfach sein unschuldiges Können ausspielen kann.

 

Die verschachtelte inhärente Logik des Films dagegen weckt den Wunsch, ihn gleich noch einmal sehen zu wollen, um seinem Geheimnis auf die Schliche zu kommen. Etwas Besseres kann ein junger Regisseur kaum erreichen.


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