Pete Doherty + Ch. Gainsbourg

Confession

Octave (Pete Doherty) und Brigitte (Charlotte Gainsbourg) bei einem Spaziergang. Foto: Farbfilm Verleih
(Kinostart: 20.6.) Schöner schwärmen, schmachten und leiden: Einen Liebesroman des Romantikers Alfred de Musset überträgt Regisseurin Verheyde werkgetreu in die Gegenwart – mit dem brillanten Rockstar Pete Doherty in der Hauptrolle.

Das Wort “Bekenntnisse” ist ziemlich aus der Mode gekommen, die Sache selbst umso populärer geworden: In unzähligen Talkshows legen die Teilnehmer einen Seelen-Striptease hin und enthüllen bedenklos ihr Innerstes.

 

Info

Confession

 

Regie: Sylvie Verheyde

115 Min., Frankreich/ Deutschland/ Großbritannien 2012;

mit: Pete Doherty, Charlotte Gainsbourg, August Diehl

 

Weitere Informationen

Das hatte im 19. Jahrhundert mehr Klasse; grandios etwa bei Alfred de Musset, dem grossen Schwärmer und Stilisten unter den französischen Romantikern. In den “Briefen aus meiner Mühle” oder dem Drama “Man spielt nicht mit der Liebe” gab er seinen empfindsamen Seelenregungen formvollendet Ausdruck.

 

Zeitgenosse im Biedermeier

 

Jetzt ist sein autobiographischer Roman über seine stürmische Liebe zu George Sand, femme fatale der ersten Jahrhunderthälfte, verfilmt worden: Die “Bekenntnisse eines Zeitgenossen” der Jahrzehnte der Restauration, die man in Deutschland Biedermeier nennt.


Offizieller Filmtrailer


 

Erst zieren, dann zögern

 

Erzähler Octave (Pete Doherty) lebt als Sohn aus gutem Hause wie in einem goldenen Käfig. Politisch bewegt sich nichts, sein Pariser Freundeskreis frönt allerlei dekadentem Zeitvertreib, um die Langeweile zu vertreiben; von Ausritten zu Pferd bis zu rauschenden Festen. Auf einer dieser Soireen liebäugelt Octaves Geliebte mit einem Anderen, was ihn vor Eifersucht rasend macht. Er stürzt sich in Gelage mit freizügigen Gespielinnen – bis sein Vater stirbt.

 

Schock und Läuterung des Helden: Nun macht er artig der jungen Witwe Brigitte (Charlotte Gainsbourg) den Hof, die sittsam auf dem Lande haust. Erst ziert sie sich lange, bis seine Beharrlichkeit obsiegt. Dann kann sie sich nicht dazu durchringen, mit ihm zu neuen Ufern aufzubrechen – bis seine Gefühle erkalten.

 

Pausbäckig und altklug in Rüschenwäsche

 

Feuer und Glut der Leidenschaft, Ernüchterung und Asche – eine alte Geschichte. Selten wurde sie so feinfühlig und nuanciert erzählt wie von de Musset. Regisseurin Sylvie Verheyde überträgt sie werkgetreu und zugleich absolut zeitgemäß auf die Leinwand: Die Hauptrolle mit Pete Doherty zu besetzen, ist ein Geniestreich.

 

Der skandalumwitterte Kopf der Britrock-Band “The Babyshambles” legt ein phänomenales Kino-Debüt hin. Weh und Ach einer zwischen Hingabe und Egoismus, Sehnsucht und Weltekel zerrissenen Seele verkörpert Doherty herzergreifend, wenn er pausbäckig und altklug aus seiner Rüschenwäsche guckt.

 

Drogen-Liaison als Schauspiel-Praktikum

 

Hintergrund

 

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Kein Wunder: Schon mit seiner ersten Band “The Libertines” eiferte Doherty jenen französischen Libertins nach, mit denen Octave verkehrt; samt August Diehl als diabolisch gefühlskaltem Busenfreund Desgenais. Von ihren Exzessen dürfte Doherty seit seiner drogengeschwängerten Liaison mit Star-Model Kate Moss mehr als genug verstehen.

 

Dass ihr dieser Verehrer nicht geheuer ist, kann man seiner Angebeteten kaum verdenken. Charlotte Gainsbourg verleiht ihrer Brigitte genau die richtige Mischung aus Willfährigkeit und Eigensinn, um sie als höhere Tochter der Epoche glaubhaft werden zu lassen. Einer Zeit, in der sich Frauen formal Männern in allen Belangen unterordnen mussten, obwohl sie begannen, sich mit Bildung selbstständig zu machen – die ersten Anfänge der Emanzipation.

 

Gegenwart in edlem Ambiente

 

De Mussets amour fou zu George Sand würde sich heute schwerlich so zutragen: Sie müsste kaum fürchten, was die Leute denken, wenn er sie täglich besuchte. Doch die Mechanik der Liebe verläuft unverändert vom ersten Auflodern bis zur Asche. Insofern zeigt “Confession” eine ganz gegenwärtige Geschichte – in edlem Ambiente, mit geschliffenen Dialogen und erlesenem Dekor.


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