Bielefeld

Schönheit und Geheimnis: Der deutsche Symbolismus – Die andere Moderne

Leo Putz: Vanitas (Detail), 1896, Öl auf Leinwand. Foto: Kunsthalle Bielefeld

Fantasy mit Goldrand: Der Symbolismus war genauso zeitgemäß modern wie andere Stile – nur richtete er den Blick nicht nach außen, sondern nach innen. Womit er zum Vorläufer von Surrealismus und SM-Pornographie wurde, wie die Kunsthalle zeigt.

Ohne ihn wären «Harry Potter» oder die «Twilight»-Saga nicht denkbar: Der Symbolismus hat die europäische Mythen- und Fabelwelt jahrhundertealter Legenden für die Moderne aufbereitet. Dafür prägte er Bildformeln, die bis heute gültig sind. Fantasy, Hexen oder Vampire sind populär wie nie zuvor, doch symbolistische Kunst wird wenig beachtet.

 

Info

Schönheit und  Geheimnis: Der deutsche  Symbolismus – Die andere Moderne

 

24.03.2013 – 07.07.2013

dienstags – sonntags 11-18 Uhr, mittwochs 11-21 Uhr, freitags 11-20 Uhr, samstags 10-18 Uhr

in der Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5, Bielefeld

 

Weitere Informationen

Sie kommt in vielen Museen zum 19. und 20. Jahrhundert kaum vor. Der Symbolismus passt nicht in die Erzählung einer schnurgeraden Entwicklung moderner Kunst vom Realismus über Impressionismus, Futurismus und Expressionismus zur Abstraktion. Oft wird ihm nachgesagt, er sei der Vergangenheit zugewandt, eskapistisch, süßlich, schwülstig und kitschig.

 

Gegenbewegung gegen Rationalisierung

 

All das mache die Modernität des Symbolismus aus, betont die Biefelder Kunsthalle im Ausstellungs-Untertitel «Die andere Moderne». Mit Recht: Der Symbolismus war nicht die erste Gegenbewegung gegen Industrialisierung und Rationalisierung der Welt, und er sollte nicht die letzte bleiben. Nur verstand er sich kaum als Bewegung, weil seine Vertreter zu eigenwillig und disparat auftraten. Doch einte sie eine ähnliche Weltanschauung.


Impressionen der Ausstellung


 

Von Geschichte und Psychologie angeregt

 

Die Hinwendung zu einer verklärten Vergangenheit aus Verdruss über eine als banal empfundene Wirklichkeit motivierte schon die Romantiker. Mitte des 19. Jahrhunderts pinselten zahllose Maler idyllische Genre-Szenen als Gegenentwürfe zur Lebenswelt, die zunehmend von Mechanik und Maschinen dominiert wurde. Daran knüpfte der Symbolismus an; den Begriff prägte der französische Dichter Jean Moréas 1886.

 

Zu dieser Zeit war symbolistische Kunst längst geläufig: Die frühesten in der Schau gezeigten Werke stammen aus den 1850er Jahren, die jüngsten entstanden in den 1920ern. Zurecht weist sie darauf hin, dass auch der Symbolismus von modernen Wissenschaften angeregt wurde – nur eben nicht von Physik und Chemie, sondern von Historiographie und Psychologie.

 

Eine Geisteshaltung, aber kein Stil

 

Die Kunst sollte nicht die Außenwelt, sondern die Tiefen der Innenwelt ausloten: Ahnungen und Ideen, Wünsche und Ängste, die es in Symbolen auszudrücken gelte. Diese Sinnbilder fielen notwendigerweise individuell und mehrdeutig, anspielungsreich und vielschichtig aus. Darum war der Symbolismus eine Geisteshaltung, aber kein Stil. Ihm verpflichtete Künstler pflegten ihre eigenen Malweisen: von akribischer Realitätstreue bis zu farbenfroher Flächigkeit.

 

Diesen Variantenreichtum symbolistischer Kunst in Deutschland führt die Kunsthalle augenfällig vor. Max Klinger gestaltete seine Radierungen mit geradezu altmeisterlicher Präzision – bei teils wahnwitzigen Bildinhalten: Da erscheint die Pest als monströser Raubvogel, der von einer Nonne im Spital bekämpft wird. Ein verlorener Handschuh wird bei Klinger zur Hauptperson einer Grafikfolge voller Visionen und Obsessionen.

 

Bevorzugtes Genre Landschaften

 

Der Maler Ludwig von Hofmann verlegte sich dagegen auf leicht oder gar nicht bekleidete Mädchen und Jünglinge in leuchtenden Farben, die sich heiterem Spiel in paradiesischen Idyllen hingaben. Sie waren ein bevorzugtes Genre der Symbolisten: Aus Naturerscheinungen, Tempelruinen und Staffage-Figuren komponierten sie Sehnsuchtsbilder, die geradezu überprägnant eine gewisse Stimmung erzeugten.

 

Ihr Vorbild war Arnold Böcklin, dessen «Toteninsel» von 1883 rasch enorm populär wurde. Von ihm inspiriert wurden die «Gestade der Vergessenheit», die Eugen Pracht 1889 schuf; sie sollen das Lieblings-Gemälde von Kaiser Wilhelm II. gewesen sein. Es zeigt, dass auch scheinbar fotorealistische Darstellungen symbolistisch aufgeladen werden konnten.


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