München

Die Kulisse explodiert: Frederick J. Kiesler, Architekt und Theatervisionär

Die Kulisse explodiert: Frederick J. Kiesler. Foto: Oliver Heilwagen

Theater als Achterbahn und Wohnen in Eier-Blasen: Das Multitalent Frederick J. Kiesler war nie um revolutionäre Ideen verlegen. Die Villa Stuck zeigt seine Arbeiten für das Theater als fabelhafte Inszenierung der Überwältigung.

Alle verlangen nach Visionen: in Politik und Wirtschaft, Städtebau und Schaugewerbe. Wie man Visionen am laufenden Band produziert, ohne sich mit kleinlichen Einwänden über ihre Realisierbarkeit aufzuhalten, zeigt das Gesamtwerk von Friedrich Kiesler.

 

Info

Die Kulisse explodiert: Frederick J. Kiesler, Architekt und Theatervisionär

 

21.03.2013 – 23.06.2013

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr

in der Villa Stuck, Prinzregentenstr. 60, München

Katalog 29,90 €

 

Weitere Informationen

Der 1890 im galizischen Czernowitz geborene Kiesler wollte in den 1920er Jahren das Theater revolutionieren. Da war er nicht der Einzige, aber kaum jemand dachte so radikal wie er. Die klassische Guckkasten-Bühne hatte für ihn ausgedient. Stattdessen wollte er alle damals aktuellen Techonologien ins Theater holen: für eine perfekte Illusions-Maschine.

 

Raumbühne von 1924

 

Von Filmprojektion und Scheinwerfer-Batterien bis zu motorgetriebener Hydraulik und Pyrotechnik: Alles sollte das Geschehen auf der Bühne optisch und akustisch aus den Angeln heben. Furore machte seine “Raumbühne” von 1924, die einer Achterbahn ähnelt.


Impressionen der Ausstellung


 

Alles dreht sich, alles bewegt sich

 

Während der Vorstellung sollten die Zuschaür auf spiralförmigen Rampen herumfahren, derweil die Schauspieler auf einer Plattform an der Spitze agierten. Darüber mokierte sich ein Karikaturist unter dem Motto “Alles dreht sich, alles bewegt sich.”

 

Kiesler focht das nicht an. Er war überzeugt, die Zukunft sei auf seiner Seite. Von ihm inszenierte Theatertechnik-Ausstellungen sorgten in Fachkreisen für Aufsehen, und zuweilen durfte er seine Ideen auch praktisch umsetzen – in kleinerem Maßstab. Etwa 1929 das “Film Guild Cinema” für einen US-Kinoverband: Hier ließ sich die Leinwand in jede Form von schlitzartig bis kreisrund einstellen – eine entbehrliche Neuerung.

 

Inhalte sind eher unwichtig

 

Seine Innovationen pries Kiesler im expressive-antibourgeoisen Jargon der Zeit an, doch im Grunde ging es ihm um etwas anderes: Das Theater sollte die Wahrnehmung genauso entgrenzen, wie es das Kino oder die pompösen Varieté-Bühnen der Epoche konnten. Er war ein früher Propagandist der Spektakel-Gesellschaft – Inhalte und Botschaften dessen, was auf der Bühne gegeben wurde, waren ihm eher unwichtig.

 

Deshalb war er in den USA, wohin er 1926 emigrierte und seinen Vornamen anglisierte, genau richtig. Dort ergatterte er 1933 den Posten des Ausstattungs-Direktors an der renommierten Julliard School of Music in New York und entwarf 24 Jahre lang Kostüme und Bühnenbilder für Aufführungen. Sie muteten anfangs surrealistisch, später eher existentialistisch an; Kiesler ging mit der Zeit.

 

Riesen-Repros neigen sich bedrohlich

 

Dennoch verblüfft bis heute seine Kühnheit: Er steckte die Schauspieler in meterhohe Pappmaché-Figuren, die wie Skizzen von Mirò und Cocteau aussahen, oder wuchtete bizarre-amorphe Konstruktionen auf die Bühne. Solches vom Stück ablenkendes Augenpulver wagt auch gegenwärtiges Regietheater nur selten.

 

All das wird von der Villa Stuck fabelhaft präsentiert. Über zwei Etagen läuft ein Ausstellungs-Parcours, der Besucher hinter jeder Ecke überrascht. Hier scheint es keinen rechten Winkel zu geben; riesenhaft vergrößerte Reproduktionen von Kieslers Kopfgeburten neigen sich bedrohlich auf den Betrachter herunter. Eine Inszenierung, die seine Überwältigungs-Ästhetik kongenial veranschaulicht.

 

Kiesler zeichnete schlecht

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Die Leidenschaften - das Spektrum der menschlichen Affekte als «Drama in fünf Akten« im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Carlo Mollino – Maniera moderna - Retrospektive über den Architektur-Designer im Haus der Kunst, München

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Cinema of the future – Kino der Zukunft - Ausstellung über Kino-Architektur im Architekturforum Aedes, Berlin

 

Zugleich kaschiert sie diskret seine Schwächen: Die Schau ist in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Theatermuseum und der Kiesler-Privatstiftung in Wien entstanden. Dort hat man es nicht so sehr mit der Kritik an Hausheiligen.

 

Dabei fällt auf: Viele Entwürfe wirken vage und fahrig. Kiesler konnte offenbar nur schlecht zeichnen. Gern flüchtete er sich in Diagramme, die mit ihren Kreisformen wie astronomische Karten oder technische Baupläne aussehen – aber völlig offen lassen, wie das umzusetzen wäre.

 

Wie bei Buckminster Fuller

 

Zudem beschränkt sich die Ausstellung wohlweislich auf Kieslers Arbeiten zum Theater. Wenige Ausflüge in seinen “eigenwilligen Architektur-Kosmos” wirken teils haarsträubend. Etwa seine Pläne aus den 1950er Jahren für ein “Endless House”: Künftig sollten Menschen in einer Art Eier-Blasen leben, die als Modul-System beliebig verlängert werden sollte.

 

Solche Absonderlichkeiten erinnern an einen anderen großen Exzentriker des 20. Jahrhunderts, an R. Buckminster Fuller. Beide machten mehr durch hochfliegende Vorhaben und vollmundige Spekulationen als durch ausgeführte Projekte von sich reden. Und beiden gelang es, sich von ihren Zeitgenossen als multitalentierte Vordenker feiern zu lassen. Dass fast alle ihre Ideen mit ihnen starben, liegt in der Natur der Sache: Sie waren eben echte Visionäre.


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