Gauri Shinde

Englisch für Anfänger – English Vinglish

Shashi (Sridevi) spaziert durch den Central Park in New York. Foto: Rapid Eye Movies

(Kinostart: 27.6.) Culture Clash at its best: Getarnt als Feelgood-Multikulti-Komödie, erzählt Regisseur Gauri Shinde die Geschichte der kulturellen und persönlichen Emanzipation einer indischen Hausfrau und Mutter in New York.

In Indien werden jedes Jahr etwa 900 Filme produziert, mehr als in jedem anderen Land; 1,2 Milliarden Inder geben Milliarden von Rupien für Tickets aus. Der Bedarf an Filmen mit neuen Geschichten und exotischen Kulissen wächst weiter, denn Indien hat sich geöffnet und verändert: Die rund 300 Millionen Menschen zählende Mittelschicht  verfügt über bessere Bildung und Zugang zu neuen Medien – auch aus dem Ausland.

 

Info

Englisch für Anfänger – English Vinglish

 

Regie: Gauri Shinde

133 Min., Indien 2012

mit: Sridevi, Mehdi Nebbou, Adil Hussain

 

Weitere Informationen

Millionen Inder leben mittlerweile als so genannte NRI´s (Non Residential Indians) im Ausland oder haben Familienangehörige, die in westlichen Ländern leben und arbeiten. Die indische Film-Industrie passt sich daran an: Immer mehr indische Filme spielen im Ausland oder thematisieren den Culture Clash zwischen Tradition und Moderne, zwischen Ost und West.

 

Zwischen Tradition und Moderne

 

Genau diesen Spagat muss auch die Protagonistin Shashi (Sridevi) in Gauri Shindes Debütfilm „Englisch für Anfänger“ aushalten. Sensibel und mit detailgetreuen Alltagsbeobachtungen gelingt Shinde eine Komödie, die ganz leicht daherkommt und gleichzeitig eine berührende Geschichte über Mut, Veränderung und Emanzipation erzählt.


Offizieller Filmtrailer


 

Nur Hausfrau und Mutter

 

Als Hausfrau und Mutter fühlt sich Shashi zunehmend unwohl: Ihre Kinder und ihr Ehemann leben das moderne Leben der indischen Mittelschicht, während sie den Haushalt führt und die Interessen ihrer Familie stets über ihre eigenen Bedürfnisse stellen muss. Englisch wird immer mehr zur Sprache innerhalb der Familie; Shashi, die mangels höherer Bildung nur Hindi spricht, kann nicht mithalten.

 

Tochter Sabna schämt sich für die ungebildete Mutter, die auf dem Elternabend ihrer elitären Privatschule aus dem Rahmen fällt. Da Sabnas Klassenlehrer aus dem Süden des Landes kommt und kein Hindi spricht, kann sich Shashi nicht mit ihm unterhalten. Gauri macht in solchen Szenen anschaulich, wie sehr sich das Leben in Indien innerhalb von nur zwei Generationen verändert hat.

 

Hochzeit in New York

 

Als Nichte Radha in New York heiratet, beschließt die Familie, dass Shashi bei den Vorbereitungen helfen und vorab alleine nach Amerika reisen soll, bis Mann und Kinder zur Feier nachkommen. Ein Albtraum für die schüchterne, wenig selbständige Frau, die noch nie im Ausland war. Doch die Reise wird schließlich zu einer Chance, der sich Shashi mutig stellt und die ihr neue Wege zu Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung öffnen.

 

Denn Shashi hat nach diversen Kommunikationsproblemen – wer die Ungeduld der coolen New Yorker schon einmal erlebt hat, wird mit ihr mitfühlen können – die Nase voll und meldet sich heimlich zu einem Englischkurs an.

 

Der gut aussehende französische Koch

 

Nun beginnt der heiterste Teil des Filmes! Mit viel Witz und Liebe zum Detail wird die bunt zusammen gewürfelte Gruppe der Sprachschüler zur Ersatz-Familie von Shashi im Exil: Vom pakistanischen Taxifahrer über die mexikanische Nanny und den schweigsamen Afrikaner, bis hin zu Laurent, dem gut aussehenden französischen Koch (Mehdi Nebbou).

 

Die kulturellen Unterschiede der Schar und ihre tapferen Versuche, eine neue Sprache zu erlernen, sind präzise beobachtet und eignen sich hervorragend für ein richtiges feelgood-movie. Shashi genießt neue Erfahrungen und auch die Bewunderung, die ihr Laurent entgegen bringt. Allerdings muss sie sich nun auch zwischen Pflicht und Selbstentfaltung entscheiden.

 

Sridevis Comeback

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Mitternachtskinder“ – grandiose Verfilmung des Bestsellers von Salman Rushdie

 

und hier einen Bericht über den Film „West is West“ – vielschichtige Familien-Komödie voller Situations- Komik im ländlichen Pakistan von Andy De Emmony

 

und hier eine Rezension des Films „Bombay Diaries – Dhobi Ghat“ – ein beeindruckender indischer Autorenfilm von Kiran Rao

 

Sridevi, eine der bekanntesten Bollywood-Schauspielerinnen der 1980/90er Jahre, feiert mit „Englisch für Anfänger“ ihr Comeback. Sie spielt ihre Shashi mit so viel feiner Verletzlichkeit und asiatischer Anmut, dass man sie einfach gerne haben muss. Amitabh Bachchan, der berühmteste indische Schauspieler, hat einen kleinen, sehr sympathischen Gastauftritt; klassische Bollywood-Elemente wie Gesangs- und Tanzeinlagen runden den heiteren Filmspaß ab.

 

Durch die internationale Besetzung und Geschichte können westliche Zuschauer durchaus mithalten. Fremde und Fremdsein sind schließlich universelle Themen, die jeder schon mal erlebt hat. Es ist erfrischend, dieses Thema einmal aus einer asiatischen nicht aus der gewohnten westlichen Perspektive präsentiert zu bekommen.

 

Ein Muss für Bollywood-Fans

 

Am Ende findet Shashi den Mittelweg zwischen Tradition und Moderne und bekennt sich stolz zu ihren indischen Wurzeln. Auch hier spürt man ihn wieder den Culture Clash: Als westlicher Zuschauer wünscht man Shashi durchaus eine größere Veränderung. Für eine indische Frau mag es allerdings schon einer Revolution gleichkommen, wie selbstbewusst Shashi schließlich in ihre Heimat zurückkehrt. Für Bollywood-Fans und solche, die es werden wollen, ein rundum vergnügliches Muss!


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