Berlin

Humboldt Lab Dahlem: Probebühne 1

Projekt Springer "Purnakumbha". Foto: © Staatliche Museen zu Berlin / Jens Ziehe

Die Museen Dahlem, eine der weltgrößten und bedeutendsten Völkerkunde-Sammlungen, wollen sich neu erfinden. Der erste Probelauf gerät zur Schnitzeljagd mit Stolpersteinen: Manches überzeugt, anderes verliert sich in Hightech-Schnickschnack.

Kein Berliner Museum hat so unter dem Mauerfall gelitten wie die Museen Dahlem. Nach der Wiedervereinigung wanderte die Gemäldegalerie in die Stadtmitte ab; was übrig blieb, versank in Dornröschenschlaf. Weitab im Südwesten der Stadt verborgen, verirren sich nur wenige Besucher hierher. Der riesige – und längst renovierungsbedürftige – Beton-Komplex aus den 1970er Jahren wirkt wie ein Prunkgrab.

 

Info

Humboldt Lab Dahlem: Probebühne 1

 

14.03.2013 – 23.06. 2013

täglich außer montags 10 bis 18 Uhr in den Museen Dahlem, Lansstraße 8 / Arnimallee 25, Berlin

 

Weitere Informationen

Was kaum jemand weiß: Die Dahlemer Bestände zählen zu den größten und bedeutendsten Sammlungen außereuropäischer Kunst weltweit – vom Rang des Louvre oder des British Museums. Um die vor sich hindämmernden Schätze wachzuküssen, sollen sie ins Berliner Stadtschloss umziehen, das Unter den Linden neu errichtet wird.

 

Unter einem Dach um die Welt

 

Diese Nutzung könnte sinnvoller kaum sein: anstelle von Preußens Glanz und Gloria unter einem Dach um die ganze Welt. Doch wie das arrangieren? Und wie es den Deutschen näherbringen, die schon 1919 ihre Kolonien verloren und bei Übersee zuerst an Traumurlaub auf Kreuzfahrt-Schiffen denken?


Interview mit Leiter Martin Heller + Impressionen der Ausstellung


 

Experimente können schiefgehen

 

Diese Fragen soll das “Humboldt Lab” beantworten: ein kleines Kuratoren-Team, geleitet vom Schweizer Martin Heller, das mit verschiedenen Präsentations-Formen experimentiert. Erste Zwischenergebnisse führt das Team als “Probebühne 1” vor: keine Ausstellung im üblichen Sinne, sondern eher eine Schnitzeljagd mit Stolpersteinen. In den weitläufigen Raumfluchten von Dahlem finden sich unvermutet kleine Inseln, auf denen die Lab-Leute ihre Konzepte testen – mehr oder weniger überzeugend.

 

Experimente können schiefgehen. Wie etwa die “Pre-Show” im Eingangsbereich: Hier können Besucher ihre Jacken und Taschen in Vitrinen hängen, anstatt sie an der Garderobe abzugeben. Was kaum genutzt wird; wozu auch? Zwar erinnert das Angebot daran, dass alle Museums-Exponate in Vitrinen einst Gebrauchsgegenstände im Alltag waren – aber nun sind sie es nicht mehr.

 

Viel Fuchteln für nichts

 

Auch das “Museum der Gefäße” kommt arg prätentiös daher. Alle Kulturen kennen Gefäße, und sie machen 40 Prozent des Gesamtbestands der Dahlemer Sammlungen aus. Doch ein Irrgarten aus Acrylglas mit allerlei Töpfen, Schalen und Kannen, garniert mit Video-Filmschnipseln und hochtrabenden Philosophen-Zitaten bleibt trotz seiner visuellen Transparenz ziemlich undurchsichtig.

 

Technischer Schnickschnack hilft auch wenig weiter. An einer interaktiven Projektionswand sollen Besucher wie bei der “Wii”-Gamebox mit Körperbewegungen Bilderwelten des 17. Jahrhunderts erkunden. Das geht am heimischen PC besser – viel Fuchteln für nichts. Albern wirkt zudem eine Disco-Kugel in der Südsee-Abteilung: Ihr Geflacker, das an den Sternenhimmel erinnern soll, lenkt unnötig von den prachtvollen Original-Segelbooten der Pazifik-Insulaner ab.

 

Ein eigener Raum für jedes Objekt

 

Wo die “Probebühne” von postmodernen Mätzchen absieht, klingen ihre Botschaften wesentlich einleuchtender. Und erreichen ihr Hauptziel der vielbeschworenen Kontextualisierung: Interesse und Verständnis für die Bedeutung eines Objekts in einer fremden Kultur zu wecken. Etwa bei den “Springern”: Einzelne Exponate – ein hinduistisches Ritualgefäß oder ein -stab aus Surinam – werden aufwändig aufbereitet und erklärt: als gelungene Schlaglicht-Inszenierungen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Schätze der Weltkulturen” mit Werken aus dem British Museum in der Bundeskunsthalle, Bonn

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Weltsichten– Blick über den Tellerrand!Jubiläumsausstellung des Lindenmuseums  im Kunstgebäude, Stuttgart

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Mythos Goldenes Dreieck” – Bergvölker in Südostasien im Ethnologischen Museum, Berlin-Dahlem

 

Am weitesten treibt das der Hamburger Architekt Andreas Heller in “Bedeutungen schichten”. Ein halbes Dutzend Objekte erhält je einen eigenen Raum, in dem mit anschaulich arrangierten Wortmassen alles dokumentiert wird, was darüber bekannt ist: von der Herkunft über die Material-Analyse bis zur Stilgeschichte.

 

Man sieht nur, was man weiß

 

Sinnlicher geht es bei “Musik sehen” zu. Im “lichtklangphonogramm” werden uralte Tonträger auf ebenso altertümlichen Apparaturen abgespielt. Was aus diesen Ungetümen krächzt und knistert, ist von unschätzbarem wissenschaftlichen Wert: In Dahlem lagert das weltgrößte Archiv exotischer Musik- und Sprech-Aufnahmen um 1900 – etliche dieser akustischen Zeugnisse traditioneller Kulturen sind mittlerweile verschwunden.

 

Das wird den Dahlemer Sammlungen gewiss nicht passieren; einiges in diesem Probelauf ist sicher ausbaufähig. Allen sinnvollen Ansätzen ist allerdings trotz digitaler Medien gemeinsam, dass sie auf ausführliche Erklärtexte nicht verzichten können: Wer verstehen will, muss lesen, denn man sieht nur, was man weiß.


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